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© Timo Wirsching

Mia

Von JENNIFER WIEBKING, Fotos TIMO WIRSCHING

31.10.2016 · Mia Grünwald gehört zu den erfolgreichsten deutschen Models. Aber zu Hause ist sie nicht auf den Laufstegen der Welt – sondern in Rosbach vor der Höhe.

Ein Parkplatz vor einer alten Turnhalle in der hessischen Provinz. Die Außenwand ziert ein einsames Graffiti: „Geil“. Daneben steht eine Altkleidertonne. Rechts die Straße runter nett hergerichtete Einfahrten. Typisch Kleinstadt eben, Mias Kleinstadt. Gerade stand Mia Grünwald noch in den Duschen der Turnhalle, bekleidet mit nichts außer einem Paar Shorts in Schwarz-Rot-Gold. Eine ihrer leichtesten Trockenübungen. Sie posierte für den Fotografen unter der Dusche, Wasser kam nicht von oben, trotzdem tat sie so, als würde sie wie beiläufig zu einem Stück Seife greifen, um sich damit einzuseifen.

Jetzt steht sie auf diesem großen Parkplatz, der zum Hinsetzen nur den alten Anhänger im Schatten zu bieten hat oder den schmalen Gehsteig in der Sonne. Also der Gehsteig.

© Timo Wirsching Rotes Kleid aus Seide mit Katzendruck von Dolce & Gabbana, mit Diamanten besetzte Kreuzkette von Tiffany & Co. Mia: Minikleid mit Vulkanausbruchszenen von Valentino und Rosegold-Ringe von Dodo. Ihre jüngere Schwester Karin: Sweatshirt mit Schmetterling von Gucci, petrolfarbene Breitcordhose von A.P.C.

Mia Grünwald nimmt sich selbst nicht zu ernst, weder als Model noch als Mia aus Rosbach. Sie kann das trennen. Als Model ist sie mit ihren puppenhaften Zügen und den Haaren mit Rotstich gerade eines der spannendsten Gesichter. Als Mia studiert sie im vierten Semester Geschichte irgendwo in Deutschland, ohne dass jemand an der Universität weiß, was ihr Zweitjob ist. „Keiner“, betont sie. „Ich will nicht, dass es das Erste ist, woran man denkt. Das wäre ja keine böse Absicht. Aber Vorurteile hat man eben, auch die Professoren. Deshalb ist es mir ein bisschen unangenehm.“ Und wenn sie doch mal jemand sieht, rein zufällig, zum Beispiel in der Gucci-Kampagne des vergangenen Sommers? „Na, dann habe ich Pech gehabt.“ Sie lacht. Und falls jemand selbst auf die Idee kommt, sie könne doch Model sein? „Wenn man groß und ohne ersichtlichen Grund dünn ist, kommt die Frage schon mal. Ich sage dann immer: Danke. Und dass ich eben sehr sportlich bin und einen guten Stoffwechsel habe.“

© Timo Wirsching Übergroßer Pullover mit Muster und Applikationen von Bottega Veneta, Beigefarbene Samtbluse und grüne Brokathose von Rochas, Unterhemd von Zimmerli, strassbesetzte Hose von Michael Kors Collection, Sneaker von Converse

Mia Grünwald, 18 Jahre alt, trennt diese zwei Leben nicht erst seit gestern. Als sie 15 Jahre alt war, besuchte sie eine Freundin in Hamburg. „In einem Dönerladen traf ich dort auf meinen heutigen Mutteragenten.“ Genauer gesagt aß sie gerade ein Lahmacun. Zu der Zeit habe sie selbst nicht darüber nachgedacht zu modeln. „Hier auf dem Dorf ist das nicht der klassische Berufswunsch. Aber dann dachte ich: Okay, gerade weil ich vom Dorf komme, wäre es schön, die Möglichkeit zu nutzen, um ein bisschen was zu sehen.“

