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Große Geldbörsen : Intimsphäre zum Mitnehmen

Mit der Flut an Kundenkarten hat sich auch die Form des Portemonnaies verändert, zum Beispiel bei Mulberry (oben) und Picard (Mitte, unten). Bild: Franziska Gilli

Große Handtaschen sind vielen ein Rätsel, jetzt folgt auch noch die Geldbörse. Warum tragen Frauen statt der kompakten, quadratischen Portemonnaies nun häufig riesige, rechteckige?

          5 Min.

          Nicht der Inhalt ihrer Handtasche erzählt etwas über das Leben der 26 Jahre alten Assistenzärztin aus Berlin, sondern die Geldbörse. Die liegt in ihrer Tasche, und wenn die junge Frau sie herauskramt und darin wühlt, verrät sie dabei ziemlich viel über sich selbst. Es geht nicht um die Summe an Geld, die sie zur Verfügung hat. Man erfährt mehr. Man hat anschließend eine Ahnung davon, wofür sie ihr Geld ausgibt. Zum Beispiel für Nespresso. Zu Hause hat sie wohl eine dieser Kapsel-Kaffeemaschinen stehen, denn im Kartenfach ihrer Geldbörse steckt die Nespresso-Kundenkarte. Sie scheint auch gerne einkaufen zu gehen, denn neben der Nespresso-Card blitzen da Karten von Peek & Cloppenburg und Görtz hervor. „Und hier ist noch eine Gutscheinkarte von Scotch & Soda“, sagt die junge Frau und klingt dabei selbst ein bisschen überrascht.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Stimmt, in den Tiefen dieser rechteckigen, altrosafarbenen Geldbörse ist so viel Platz, dass darin selbst die Besitzerin noch auf echte Fundstücke stoßen kann, zwischen den zwei EC-Karten, den zwei Kreditkarten, der Bahn-Card, dem Führerschein, den weiteren Kundenkarten von DHL, Ikea und Payback, der Stempelkarte von Coffee Fellows. In insgesamt acht Fächern stecken die dünnen Karten. Acht Fächer, die alle doppelt belegt sind, „manche sogar dreifach“.

          Viele junge Frauen entscheiden sich für längliche Geldbörsen

          Bargeld? Hat die junge Assistenzärztin zwar immer dabei, aber nie zu viel. Dabei wechselte sie erst vor vier Jahren von einem quadratischen Portemonnaie, das wie gemacht war für genügend Kleingeld und Scheine, zur länglich geräumigen Geldbörse mit Platz für eine Menge Karten. So wie mittlerweile viele Frauen.

          Die Frage, ob die Geldbörse nun quadratisch oder rechteckig sein soll, klingt erst einmal ziemlich banal. So banal wie die Entscheidung zwischen Beuteltee und losen Blättern, zwischen Sonnenmilch und Sonnenschutz-Spray. Es ist vor allem eine Frauenfrage, denn für die Hosentaschen von Männern sind diese länglichen Geldbörsen sowieso zu sperrig.

          Die Frage erzählt weder von einem gutgefüllten Bankkonto noch von übermäßig viel Erfolg. Statt zu erklären, wie viel Geld wir heute ausgeben, sagt sie viel mehr darüber aus, wie wir unser Geld ausgeben. Wie gerne wir verdrängen, ob wir überhaupt noch welches haben. Sie erzählt von Bequemlichkeit, vom plötzlichen Service-Gedanken in Deutschland. Davon, dass selbst so etwas Nüchternes wie die private Finanzwelt jetzt mit lauter Visitenkarten und Fotos dazwischen personalisiert wird. Vor allem aber steckt in der Frage viel von morgen, denn für die längliche Geldbörse entscheiden sich zunehmend junge Frauen.

          Die Assistenzärztin war zum Beispiel neulich ein Wochenende lang auf dem Junggesellenabschied einer Freundin unterwegs. Und alle sechs Frauen, alle unter dreißig, trugen die Geldbörse in länglicher Form bei sich.

          Rechteckige Portemonnaies dank Kundenkarten etabliert

          Auch Claudia Schulz vom Bundesverband der Schuh- und Lederwarenindustrie erinnert sich an ein Erlebnis vor wenigen Wochen auf einem „Lady’s Day“ in der Schweiz. Dort zückten die Frauen ebenfalls irgendwann ihre Portemonnaies – allesamt nicht quadratisch, sondern rechteckig. Auch Schulz hat bereits beobachtet, dass jüngere Frauen heute kaum mehr bar zahlen: „Selbst Einkäufe von zehn Euro bei Rewe werden mit der Karte erledigt. Dann ist da noch die Payback-Karte und die vom Yoga-Studio.“

          Sie glaubt, dass die Flut an Kundenkarten Bedeutung für die Form der Börsen hat. Je mehr Bonus-, Sammel-, Treue- und Mitgliedschaftskarten es mit der Zeit werden, desto stärker könnte der Druck auf die Hersteller steigen, sich im Format dem Service zu fügen. Im Jahr 2008, so erinnert sich Schulz, sei es mit dem Austeilen der Karten richtig losgegangen; seitdem etabliere sich auch die rechteckige Geldbörse.

