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Gucci-Schau in Los Angeles : „Küsschen, Lallo“

Mitten auf dem Walk of Fame fand die Gucci-Schau statt. Bild: Reuters

Direkt auf dem Hollywood Boulevard in Los Angeles hat Alessandro Michele die neuen Gucci-Looks präsentiert. Seinem Retro-Stil blieb der Designer zwar treu, dennoch wirkten die Looks nicht mehr so nostalgisch wie zuvor.

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          Wer hundert wird und das feiert, muss es angemessen tun. Das 1921 in Florenz gegründete Modehaus Gucci fuhr dieses Jahr bereits einiges dafür auf: eine Frühjahrskollektion, die den Gründungsmythos des Hauses erzählt, eine medienwirksame Kollaboration mit Balenciaga, Pop-up-Stores in Berlin, Mailand und London. Und in einem Monat feiert Ridley Scotts Film „House of Gucci“ Premiere. Passend inszenierte das Haus am Dienstagabend eine weitere Schau: direkt auf dem Hollywood Boulevard in Los Angeles.

          Caroline O. Jebens
          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Alessandro Michele, seit fast sieben Jahren Guccis Kreativdirektor, wollte jedoch nicht nur eine Modenschau – er wollte eine „Love Parade“ voller Sehnsucht. Das Motto: „dripping with desire“. Dafür wurde der Walk of Fame abgesperrt, zwanglos schlenderten Gäste und Stars über die weitläufigen Asphalt. Über einen Livestream waren fast 6000 Menschen zugeschaltet. Drohnen und Kameras erfassten alles so, als wäre man selbst am Ort und vermittelten das Gefühl: Hier, zwischen all den Stars und Markenbotschaftern, ist Platz für alle. 

          Michele hatte schon vergangenes Jahr verkündet, keine fünf, sondern nur noch zwei Shows machen zu wollen; auch sollten diese nicht mehr nach Saison oder Geschlechtern entworfen werden. Er wolle, so schrieb er auf dem Gucci-Instagram-Account, „einen neuen Rhythmus finden“, der seinen „expressiven Impulsen“ entspreche. Nun also zentriert sich für diese Schau alles auf das berühmte TLC Chinese Theatre, ein Premierenkino Hollywoods, fast so alt wie Gucci selbst. Erst als sich die Menschenmenge auf die Stühle am Straßenrand verteilt, wird das Schaulaufen zur Modenschau. 

          Wie ein Amalgam verschiedener Epochen

          Micheles Looks sind stets vertraut in ihrer ikonischen Extravaganz, doch nicht selten verhangen in einer romantischen Ästhetik der Siebzigerjahre. Diesem Retro-Stil bleibt der Designer zwar treu. Dennoch wirkten die Looks nicht mehr so nostalgisch wie zuvor, sondern wie ein Amalgam verschiedener Epochen: Boudoir-Roben aus den Fünfzigerjahren, moderne Nylonstrümpfe, Frisuren wie aus den Achtzigern. Dann wieder ganz die Opulenz der Siebziger: Satin, Gold, Satin-Anzüge, Abendroben. Auf dem von Scheinwerfern angeleuchteten Walk of Fame laufen neben den Models auch Stars: die Schauspieler Macaulay Culkin und Jared Leto oder Musikerin Phoebe Bridgers. Die poetischen Lieder von Björk untermalen die Parade, Michele wollte sie als „zeitgenössische Stimme“ erklingen lassen. 

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          Dass die Pandemie die Art, wie Modenschauen präsentiert werden, verändert hat, zeigte sich bereits in den Schauen anderer Häuser: Die Präsentationen lösen sich von den klassischen Modemetropolen, der amerikanische Markt rückt näher. Live-Streams und Pressekonferenzen per Videoschaltung sind gängig. Stars auf Laufstegen bringen Reichweite. Dass Michele Los Angeles und nicht etwa Mailand für diese Schau wählte, hat jedoch noch andere Gründe, wie er später bei der Pressekonferenz erklärt. „Über den Wunsch, Kostümbildner beim Film zu werden, bin ich Designer geworden.“

          Durch seine Mutter habe er  den Zugang zu dieser Welt gefunden: Sie arbeitete als Filmassistentin und habe ihm das Kino und dessen Schönheit nahe gebracht: „Sie sprach ständig über den amerikanischen Olymp, über die Achtzigerjahre und die Westküste.“ Dass die Marke, für die er arbeite, eng mit der Welt des Kinos verbunden sei, fügt sich in diese Erzählung. „Andere Marken sind aus der Aristokratie oder Bourgeoisie heraus entstanden, Gucci hat seine Wurzeln in der Welt der Jetsets, der Kunst, des Kinos.“ 

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          Dass Hollywood schon länger an Strahlkraft verloren hat und auch zwielichtiger Ort sein kann, darauf wollte Michele schon vor der Schau anspielen. So bestand die Einladung aus dem Bild einer Serviette: „Triff mich am Boulevard um 8 Uhr, Küsschen, Lallo“. Diese Ironie wurde dann offen zur Schau getragen: kleine Glitzerkronen, wie von selbst gekürten Promqueens, Cowboyhüte, Federboas, riesige Sonnenbrillen, zu Hüten gewordene Bunny-Ohren. Sexpielzeug als Schmuck. Die für Gucci typischen Blumen sind nun große, halb verwelkte Orchideen. Gucci umarmt die Americana weniger verklärt, als in den letzten Jahren – und mit ihr den Kitsch, der das Haus in den letzten Jahren überlebensfähig machte. 

          „Die Straßen hatten viel hier mehr zu bieten als die Laufstege”

          Und dennoch: Warum Hollywood, warum die immer wieder da gewesenen Ikonografien nochmal neu kreieren? Was macht diesen Stil immer noch so begehrenswert? „Mein Hollywood geht über das der Filme hinaus. Mein Hollywood liegt auf der Straße. Es geht vielmehr darum, die Kleidung dieser Ikonen anziehen zu können, wer auch immer man ist, welchen Beruf man ausübt, egal zu welcher Tageszeit.“ Der Boulevard sei als Lustgarten vielfältig. 

          In den vielen Western-Looks der Kollektion sehe er somit auch keine Rückwärtsgewandtheit. Im amerikanischen Kosmos gebe es Vieles, das auch zur queeren Welt, zur Clubwelt gehöre. „Der Cowboyhut ist dabei verführerisches Objekt der Befreiung, der sich gleichzeitig selbst verspottet. Die Vereinigten Staaten sind kein modisches Land. Aber es ist ihnen durch politische Bewegungen gelungen, in gewisser Weise ‚ehrliche Mode’ zu schaffen, die in erster Linie den gesellschaftlichen Wandel ausdrückt. Die Straßen hatten viel hier mehr zu bieten als die Laufstege.”

          Am Ende der Schau verschwinden die Models und Schauspieler im Schlaglicht des Filmtheaters. Eine Drohne folgt ihnen über den Boulevard, ein „Black Lives Matter“-Schriftzug ist zu erkennen. „Es ist nicht die Aufgabe der Mode, sich gegen Politik zu stellen“, sagt Michele. Man solle aber die Politik auch nicht überschätzen: Die könnte die Zeit zumindest nicht einfach so zurückdrehen.

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