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Todestag von Gianni Versace : „Jeden Tag wünsche ich mir, dass Du noch hier wärest“

Der italienische Modeschöpfer Gianni Versace Bild: dpa

Vor 25 Jahren wurde der italienische Modemacher Gianni Versace in Miami erschossen, aber der Mythos lebt weiter. Seine Schwester Donatella trauert noch heute um ihn.

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          Er lebt einfach weiter. Gianni Versace ist an der Via Gesù so gegenwärtig, als wäre er nur kurz fortgegangen. Als Donatella Versace im Garten des Versace-Hauses in der Mailänder Innenstadt vor vier Wochen ihre Herrenkollektion für Frühjahr und Sommer 2023 präsentierte, gingen unter anderem die Söhne von Helena Christensen, Carla Bruni und Angela Lindvall über den Laufsteg – und sofort war die Erinnerung da an die neunziger Jahre, als diese Frauen zu den Models gehörten, die mit Gianni Versace berühmt wurden. Als sich jetzt der 25. Todestag ihres Bruders näherte, sagte Donatella, dass sein Tod die schlimmste Erfahrung sei, die sie je gemacht habe. Und am Freitagmorgen schrieb sie zu dem Jahrestag auf Instagram: „Jeden Tag wünsche ich mir, dass Du noch hier wärest.“

          Alfons Kaiser
          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Am 15. Juli 1997 war Gianni Versace aus seiner Villa „Casa Casuarina“ am Ocean Drive in Miami Beach nach draußen gegangen, um sich Zeitungen zu holen und einen Kaffee zu trinken. Als er zurückkehrte und gerade das Tor aufschließen wollte, schoss der 27 Jahre alte Serientäter Andrew Cunanan zwei Mal von hinten auf den 50 Jahre alten Designer. Den Täter, der in den Monaten zuvor auf einer mörderischen Tour durch die Vereinigten Staaten schon vier Männer getötet hatte, fand die Polizei acht Tage später, am 23. Juli 1997, ganz in der Nähe. Cunanan hatte sich auf einem Hausboot versteckt. Als die Polizei das Objekt stürmte, weil ein Verwalter einen Schuss gehört hatte, fand man die Leiche Cunanans, der sich mit einer Pistole erschossen hatte. Das Hausboot gehörte übrigens dem schillernden Hamburger Unternehmer Torsten Reineck, der damals auch in den USA Geschäfte machte – und der im Mai dieses Jahres verstorben ist.

          Mode für die Geliebte

          Gianni Versace war damals auf dem Höhepunkt seines Ruhms. Der Sohn einer Schneiderin, am 2. Dezember 1946 in Reggio Calabria geboren, war 1972 nach Mailand gezogen, arbeitete dort für mehrere Modemarken und gründete schließlich 1978 sein eigenes Label. Stärker noch als Giorgio Armani und Gianfranco Ferrè, mit denen er der italienischen Mode zu einer stilgebenden neuen Sprache neben der Dominanz des Französischen verhalf, definierte Versace den Modus der Mode neu. Die neuen gesellschaftlichen Freiheiten – Emanzipation der Frau, Akzeptanz der Homosexualität, Feier der Jugendlichkeit – nutzte er unbefangen, ja rücksichtslos: „Tradition ist etwas Wunderbares“, sagte er, „aber Du musst mit ihr brechen.“

          Der seidenen Modewelt setzte er Metallgewebe entgegen. Seine Entwürfe aus Gummi und Leder waren Fetischanspielungen. Er stellte auch Nacktheit zur Schau. Der alternden Alta Moda römischen Zuschnitts stellte er die Mailänder Moderne mit Anregungen aus der Popkultur von Boy George bis Take That gegenüber. Dieser Modemacher, so hieß es damals, statte jeden aus – von der Madonna bis zu Madonna. „Vogue“-Chefin Anna Wintour bemerkte einmal treffend: „Armani entwirft für die Ehefrau, Versace für die Geliebte.“

          Letztlich blieben Armani und Ferrè mit moderaten Entwürfen der Nachkriegstradition verpflichtet. Der wilde Gianni aus Kalabrien schloss mit seiner extremen Mode an die Vorkriegs-Avantgarde an. Seine Kettenmenschen und Ledergestalten erinnerten an den „vestito antineutrale“ des „Futuristischen Manifests“ von 1914, der gegen die Ruhe, Unentschiedenheit, Statik und Neutralität des beginnenden Jahrhunderts die Aggressivität und Dynamik der radikalen Moderne setzte. Insofern erfüllte Versace mit seiner Mission am Ende des Jahrhunderts das unvollendete futuristische Programm seines Landsmanns Filippo Tommaso Marinetti.

          Kitsch und Krise

          In den neunziger Jahren leuchtete das Medusenhaupt des Firmensymbols nicht mehr mit greller Unverschämtheit am Modehimmel. Die Sinnlichkeit wirkte plötzlich schwülstig, die Modernität sah barock aus, das aufkommende minimalistische Schwarz machte seine grellen Farben zu purem Kitsch. Der Blick der Medusa versteinerte erst recht, als Donatella, die ihrem großen Bruder bis dahin assistiert hatte, nun das Design übernahm. Die Modemacherin selbst war scheuer als ihr Bruder, unterzog sich zu vielen Schönheitsoperationen, ihre Tochter Allegra litt unter Magersucht, die Krise war greifbar, die Kollektionen wurden schwächer – und die Kritik nahm sie mit.

          „Ich hatte immer das Gefühl, ich müsse in seine Schuhe passen, und Gianni war ein Gigant“, sagte Donatella Versace vor drei Jahren dem F.A.Z.-Magazin über die schwierigen Zeiten danach. „In der Mode hat er in einer anderen Zeit Unglaubliches geschafft. Alles verkaufte sich, Preise waren egal. Das hat sich total verändert. Heute spielen Qualität und Kosten eine ganz andere Rolle. Man muss genau schauen, wie viel Kunden bereit sind auszugeben und was sie überhaupt tragen wollen. Es gibt heute ja auch viel mehr Labels. Jeder will Mode machen.“

          Zum 25. Todestag ihres Bruders, der zugleich ihr 25. Dienstjubiläum als Chefdesignerin markiert, kann man sagen, dass Donatella Versace falsche Ansprüche hinter sich gelassen hat. Der Verkauf des Versace-Mehrheitsanteils an die Michael-Kors-Unternehmensgruppe vor drei Jahren war wie ein Befreiungsschlag, auch für ihre Kreativität. Allegra arbeitet im Unternehmen mit, und ihr jüngerer Bruder Daniel, ein Rockmusiker, hat gerade geheiratet. Von Gianni habe sie gelernt, niemals aufzugeben, sagte Donatella einmal. Also macht sie einfach immer weiter. Die dauernde Arbeit am Mythos hilft ihr dabei, auch das Trauma ihres Lebens zu verarbeiten.

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