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Angeblich schädliche Stoffe : Was ist eigentlich im Nagellack?

24 Prozent der deutschen Frauen tragen einmal wöchentlich Nagellack auf. Wie gesund ist der? Bild: Picture-Alliance

Die Nägel soll man sich neuerdings mit Produkten lackieren können, die ohne angeblich schädliche Stoffe auskommen. Über ein Wettrüsten, das eher verunsichert, anstatt zu helfen.

          Beim ersten Mal dachte sie, es sei Pech. Beim zweiten Mal fing Daniela Mellis an, ihr Leben unter die Lupe zu nehmen. Mellis ist heute Mutter von vier Jungs. Nach den ersten beiden erlitt sie diverse Fehlgeburten, und spätestens nach dem zweiten Abgang überlegte sie, was sie eventuell falsch machen könnte: „Ich begann, mich mit Inhaltsstoffen zu beschäftigen.“ Beim Essen, bei Haushaltsmitteln, bei Kosmetik. „Dabei bin ich auf Untersuchungen von Nagellacken gestoßen.“ In vielen herkömmlichen seien Stoffe enthalten, die erbgutschädigend sind, hieß es in den Studien.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es waren die späten Nullerjahre, die Finanzkrise hinterließ auch beim Luxuskonsumenten ihre Spuren, die Verkäufe von Designertaschen und teuren Schuhen schwächelten, und Nagellack in verrückten Farben als verhältnismäßig preisgünstige Alternative wurde zum Trend. Es war der „Lippenstift-Effekt“, der besagt, dass Frauen in Krisenzeiten mehr Geld für Kosmetik ausgeben, und er zeichnete sich diesmal vor allem auf den Nägeln ab. Auch Daniela Mellis beobachtete, wie etwa die Bankkaufrau am Schalter plötzlich Glitzernagellack trug, wie eine Farbe wie Gelb gesellschaftsfähig wurde – und wie gleichzeitig in den Vereinigten Staaten und Großbritannien junge Marken Produkte lancierten, die ohne umstrittene Inhaltsstoffe auskamen. Über die Recherche für ein gesünderes eigenes Leben kam Mellis auf die Idee eines eigenen Unternehmens: für gesünderen Nagellack.

          Wenn bunte Nägel während der Finanzkrise zum Trend wurden, hält der Lack seitdem ganz gut. 24 Prozent der deutschen Frauen tragen einmal wöchentlich Nagellack auf, wie eine neue Studie belegt, die das Meinungsforschungsinstitut Kantar TNS für den VKE-Kosmetikverband durchgeführt hat und die dieser Zeitung vorliegt. 8 Prozent lackieren sich demnach sogar täglich die Nägel; 2013 waren es noch 3, zwei Jahre später 7.

          „Es ist zum Beispiel im Benzin enthalten“

          Die Industrie steht mit einer wachsenden Auswahl bereit – und wenn es nach einigen Marken gehen soll, ist diese eben auch gesünder. Dafür jedenfalls stehen verschiedene Etikettierungen: „3-free“, „5-free“, „7-free“ – je höher die Zahl, umso niedriger die Summe der angeblich schädlichen Stoffe, die in den kleinen Flaschen enthalten sein sollen. Nagellack soll heute auch vegan sein, laktosefrei. Vieles soll gehen. Es sind nicht nur Nischenmarken wie Daniela Mellis’ Treat, Lakur, Nailberry oder Butter London, die sich diesem Thema verschrieben haben; auch große Anbieter wie Alessandro oder Essie sind dabei.

          Nicht frei von Unsinn: Unter dem Stichwort „Free From“ werden Nagellacke gehandelt, die angeblich weniger giftig sein sollen.

          Nach der Diskussion um Aluminiumsalze im Deodorant klingt ein Nagellack mit einem Claim wie „3-free“ – also: frei von Formaldehyd, Toluol und Dibutylphthalat – erst einmal wie das nächste Produkt, das nun auch als gesündere Alternative zu haben ist. Und tatsächlich erfüllt die Industrie hier ja den Wunsch der Konsumenten, die Kaufentscheidungen mit zunehmendem Gesundheitsbewusstsein treffen. Nicht alle, aber viele Menschen betrachten den Körper mittlerweile als einen Tempel, und in einen solchen spaziert man nicht einfach mit dreckigen Straßenschuhen hinein. Wie man ihn behandelt, muss mit den Prinzipien, die dort gelten, im Einklang sein.

          Nicht nur Lebensmittel, mit denen man den Körper nährt, sondern auch Kosmetika, die man auf die Haut schmiert oder eben auf die Nägel streicht, kann man so durchaus kritisch betrachten. Besonders in Deutschland tun das viele. Der Anteil von Naturkosmetik am 13,6 Milliarden Euro schweren Geschäft mit Schönheit im vergangenen Jahr betrug hierzulande 8,8 Prozent, so viel wie nirgendwo sonst in Europa.

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