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Karl Lagerfeld über Literatur : „Man muss Triviales lesen“

Roger Willemsem (links) sprach mit Karl Lagerfeld auf der lit.Cologne 2012 über Literatur. Bild: Thomas Brill

Karl Lagerfeld war nicht nur ein Modekaiser, sondern auch vielseitig belesen. Das bewies er in einem legendären Gespräch aus dem Jahr 2012 mit Roger Willemsen auf der lit.Cologne. Wir haben die Bänder abgehört – und einige Weisheiten aufgelesen.

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          Am 19. Februar 2019 ist Karl Lagerfeld gestorben, am 7. Februar 2016 starb Roger Willemsen. Begegnet sind sich der Modemacher und der Moderator bei einem legendären Auftritt anlässlich der lit.Cologne am 16. März 2012. Willemsen, der Literaturwissenschaftler, trieb den Leser Lagerfeld mit seinen Fragen von einer Sentenz zur nächsten. Wir haben die alten Bänder abgehört – und einige Weisheiten Lagerfelds, der mehr als 300 000 Bücher besessen hat, aufgelesen.

          „Meine Eltern hatten eine sehr gute Idee. Ich habe von Anfang an Deutsch, Englisch und Französisch gelernt. Ich habe das nie als Erwachsener lernen brauchen. Das rate ich allen Eltern: ihren Kindern das von Anfang an beizubringen. Und komischerweise: Mein erstes französisches Buch ist wirklich Literatur, und zwar war das ,Béatrix‘ von Balzac. Das habe ich mit sechs gelesen. Es hat aber gedauert, bis ich acht war.“

          „Wir hatten keine französischen Kinderbücher. So etwas gab es in Norddeutschland nach dem Krieg nicht.“

          „Ich lese sehr viel Triviales. Man muss Triviales lesen, um die guten Sachen besser beurteilen zu können. Sonst kann man auch in der langen Weile der Kultur versinken und das ist sehr, sehr ungesund.“

          „Ich hatte einen Patenonkel, den ich toll fand, und der lebte in Münster. Der hieß Professor Ramstedt. (...) Und jeden Tag nach dem Mittagessen machte er eine lange Promenade (...) Da gibt es eine Straße, die heißt Freiligrathstraße. Und da hab ich mir erlaubt, meinen Onkel zu fragen: Wer war Freiligrath? Da hat der Mann mir eine Ohrfeige gegeben und nicht mit mir gesprochen, und ich war vielleicht elf, zwölf. Da sind wir zu denen nach Hause gekommen, und meine Mutter stand da in der Halle, und da sagt er zu ihr: ,Elisabeth, dein Sohn ist so oberflächlich und so unkultiviert wie du. Der weiß nicht, wer Freiligrath ist.‘“

          „Freiligrath, da hab’ ich offen gestanden nicht viel davon gelesen, da ist mir Eichendorff lieber.“

          „Ich hasste es, Kind zu sein, ich wollte ernstgenommen werden. Heute ist mir das egal, aber früher war mir das nicht egal. Ich konnte auch nicht wie Kinder reden. Meine Mutter sagte: ,Du bist sechs, ich bin’s nicht. Willst du mit mir sprechen, gib dir Mühe oder halt den Mund.“

          „Ich bin bei ,Am Rio de la Plata‘ nie über Seite 30 weggekommen.“

          „Ja, ich finde nichts schlimmer als zweitrangige Poesie. Das ist das Schlimmste, was es gibt.“

          „Ich habe nie Abitur gemacht. Aber ich habe das Einjährige gemacht. Und da habe ich in Literatur über den ,Tod des Tizian‘ von Hofmannsthal geschrieben. Das Tolle war, dass die Lehrer das nicht kannten. (...) Und nach dem Examen kam der Direktor von der Privatschule und sagte: Wissen Sie, Sie wissen nichts, Sie können nur schwadronieren.“

          Karl Lagerfeld inmitten einer Wochenration Lesestoff in der Bibliothek seiner Buchhandlung „L7“ in Paris

          „Beim ,Zauberberg‘ habe ich mich immer gelangweilt. Ich war dafür zu eingebildet, um zu denken, dass ich Bücher nicht verstehen könnte.“

          „Marcel Proust – ich finde den Stil toll, aber den Inhalt finde ich nicht so toll. Es gibt andere Schriftsteller aus der Periode, die ich vorziehe. Aber im Bezug auf Worte, Satzstellung und so, ist das schon genial. Das Thema interessiert mich nicht, aber die Art, wie es geschrieben ist, ist genial.“

