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Neues Trend-Muster Glencheck : Die Phantasie webt mit

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Das unbefangene Zitieren angelsächsischer Traditionen, sagen sie, beweise in Zeiten des Brexit, dass die Mode keineswegs die Absicht habe, in der Provinz zu versauern. Sie kümmere sich nicht um nationale Werktreue und gebe sich lieber der Welt als der Betulichkeit hin. Mit anderen Worten, das Karo gehört, wohin es will, und wer bei karierten Wollstoffen zwanghaft an Alexander Gaulands Sakko denkt, an mit Tweed gepolsterte Ressentiments, der vergisst den Glencheck der Metropolen und die junge Modestudentin, die in gelber Strumpfhose, Minirock und Glencheck-Blazer à la Giorgio Armani in der Bibliothek nach Büchern über Punk und Feminismus sucht.

Er vergisst Coco Chanel, die ihren Arm in Manier eines italienischen Aufreißers um den Hals der in Glencheck-Chanel gekleideten Suzy Parker legt. Und nicht zuletzt übersieht er, dass die angelsächsische Tradition der Herrenschneiderei, dem perfekten Schnitt und makellosen Anzugstoffen verpflichtet, das Erbe der Moderne vertritt, ganz besonders dann, wenn Frauen sich ihrer bedienen. In Glencheck gehen sie ihren Geschäften nach, haben es eilig.

Der Glencheck ist nicht mädchenhaft

Unsentimental ist dieser Glencheck, der Effekt grafisch und eher kühl, aus der Entfernung kann er etwas Flirrendes, Unnahbares haben. Weniger wohlmeinend kann man ein Gitter assoziieren, ein Gerüst der Selbstzufriedenheit. Die Rede vom Kleinkarierten ist geläufig, und wahr ist, Karos sind keine Verführer. Sie schmeicheln nicht, wie andere geometrische Figuren, zum Beispiel feine Streifen, es können. Niemand wirkt schlanker in Karos oder zierlicher. Nicht zufällig trug Pretty Woman beim ersten gesellschaftlichen Auftritt an der Seite ihres zukünftigen Ehemannes ein Seidenkleid mit weißen Punkten. Der Glencheck wäre nicht mädchenhaft, nicht anschmiegsam genug gewesen, um das Erscheinen einer Prinzessin plausibel zu machen. Wie an einer Tischkante hätte sich das Klischee der Weiblichkeit an ihm gestoßen.

Die sagenhaft extravagante Tracy Lord (Katharine Hepburn) hat das selbstverständlich nicht abgehalten. Nie war der Glencheck leichter, nie war er heiterer als mit ihr 1940 in „Die Nacht vor der Hochzeit“. Tracy trägt ihn zum Reitausflug, ihr fürchterlich blasierter Verlobter George Kittredge (John Howard) nicht. Er sehe zum Fürchten langweilig und perfekt aus, findet sie, da könnten nur ein bisschen Dreck und Erde helfen. Sie wirft sich auf ihn, reibt Sand in seine Hosen. Doch der Versuch, Leben in diesen aufstiegshungrigen und stets ängstlichen Angeber zu bringen, scheitert. Tracys richtiger Mann heißt C.K. Dexter Haven (Cary Grant), und der hat, stilbewusst und auf der einsamen Höhe des Hollywood der damaligen Zeit, alles an, was an Mustern Rang und Namen hat: Streifen, Karos, Glencheck. Es ist die schnittige amerikanische Version jenseits von „Downton Abbey“. Sie liebt das Tempo der Großstädte, den Straßenlärm und neugierige Reporter. In Hitchcocks „Der unsichtbare Dritte“ wird Cary Grant neunzehn Jahre später die Vollendung dieses Glencheck tragen. Einen Anzug, dessen Karos so fein, dessen Schnitt so mühelos ist, dass das Muster wie ein Spiegel der labyrinthischen Story erscheint. In Glencheck geht es vom Büro in eine Hotelbar zum Geschäftstreffen, von dort direkt in die Lebensgefahr und das Schlafwagenabteil von Eve Kendall (Eva Marie Saint), weiter bis in den Staub eines Maisfeldes, über dem ein Flugzeug plötzlich zur Menschenjagd ansetzt. Niemals wäre Hitchcock auf die Idee gekommen, einer Frau diesen Glencheck anzubieten. Er kleidet sein männliches Ideal, eine Wunschphantasie der Eleganz und Stärke.

Wie alle Muster hat der Glencheck die Macht zur Projektion. Er fügt dem Bild etwas hinzu, was nur er hinzufügen kann. Eine Stimmung, eine Atmosphäre, in seinem Fall ist es ein Netz aus Alltag und Abenteuer, das sich im Kino der Mode allerdings längst nicht mehr an Regieanweisungen hält. Der Glencheck gehört nicht Cary Grant allein. Jeder kann sich davon nehmen, so viel und so androgyn er es mag. Der Glencheck hält sich nicht an Grenzen.

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