          Die ist für die Lederwaren-Expertin bereits zu einem Privatbereich zum Mitnehmen geworden. „Da stecken Erinnerungen drin, Visitenkarten, Quittungen, es ist eine Art Intimsphäre to go“, sagt Schulz. Das stelle sie mitunter an sich selbst fest. „Wenn ich heute ausmiste, bin ich überrascht, was ich darin alles finde.“

          Ein deutsches Phänomen

          Auch die Assistenzärztin versucht, ihre Geldbörse gelegentlich auszumisten – mit eher mäßigem Erfolg. Neben Kassenzetteln von vor einem halben Jahr zog sie daraus neulich eine Quartalsbescheinigung hervor. „Die war noch aus der Zeit, als man Praxisgebühr zahlen musste.“ Die Zahlung von zehn Euro wurde zum 1. Januar 2013 abgeschafft. „Ein quadratisches Modell sähe mit solchem Krimskrams längst klobig aus. Diese Börse muss ich nicht so oft entleeren“, sagt sie.

          Dabei ist das klassisch viereckige Portemonnaie historisch eigentlich ein typisch deutsches Phänomen. Im Jahr 1845 wurde in Offenbach eine völlig neue Schließe vorgestellt. „Zuvor trug man Geldstrümpfe und Beutelformen bei sich“, weiß Johannes Pietsch, Referent für Kleidung und Textilien am Bayerischen Nationalmuseum, der 2013 die Ausstellung „Taschen“ kuratierte. Es handelte sich um einen neuartigen Metallrahmen, der im 19. Jahrhundert in Offenbach präsentiert wurde: der erste Schritt zum Portemonnaie von heute. „Die Funktion wurde zunächst in Deutschland verwendet, nicht etwa in Frankreich“, sagt Pietsch.

          Möglich, dass die quadratische Form deshalb lange Zeit nicht wegzudenken war. Georg Picard, der die deutsche Lederwarenmarke Picard in vierter Generation führt, erinnert sich an eine Zeit, als ein bis zwei rechteckige Modelle pro Saison lediglich dazu dienten, die Kollektion abzurunden. „Bis vor etwa fünf Jahren haben Frauen in Deutschland hochformatige Modelle gewählt“, sagt er. Querformate seien die absolute Ausnahme gewesen. Produzierte Picard damals von einem dieser Entwürfe fünfzig Stück, „geht es heute durchaus um die zehnfache Menge“, meint er. Die Deutschen hätten dabei mit am längsten gebraucht, sich umzustellen: „Das hat etwas mit Gewohnheitsdenken zu tun. Den Deutschen ist auch der praktische Nutzen sehr wichtig. Diesen Eindruck vermitteln Portemonnaies besser als Geldbörsen.“ Jedenfalls wenn es um bares Geld geht. „Für Münzgeld bietet die klassische Form mehr Platz.“

          „So habe ich das Gefühl, Herr meiner Ausgaben zu sein“

          Auch deshalb könnten sich gerade jüngere Frauen, die eher mit Karte zahlen, bereits an das Rechteck in der Tasche gewöhnt haben, während sich ältere noch an Barzahlung und die klassisch viereckige Form halten. Die 26 Jahre alte Assistenzärztin möchte es eher vermeiden, ständig am Geldautomaten neues Bares zu ziehen. Dagegen glaubt zum Beispiel die 60 Jahre alte Juristin aus Niedersachsen, mit EC- und Kreditkarten langfristig den Überblick zu verlieren.

          „Man hat 200 Euro in der Tasche, und plötzlich sind es nur noch 30. Das ist doch wichtig, darüber Bescheid zu wissen“, sagt sie. „So habe ich das Gefühl, Herr meiner Ausgaben zu sein.“ Ihr letztes Portemonnaie, natürlich ein quadratisches, hat fünf Jahre lang gehalten. Kurz vor Weihnachten gab es dann den Geist auf. Aber auch das neue, ein Geschenk, sollte die Form beibehalten. „Die ganze Welt beisammen zu haben würde mich eher beängstigen.“ Ihre privaten Finanzen bewahre sie stattdessen in drei verschiedenen Mäppchen auf, „das Portemonnaie ist für das Geld, in einem Etui stecken die Kundenkarten, im anderen die EC- und Kreditkarten“. Die Quittungen kommen in die Seitentasche der Handtasche.

          Das klingt ziemlich kompliziert, vielleicht zu kompliziert für einen Umgang mit Luxus, der heute immer beiläufiger wird, da Frauen oft nur noch eine Handtasche und ihren Schmuck vom Tag bis in den Abend tragen. Da die Wolle der Winterpullover auf der Haut nicht mehr kratzt. Da ständig neue Hightech-Stoffe auf den Markt kommen, die das Leben noch leichter machen sollen. Oder da es seit kurzem nun die sogenannten wallets gibt, übergroße Geldbörsen mit Tragegurt, die gleich die Handtasche ersetzen. „Eine große Geldbörse gibt Sicherheit“, meint Lederexpertin Schulz. „Frauen müssen heute so viel erledigen. So kann man alles einfach hineinschmeißen und irgendwann später sortieren.“ Irgendwann.

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