https://www.faz.net/-hrx-7t3d3

Gestalten-Verlag : „Wenn Bücher, dann Hardcover“

  • -Aktualisiert am

Für Bücher wie die von Gestalten hat sich der Begriff „Coffee Table Books“ eingebürgert, weil sie sich so hübsch als Ausstellungsstücke in Designerwohnungen machen - einmal auspacken, nie wieder anfassen. Ein Bild, von dem sich Klanten erwartungsgemäß distanziert. „Unsere Bücher werden gelesen. Das merkt man schon daran, wie viel Feedback wir auf den Inhalt bekommen.“ Auf die Frage, ob sich nicht etwas Nutzwertigeres besser verkaufen würde, hebt er fast schon beleidigt die Augenbraue: „Das ist Nutzwert. Bücher funktionieren immer dann gut, wenn sie eine Abkürzung sind“, sagt er und verweist auf den Werber, der einen Fernsehspot mit einem Tätowierten drehen soll und statt die Szene tagelang via Google zu ergründen lieber „Forever: The New Tattoo“ liest.

Ziemlich genau die Hälfte der Kunden ordnet Klanten dem Lager derer zu, die aus beruflichen Gründen kaufen, die andere Hälfte seien interessierte Privatleute der Fraktion „Wenn Bücher, dann Hardcover“. Der Siegeszug des Internets und der E-Books lässt Klanten denn auch weitgehend kalt. „Früher bin ich immer erstaunt gefragt worden: Wie, du machst noch Bücher und keine CD-ROMs? Neulich hab ich mal eine von denen in den Rechner gesteckt. Da geht gar nichts mehr. Aber die Bücher, die sind immer noch da.“

Vom Museumsshop zum Non Traditional Outlet

Was nicht mehr da ist, sind die klassischen Verkaufsorte. Die Buchhandlungen in den Innenstädten sind längst zu Krimskrams-Läden mutiert, und auch auf die Museumsshops ist kein Verlass mehr: „Gehen Sie mal ins Moma in New York. Seit die Leute alles fotografieren und bei Amazon bestellen, gibt es da kaum noch Bücher.“ An Bedeutung gewinnen stattdessen die „NTOs“, die Non Traditional Outlets, Modeläden zum Beispiel. Oder eben auch die beiden Berliner Gestalten-Shops, die als Schaufenster des Verlags dienen und wo es neben den Büchern thematisch passende Produkte gibt, von der Edelschokolade für 9 Euro bis zum Tischläufer aus einem Holz-Textil-Gemisch für 700 Euro.

Und dann ist da noch dieser gehäkelte Fuchs, knallrot und ein wenig steif, nicht eben das typische Kuscheltier, aber ein Hingucker allemal. Er soll die Aufmerksamkeit auf den Tisch mit den Kinderbüchern lenken, die jüngste Erweiterung des Sortiments. Ein Gegenentwurf zur rosaroten Welt von Prinzessin Lillifee soll „Little Gestalten“ sein, ästhetisch und anspruchsvoll, wie in Skandinavien, sagt Klanten. „Da geht’s in Kinderbüchern nicht nur um Bärchen und Kätzchen, sondern auch um ernste Themen wie Umweltschutz oder Tod.“

Parallel dazu entwickelt sich der Verlag mehr und mehr zu einer Unternehmensberatung für Markenhersteller, die auf der Suche nach ihrer Identität oder auch nur einer neuen Schrift sind. An sie richtet sich auch das Workshop-Programm, Mitte Oktober zum Beispiel lehrt Stardesigner Erik Spiekermann zwei Tage Letterpress, ein spezielles Druckverfahren - Kostenpunkt: 999 Euro. „Wir bekommen dadurch viel Kontakt zu Leuten, die uns bislang noch nicht kennen“, sagt Klanten. Nebenbei engagiert er sich als Mentor in der Berliner Start-up-Szene und tüftelt selbst an einer Idee, die das Einkaufen im Internet leichter machen soll. Irgendwoher müsse das angestrebte Umsatzwachstum von 20 bis 25 Prozent im Jahr ja kommen, meint Klanten. Zuletzt summierten sich die Einnahmen auf 11 Millionen Euro.