          „Ich schreibe nicht, ich mache nur Vorworte. Das ist meine Spezialität.“

          „Maupassant, Flaubert, die haben alle Syphilis. Die ganze Belle Époque von 1900, für mich ist das eine Welt von Syphilis. Da bin ich der prüde Norddeutsche.“

          „Mein Lieblingsroman in Deutschland sind die ,Wahlverwandtschaften‘.“

          „Das Interessante in der Literatur ist die Sprache. Worum es darin geht, spielt keine Rolle.“

          „Meiner Meinung nach ist das wichtigste an einem Schriftsteller, dass er seine eigene Sprache findet.“

          „Das Papier hat einen Geruch, das kein Schirm ersetzen kann. Es tut mir leid, ich liebe iPads, aber Bücher sind besser.“

          „Ich benutze iPads, um zu zeichnen, und zwar habe ich eine Technik entdeckt, die genau wie Kupferstich ist. Das dauert lange, aber es ist toll und es ist nicht so langweilig wie Kupferstich, was sehr, sehr ermüdend ist. Man kann die gleiche Technik für iPads finden. Aber für die Lektüre, tut mir leid: Ich will umblättern und das Papier anfassen und riechen.“

          Karl Lagerfeld vor seinen Büchern

          „Ich liebe illustrierte Bücher als hübsche Objekte, aber im Grunde guckt man den Text an, und die Illustrationen sind eine Visualisierung von jemandem, der nicht unbedingt die gleiche Visualisierung hat wie der Leser. Ich bin dafür, mir das in meinem Kopf selbst auszumalen, etwas zu sehen, was meistens keine Beziehung dazu und Begrenzungen hat. Es geht auch ohne Illustrationen, auch wenn ich illustrierte Bücher liebe. Ich illustriere gerne. Aber schöne Texte, da brauche ich keine Bilder.“

          „300.000 Bücher, das sind nicht nur Lesebücher. Das ist auch alles, was im Bezug auf Kunst, Malerei, Bildhauerei, Architektur, Mode in den letzten 30, 40 Jahren erschienen ist. Das Literarische daran, das sind wahrscheinlich wenige.“

          „Ich habe sogar — das habe ich aber leider verkauft, weil ich nichts damit anfangen konnte —, ich habe sogar das Schloss besessen, das der Familie Volland gehörte, der Freundin von Diderot, wo Diderot viele seiner Bücher geschrieben hat. Das lag in einer Gegend, die unmöglich ist, in der Nähe von Épernay, die gefährlichste Gegend Frankreichs. Da kamen Diebe nachts, die dem Hauswart die Autoreifen abmontierten. Man konnte nachts nicht mit offenen Fenstern schlafen. Ich habe das zehn Jahre lang gehabt, und ich bin zweimal da gewesen zum Schlafen.“

          „Ich hasse das Wort ,Sachliteratur‘. Das Wort ,Belletristik‘ gibt es auch nur in Deutschland. Im Grunde lege ich auf Geschichten keinen großen Wert. Ich liebe Analysen und Essays.“

          „Ich gehe oft an all meinen Bücherborden vorbei und lerne visuell auswendig, wo die Sachen sind. Und wenn ich etwas brauche, kann ich anrufen und beschreiben: in dem Bord, fünftes Regal und so weiter. So muss das sein.“

          „Ich will hier nicht als alter Lehrer stehen. Ich will oberflächlich wirken.“

          „Es freut mich, wenn die Leute lesen – aber ich bin kein Apostel. Ich schlage vor, aber die Leute machen, was sie wollen. Es kommt darauf an, wie man das sagt. Man darf das nicht wie so ein Pauker sagen. Es kommt darauf an, mit wem Sie sprechen. Man muss sich in die Leute reinversetzen und ihnen dann einen Komplex geben, dass sie automatisch sagen:,Irgendwas fehlt mir doch.‘ Das ist gesunde Perversität. Irgendwie zu finden, dass die jungen Leute selbst sagen: ,Ich muss vielleicht doch mal lesen.‘“

          „Wenn man mir sagt: ,Das muss man lesen‘, dann lese ich es bestimmt nicht.“

          Über Marquis de Sade: „In Frankreich heute ist alles verboten. Nur das gilt als intellektuelle Lektüre. Würden die Leute machen, was da im Buch steht, sie wären alle im Gefängnis. Das ist nicht meine Lieblingsliteratur. Ich bin nicht sehr auf betont erotische Literatur eingestellt. Die ,Venus im Pelz‘, die können Sie behalten.“

          Aufgezeichnet von Johanna Christner.

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