Auch zu Schulzeiten war nicht so ganz klar, was man eigentlich so in den Ferien zu tun hatte. Mia radelte oft von ihrem Zuhause in Rosbach vor der Höhe die viereinhalb Kilometer nach Friedberg, um dort ihre Freunde zu treffen. Glücklicherweise fallen die Modewochen heute gerade noch so in die Semesterferien. Für sie ist es stets das natürliche Finale ihrer Zeit on stay, wie es im Model-Jargon heißt. On stay bedeutet für sie: weg von zu Hause und die paar freien Wochen in möglichst zwei verschiedenen Städten verbringen. On stay heißt vor allem: an Casting-Tagen spätestens um neun Uhr aufstehen, dann fünf, sechs Termine wahrnehmen. „Ich habe mein Buch dabei, sage kurz Hallo, jemand macht vielleicht ein paar Bilder. Ich stelle mir das immer vor wie eine Schnitzeljagd, man muss in einer bestimmten Zeit so und so viele Termine abklappern.“ On stay heißt deshalb auch: hoffentlich alle paar Tage mal einen Job an Land ziehen, dann vielleicht nicht um neun aufstehen, sondern schon um 4.30 Uhr.

© Timo Wirsching Ledertrenchcoat und Plisseerock von Celine, Sneaker von Converse, Zopfpullover mit Rollkragen von Michael Kors Collection, schwarze Samthose von Giorgio Armani, Rosegold-Ringe mit Herzen von Dodo, Ohrstecker von Mia

Für ihren bislang größten Job, die Gucci-Kampagne, arbeitete sie in Berlin. „Das Erste, was ich dort jedem erzählt habe, war, dass ich Deutsche bin. Ich war schon stolz, dass sie Berlin ausgewählt hatten.“ Es waren bitterkalte Tage im November vergangenen Jahres. Mia stand mit ein paar anderen Models auf dem Dach des Maritim-Hotels an der Friedrichstraße, in Sommersachen. „Drinnen saß Alessandro Michele mit seinem Team um einen kleinen Bildschirm und verfolgte die ganze Zeit, wie es draußen vorangeht.“

Mia Grünwald könnte mit ihren roten Haaren, ihren lieblichen bis besonderen Gesichtszügen, die auch hinter einer dicken Brille noch wirken, kaum eine bessere Botschafterin der eigenwilligen Ästhetik des Gucci-Kreativchefs sein. „Ich kenne Alessandro Michele ja schon von den Schauen, dann ist er richtig niedlich. Bevor es losgeht, ist er total nervös. Direkt bevor man auf den Laufsteg tritt, steht er da und sagt, wie toll man aussieht. Und ich denke dann: Ja, wegen dir.“

© Timo Wirsching T-Shirt mit Garfield-Druck von Contemporary Wardrobe, Puschen von Sonia Rykiel, Bademantel von Mia

Wenn sie zurück in Rosbach ist, erzählt Mia trotzdem nur ihren besten Freundinnen davon. Dann beginnt wieder das, was für sie, das Gucci-Model, ebenso Alltag ist. Morgens aufstehen, Getreidebrei mit getrockneten Früchten frühstücken, zur Uni fahren. „Alles, was bekannt ist, hilft mir, wieder aufzuladen. Alles, was natürlich ist. Zum Beispiel zum Rewe zu laufen, das entspannt mich total, besser als jede Wellness-Kur.“

Sie meint das ernst. Sie ist ja oft genug weg. „Als Dorfkind will man ja eigentlich immer raus. Aber jetzt bin ich der Meinung, dass es nichts Schöneres gibt, als abends vielleicht mit dem Hund spazieren zugehen und dem Nachbarn Hallo zu sagen.“

Der Fotograf ruft. Zeit für ein weiteres Motiv, dann gibt es Mittagessen, und morgen fliegt sie nach Tokio. Hebt sie die Magazin-Seiten mit ihren Bildern und den Kampagnenfotos eigentlich auf? „Nö. Ich habe ja das Internet.“

Fotograf: Timo Wirsching
Styling: Almut Vogel
Model: Mia Grünwald (Place Models)
Haare und Make-up: Uli Wissel (Uschi Rabe)
Produktion: Regina Kaczmarek
Fotografiert am 5. und 6. Mai 2016 in Rosbach vor der Höhe.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 07.11.2016 14:44 Uhr