Nur von einer Sache lässt er lieber die Finger, wenn es denn irgend geht: Bücher von und für Unternehmen. Zu prägend war die Erfahrung mit „Out of the Blue“, einem Werk über die finnische Seele, in Zusammenarbeit mit dem Handyhersteller Nokia. Seitdem hat Klanten ein ziemlich gutes Gefühl dafür, wie es in Konzernen zugeht, wie viele Abstimmungsrunden und Ansprechpartner und Entscheidungsbefugte es braucht, um aus einer Idee ein Produkt zu machen. Drei Jahre dauerte es, bis das Buch endlich fertig war. Normal, sagt Klanten, sei ein halbes Jahr - zumindest bei Gestalten.

Das Unternehmen

Der Unternehmer Seit 1995 gibt es den Berliner Gestalten-Verlag, der in der Langfassung Die Gestalten Verlag GmbH + Co. KG heißt. Schwerpunkt sind aufwendig gestaltete Bücher zu Design, Architektur und Fotografie. Die meisten erscheinen auf Englisch, mehr als zwei Drittel der zuletzt 11 Millionen Euro Jahresumsatz erwirtschaftet Gestalten im Ausland. Als Schaufenster dienen zwei Läden in Berlin, der jüngste im kürzlich eröffneten Bikini-Gebäude. Der Verlag hat inklusive der Mitarbeiter in den Läden rund 50 Mitarbeiter. Der 49 Jahre alte Robert Klanten stammt aus dem niederrheinischen Viersen. Er studierte Industriedesign an der Folkwang-Universität in Essen, hörte allerdings vor dem Abschluss auf, um zusammen mit drei Studienfreunden in Berlin den Gestalten-Verlag zu gründen. Vor einigen Jahren zerbrach die Geschäftspartnerschaft, seitdem führt Klanten Gestalten allein und hält auch alle Anteile. Klanten, der früher in Indie-Rock-Bands Musik gemacht hat, lebt mit seiner Frau und zwei Söhnen in Berlin.

Weitere Themen

So sieht es bei den Testanbietern aus Video-Seite öffnen

Kostenpflichtige Corona-Tests : So sieht es bei den Testanbietern aus

Seit dem 11. Oktober sind Corona-Schnelltests in Deutschland in der Regel wieder kostenpflichtig. Ob sich in Zukunft nun sehr viel weniger Menschen testen lassen werden, lässt sich noch nicht abschätzen – am ersten Tag mit der neuen Regelung haben die Anbieter von Schnelltests unterschiedliche Erfahrungen gemacht.

Topmeldungen

Wollen eine Ampel-Koalition bilden: Annalena Baerbock, Olaf Scholz, Christian Lindner

Ampel und Schuldenbremse : So darf man nicht mit der Verfassung umgehen

Natürlich sollte der Bund in den Klimaschutz investieren. Doch SPD, Grüne und FDP müssen das Grundgesetz achten. Einen verfassungswidrigen Haushalt vorzulegen, wäre ein schlechtes Aufbruchssignal.
Vorbereitungen auf die Wahlparty im Konrad-Adenauer-Haus am 26. September 2021

Union nach der Wahlniederlage : Braucht es die CDU noch?

Die CDU hat nicht verloren, weil ihre Werte nicht mehr gefragt wären, sondern weil sie das moderne bürgerliche Lebensgefühl verfehlt hat. Sie braucht Änderungen in Stil und Inhalt. Ein Gastbeitrag.
Polens Ministerpräsident Mateusz Morawiecki am Dienstag in Straßburg bei einer Rede vor dem Europäischen Parlament

Debatte im EU-Parlament : Morawiecki wirft EU „Erpressung“ vor

„Die Kompetenzen der EU haben ihre Grenzen“, sagt Polens Ministerpräsident Morawiecki im Streit um die Rechtsstaatlichkeit. Kommissionspräsidentin von der Leyen hat Warschau zuvor schwere Sanktionen angedroht.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.