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Giorgio Armani im Interview : „Ich vermisse das Leben in seinem natürlichen Fluss, das Leben ohne Angst“

Designer Giorgio Armani gilt als einer der einflussreichsten Modemacher des 20. Jahrhunderts. Bild: David McKnight-Peterson

Auf der Fashion Week reagierte er als Erster und zeigte ohne Zuschauer: Designer Giorgio Armani spricht im Interview über Mode in Zeiten der Krise, sein Leben im Lockdown und seine Wirkstätte, die Modestadt Mailand.

          6 Min.

          Herr Armani, wie verbringen Sie Ihre Tage in der Isolation?

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Arbeitend und in Gedanken daran, dass uns nur der gemeinschaftliche Einsatz aus dieser schwierigen Lage herausführen wird. Mich leitet der Wille, mit meinem Handeln eine positive Botschaft zu senden. Diese Tage sind aber auch von Sorge geprägt – um Menschen, die mir nahestehen, um meine Mitarbeiter und mich selbst.

          Wie sieht ein Lockdown-Tag aus?

          Ich habe viel zu tun, manchmal mehr als früher. Ich wache auf, treibe etwas Sport, frühstücke, lese die Zeitungen. Dann checke ich meine E-Mails, mache ein paar Anrufe und treffe mich mit einer kleinen Gruppe von Menschen, die sich mit mir isoliert hat. Danach folgt ein leichtes Mittagessen und manchmal eine kurze Ruhepause.

          Danach arbeite ich bis um 18 Uhr, sehe noch etwas fern, esse zu Abend und schaue mir danach einen Film an. Ich versuche, so oft wie möglich mit Freunden und meiner Familie zu telefonieren, und achte darauf, immer ein paar Stunden an der frischen Luft im Garten zu verbringen.

          Was vermissen Sie besonders?

          Die realen, konkreten Momente. Etwa ein Treffen mit meinen Mitarbeitern im Atelier, wo wir mit der Arbeit an den Kollektionen beginnen, die Stoffe berühren und die Kleider an den Modellen arrangieren. Ich vermisse es, eng mit meinem Team zusammenzuarbeiten; die wirkliche Konfrontation, bei der man sich in die Augen schaut. Und was ich auch vermisse, ist im Hintergrund der Lärm des geschäftigen Mailands. Ich vermisse das Leben in seinem natürlichen Fluss, das Leben ohne Angst.

          Wie gelingt es Ihnen, in dieser schwierigen Zeit kreativ zu sein?

          Es mag paradox erscheinen, aber ich bleibe kreativ, indem ich pragmatisch bleibe. Unter den derzeitigen Umständen bedeutet das, sich ein Szenario vorzustellen, in dem die Zukunft eine bessere ist. Diese Krise ist eine Chance, alles zu verlangsamen und neu auszurichten. Daran arbeite ich mit meinem Team. Wir stellen gerade sicher, dass die Sommerkollektionen nach dem Lockdown bis mindestens Anfang September in den Boutiquen bleiben werden, wie es eigentlich ja auch natürlich ist.

          Welche Bedeutung hat Mode überhaupt in dieser Zeit, in der man sie kaum zeigen und sich mit ihr ausdrücken kann?

          Unter den derzeitigen Bedingungen, in denen es ums bloße Überleben geht, haben wir sicherlich eine ganz andere Einstellung zu Mode, die unnötig und überflüssig erscheinen mag. Aber wenn die Krise vorüber ist, werden wir Schönheit brauchen und wieder die einfachen Dinge im Leben zu schätzen wissen. Sicherlich werden wir bewusster einkaufen und nur das wählen, was uns wirklich etwas bedeutet. Und die Mode, die echte Mode, wird wieder größere Bedeutung bekommen.

          Die Nachricht vom ersten Covid-19-Toten in Italien erreichte die Öffentlichkeit im Februar, während der Fashion Week. Sie haben Ihre Schau hinter verschlossenen Türen abgehalten, andere Modemarken defilierten ganz normal. Was dachten Sie damals?

          Eigentlich bin ich jemand, der nie aufhören kann zu arbeiten und die Arbeit zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat. An diesem Tag wollte ich aber erst mal verstehen, was um mich herum geschieht, bevor ich weitermache. Ich beschloss: Die Sicherheit meiner Mitarbeiter und meiner Gäste hat oberste Priorität.

          Dann haben Sie sehr schnell Geld, insgesamt zwei Millionen Euro, an Krankenhäuser in Mailand und Piacenza, Ihrer Heimatstadt, gespendet. Zudem haben Sie sehr früh in vier Ihrer Fabriken die Produktion auf Schutzbekleidung für Krankenhauspersonal umgestellt. Andere Modehäuser folgten Ihrem Beispiel.

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