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Gretchen Dutschke : „Ich vermisse den Geist von damals“

Mitreißendes Lachen: Die heute fünfundsiebzigjährige Gretchen Dutschke lebt aktuell in Berlin. Bild: Andreas Pein

Die Witwe vom Studentenführer Rudi Dutschke erzählt im Fragebogen, wie sie zur Konsumgesellschaft steht, welche Zeitung sie liest und warum sie Kleidungsstücke trägt, die 40 Jahre alt sind.

          3 Min.

          Deutscher Pass, amerikanischer Akzent: Gretchen Dutschke, Witwe des im Jahr 1979 an den Folgen eines Attentats gestorbenen Studentenführers Rudi Dutschke, hält bis heute das Vermächtnis ihres Manns lebendig. Die beiden hatten 1966 geheiratet und bekamen drei Kinder: Hosea-Che, Polly und Rudi-Marek, der erst nach dem Tod des Vaters im April 1980 geboren wurde. Anfang März erscheint ihr Buch „1968. Worauf wir stolz sein dürfen“.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Was essen Sie zum Frühstück?

          Verschiedene Sorten von Flocken mit Joghurt, Nüssen, Früchten, Ingwer.

          Wo kaufen Sie Ihre Kleidung ein?

          Meistens trage ich altes Zeug, Sachen, die Leute nicht mehr haben wollen und mir geben.

          Hebt es Ihre Stimmung, wenn Sie einkaufen?

          Es ist mir eher unangenehm. Und natürlich bin ich gegen diese Konsumgesellschaft, die so verschwenderisch ist und die Umwelt zerstört.

          Was ist das älteste Kleidungsstück in Ihrem Schrank?

          Die ältesten Sachen dürften 40 Jahre alt sein. Von einem gewissen Punkt an fallen Kleider auseinander. Aber so lange trage ich sie.

          Was war Ihre größte Modesünde?

          Was ist das? Etwas anziehen, das ein Fehler war? Darüber denke ich nicht nach, das ist mir egal.

          Tragen Sie zu Hause Jogginghosen?

          Ich zeige Ihnen, was ich trage. (Holt einen königsblauen Fleece-Einteiler, der wie ein Sack mit Ärmeln aussieht und unten zwei Löcher mit Bündchen für die Füße hat.) Darin bleibe ich warm.

          Haben Sie Stil-Vorbilder?

          Ich glaube nicht.

          Haben Sie jemals ein Kleidungs- oder Möbelstück selbst gemacht?

          Früher habe ich alle meine Kleider selbst genäht. Und in Dänemark habe ich aus Holz ein Möbelstück für die Kinder gebaut. Es hatte Platz für die Betten, eine kleine Höhle, etwas zum Klettern, ein Regal und Schreibtische.

          Besitzen Sie ein komplettes Service?

          Als wir heirateten, haben mir meine Eltern Teller aus Plastik geschenkt. Aber wenn Freunde oder Journalisten zu Besuch kamen, die mit Rudi reden wollten, haben die immer ihre Zigaretten auf diesen Tellern ausgedrückt, das hat Löcher in das Plastik gebrannt. Furchtbar!

          Mit welchem selbst zubereiteten Essen konnten Sie schon Freunde beeindrucken?

          Wenn mein Sohn zu Besuch kommt, verzieht er das Gesicht. Die Kinder haben viel Spaghetti gekriegt. Auch Rudi konnte nicht kochen, wir waren ziemlich hoffnungslos. Rudi war ein Mensch, der Familie und Heirat und alles erst mal abgelehnt hat. Aber nachher hat er sich wahnsinnig bemüht, um die Kinder, um den Haushalt.

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          Welche Zeitungen und Magazine lesen Sie?

          Die „Berliner Zeitung“ werde ich wieder abbestellen, ich schaffe es nicht, das alles zu lesen. Lieber gucke ich im Internet, „Huffington Post“. Und politische Sachen, die Leute bei Facebook posten. Mein Sohn hat die F.A.Z., da nehme ich mir immer die Wissenschaftsseite.

          Welche Websites und Blogs lesen Sie?

          Nur meine, mit Spielen für Kinder: www.webforgirls.net.

          Wann haben Sie zuletzt handschriftlich einen Brief verfasst?

          Nicht in der letzten Zeit.

          Welches Buch hat Sie am meisten beeindruckt?

          “Brave New World“ von Aldous Huxley. Ich komme aus einer sehr konservativen, religiösen Familie. Als ich es für die Schule lesen musste, wollte meine Mutter, dass ich es sofort zurückbringe. Ich habe es versteckt und gelesen. Dieser Blick auf eine technologisierte Welt, die den Menschen als Persönlichkeit ausrottet, hat mir viel bedeutet.

          Ihre Lieblingsvornamen?

          Clymene, Jemima. Das sind auch in Amerika keine gebräuchlichen Namen. Ich kenne niemanden, der so heißt. Aber ich mag sie, schon lange.

          Ihr Lieblingsfilm?

          Früher habe ich „Wild Strawberrys“ von Ingmar Bergman geliebt, da haben die Leute zusammengesessen und über Gott und die Welt geredet. Diese Art, mit anderen zu philosophieren, fand ich schön.

          Fühlen Sie sich mit oder ohne Auto freier?

          Hier in Berlin würde man nur denken: Wo kann man parken? Kommt jemand und verbrennt das Auto? In Amerika hätte ich ohne Auto nicht mal einkaufen können.

          Tragen Sie eine Uhr?

          Ja.

          Tragen Sie Schmuck?

          Sehr selten. Rudi und ich hatten nicht mal richtige Eheringe. Aber beim Standesamt fragten sie danach. Wir sind dann in eines von diesen Geschäften gegangen, wo man sich für eine Mark einen Plastikring kaufen konnte. Eine Zeitlang habe ich diesen Ring sogar getragen.

          Haben Sie einen Lieblingsduft?

          Nein.

          Was ist Ihr größtes Talent?

          Ich habe immer so viele verschiedene Sachen gern gemacht, dass ich mich nie auf eine Sache konzentriert habe.

          Was ist Ihre größte Schwäche?

          Nie etwas richtig bis zum höchsten Punkt zu entwickeln.

          Womit kann man Ihnen eine Freude machen?

          Meine Enkelkinder machen mir immer Freude. Sie sind zwischen sechs und 23 Jahren alt, zwei leben in Berlin, die anderen fünf in Dänemark.

          Was ist Ihr bestes Smalltalk-Thema?

          Vielleicht Gesundheit. Ich rede nicht gern darüber, aber das ist das, was man in meinem Alter macht. Lieber rede ich aber über Politik. Im Augenblick geht es darum, was man gegen diese AfD tun kann. In Amerika, wegen Trump, gibt es mehr Protest. In Deutschland fehlt eine Bewegung, die dieser Rechtswendung entgegentreten will. Da vermisse ich den Geist von 1968.

          Sind Sie abergläubisch?

          Normalerweise nicht.

          Wo haben Sie Ihren schönsten Urlaub verbracht?

          In Mallorca mit meinem Sohn und seiner Familie.

          Wo verbringen Sie Ihren nächsten Urlaub?

          In Trier. Das ist einer der wenigen Orte in Deutschland, wo man etwas von den Römern sehen kann.

          Was trinken Sie zum Abendessen?

          Wasser.

          Aufgezeichnet von Julia Schaaf.

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