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Große Geldbörsen : Intimsphäre zum Mitnehmen

Ein deutsches Phänomen

Auch die Assistenzärztin versucht, ihre Geldbörse gelegentlich auszumisten – mit eher mäßigem Erfolg. Neben Kassenzetteln von vor einem halben Jahr zog sie daraus neulich eine Quartalsbescheinigung hervor. „Die war noch aus der Zeit, als man Praxisgebühr zahlen musste.“ Die Zahlung von zehn Euro wurde zum 1. Januar 2013 abgeschafft. „Ein quadratisches Modell sähe mit solchem Krimskrams längst klobig aus. Diese Börse muss ich nicht so oft entleeren“, sagt sie.

Dabei ist das klassisch viereckige Portemonnaie historisch eigentlich ein typisch deutsches Phänomen. Im Jahr 1845 wurde in Offenbach eine völlig neue Schließe vorgestellt. „Zuvor trug man Geldstrümpfe und Beutelformen bei sich“, weiß Johannes Pietsch, Referent für Kleidung und Textilien am Bayerischen Nationalmuseum, der 2013 die Ausstellung „Taschen“ kuratierte. Es handelte sich um einen neuartigen Metallrahmen, der im 19. Jahrhundert in Offenbach präsentiert wurde: der erste Schritt zum Portemonnaie von heute. „Die Funktion wurde zunächst in Deutschland verwendet, nicht etwa in Frankreich“, sagt Pietsch.

Möglich, dass die quadratische Form deshalb lange Zeit nicht wegzudenken war. Georg Picard, der die deutsche Lederwarenmarke Picard in vierter Generation führt, erinnert sich an eine Zeit, als ein bis zwei rechteckige Modelle pro Saison lediglich dazu dienten, die Kollektion abzurunden. „Bis vor etwa fünf Jahren haben Frauen in Deutschland hochformatige Modelle gewählt“, sagt er. Querformate seien die absolute Ausnahme gewesen. Produzierte Picard damals von einem dieser Entwürfe fünfzig Stück, „geht es heute durchaus um die zehnfache Menge“, meint er. Die Deutschen hätten dabei mit am längsten gebraucht, sich umzustellen: „Das hat etwas mit Gewohnheitsdenken zu tun. Den Deutschen ist auch der praktische Nutzen sehr wichtig. Diesen Eindruck vermitteln Portemonnaies besser als Geldbörsen.“ Jedenfalls wenn es um bares Geld geht. „Für Münzgeld bietet die klassische Form mehr Platz.“

„So habe ich das Gefühl, Herr meiner Ausgaben zu sein“

Auch deshalb könnten sich gerade jüngere Frauen, die eher mit Karte zahlen, bereits an das Rechteck in der Tasche gewöhnt haben, während sich ältere noch an Barzahlung und die klassisch viereckige Form halten. Die 26 Jahre alte Assistenzärztin möchte es eher vermeiden, ständig am Geldautomaten neues Bares zu ziehen. Dagegen glaubt zum Beispiel die 60 Jahre alte Juristin aus Niedersachsen, mit EC- und Kreditkarten langfristig den Überblick zu verlieren.

„Man hat 200 Euro in der Tasche, und plötzlich sind es nur noch 30. Das ist doch wichtig, darüber Bescheid zu wissen“, sagt sie. „So habe ich das Gefühl, Herr meiner Ausgaben zu sein.“ Ihr letztes Portemonnaie, natürlich ein quadratisches, hat fünf Jahre lang gehalten. Kurz vor Weihnachten gab es dann den Geist auf. Aber auch das neue, ein Geschenk, sollte die Form beibehalten. „Die ganze Welt beisammen zu haben würde mich eher beängstigen.“ Ihre privaten Finanzen bewahre sie stattdessen in drei verschiedenen Mäppchen auf, „das Portemonnaie ist für das Geld, in einem Etui stecken die Kundenkarten, im anderen die EC- und Kreditkarten“. Die Quittungen kommen in die Seitentasche der Handtasche.

Das klingt ziemlich kompliziert, vielleicht zu kompliziert für einen Umgang mit Luxus, der heute immer beiläufiger wird, da Frauen oft nur noch eine Handtasche und ihren Schmuck vom Tag bis in den Abend tragen. Da die Wolle der Winterpullover auf der Haut nicht mehr kratzt. Da ständig neue Hightech-Stoffe auf den Markt kommen, die das Leben noch leichter machen sollen. Oder da es seit kurzem nun die sogenannten wallets gibt, übergroße Geldbörsen mit Tragegurt, die gleich die Handtasche ersetzen. „Eine große Geldbörse gibt Sicherheit“, meint Lederexpertin Schulz. „Frauen müssen heute so viel erledigen. So kann man alles einfach hineinschmeißen und irgendwann später sortieren.“ Irgendwann.

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