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Berliner Modewoche : Man sagt: Viel Spaß damit!

Lala Berlin präsentiert Abendmode, Isabell de Hillerin zeigt Handwerk und Dorothee Schumacher feiert die Frau. Bild: Toni Passig, Frazer Harrison / Getty, Helmut Fricke

Noch steckt die deutsche Mode in der Krise. Aber der Aufschwung könnte kurz bevorstehen. Ein Rückblick auf die Berliner Modewoche.

          5 Min.

          Să-l porți sănătoasa. In Rumänien gibt es ein Sprichwort dafür, Freude an einem neuen Kleidungsstück zu haben. Să-l porți sănătoasa bedeutet so viel wie: Schätze, was du trägst. Isabell de Hillerin, Modedesignerin aus Berlin, die in München mit rumänischen Wurzeln geboren wurde, verwendet das schöne Sprichwort in ihrer Familie öfter. Am Donnerstagvormittag steht die Designerin nach ihrer Schau backstage und erzählt, wie der Satz zur Inspiration ihrer Kollektion für den nächsten Herbst werden konnte. „Wer zum Beispiel einen neuen Pullover hat, dem wird vom Gegenüber in Rumänien viel Spaß damit gewünscht.“ Die warmen Worte haben ja durchaus ihren Sinn: „Dass man Qualität schätzt, dass man weiß, wo ein Kleidungsstück herkommt und wer es gefertigt hat, statt sich etwas zu kaufen und es dann in die Ecke zu schmeißen“, sagt de Hillerin.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Seit Gründung ihres Labels im Jahr 2009 arbeitet sie mit Traditionsbetrieben aus Rumänien und Moldau zusammen. Die folkloristischen Häkeleien geben ihren ansonsten minimalistisch gehaltenen Entwürfen Persönlichkeit, das Gefühl, dass hier jemand von Hand an einem Kleidungsstück gearbeitet hat und trotzdem kein Laie ist, der damit bastelnachmittagelang beschäftigt war. Für den kommenden Herbst kam Isabell de Hillerin dann auf die Idee, neben ihrem Markenzeichen, den Häkeleien, gleich ein Stück rumänische Sprachkultur mit in die vielen neuen Stücke zu nähen. Să-l porți sănătoasa. In den schweren Wollmänteln, den Tuxedo-Jacken, Mohairpullovern und auf der Taille sitzenden Röcken mit ihren Häkelborten stecken jetzt also auch Langlebigkeit und Qualität.

          Einkäufer investieren nicht in unbekannte Designer

          Um beides ist es zur Zeit in Deutschland eigentlich nicht besonders gut bestellt. Dass somit die deutsche Mode in der Krise steckt, ist auch während der vier Tage der Berliner Fashion Week zu sehen. Und trotzdem, es gibt Hinweise auf einen Aufschwung.

          Aber der Reihe nach. Immer mehr junge talentierte Designer haben zuletzt aufgegeben, immer weniger zeigen noch auf jeder Modewoche, also alle halbe Jahr, ihre neuen Kollektionen. De Hillerin ist eine von ihnen. Ihre Stücke verkaufen sich noch lange nicht in so vielen Läden, wie sie es eigentlich verdient hätten. Aber weil die Einkäufer selbst mit ihren Geschäften dieser Tage zunehmend unter Druck stehen, können sich nur die wenigsten das Risiko erlauben, in junge unbekannte Designer zu investieren. Schließlich drängen zugleich immer mehr große Marken aus dem Ausland auf den deutschen Markt, um hier ihre eigenen Filialen zu eröffnen. Von den etablierten deutschen Häusern schaffen es nur die wenigsten, mit diesem Tempo Schritt zu halten. Rena Lange hingegen, das Münchner Traditionshaus, hat vor zwei Wochen den Geschäftsbetrieb eingestellt – nach 99 Jahren. Strenesse aus Nördlingen ist gerade aus dem Insolvenzverfahren raus und auf der Suche nach einer neuen Strategie.

          Die großen internationalen Marken haben dabei längst nicht mehr nur an den Luxuseinkaufsstraßen das Sagen, wie etwa der Düsseldorfer Königsallee oder der Frankfurter Goethestraße. Gegenden wie der Hackesche Markt in Berlin sind ebenso hart umkämpft. Während der Fashion Week eröffnete Tommy Hilfiger hier einen Store. Früher teilten sich dieselben Räumlichkeiten gleich drei Marken: Diesel, Schiesser und Acne. Auch Jonathan Trepto, bei der französischen Marke The Kooples verantwortlich für Geschäftsentwicklung, reibt sich förmlich die Hände, als man ihn am Dienstagabend in der Chelsea Bar an der Torstraße trifft. In acht Wochen eröffnet er den zweiten The-Kooples-Laden in Berlin-Mitte – im Umkreis von wenigen 100 Metern. „Berlin ist der beste Ort überhaupt. Schauen Sie sich an, wie viele Trends allein in der Gegend um den Hackeschen Markt herum entstanden sind: der Sneaker-Trend, der Trend zur Jogginghose“, zählt der Kooples-Mann auf. Für den Vorgänger – eine unabhängige Boutique – sei die Miete auf Dauer zu teuer gewesen.

          Zwischen überdekoriert und minimalistisch

          Was tut man da als junger Designer in Berlin? Weil die deutsche Mode in der Krise steckt, haben viele Talente hierzulande zuletzt versucht, den Einkäufern betont kommerziellere Entwürfe schmackhaft zu machen. Die Folge: Viele Teile sahen so aus, als bekäme man sie in jeder Fußgängerzone oder in jedem Online-Shop. Dabei muss Mode Begehrlichkeiten wecken. Auch weil schon diese Ausgabe der Fashion Week zeigt, dass einige Designer wieder mehr zu sich selbst finden, weil es nun eine Lobby für jene Talente gibt, das neugegründete German Fashion Design Council (GFDC), könnte es vielleicht bald einen Aufschwung geben.

          Ein gutes Beispiel dafür ist auch die Arbeit von Dawid Tomaszewski, der seit Jahren in Berlin zeigt, zunächst auf betont üppige Entwürfe setzte und dann zuletzt eher kommerziell wurde. Seine aktuelle Kollektion, die er am Dienstagabend im Berliner Kronprinzenpalais zeigt, ist die beste, die er je entworfen hat, und sie liegt genau in der Mitte, zwischen überdekoriert und minimalistisch. Das letzte Stück, ein schwarzer Mantel mit einem Goldfaden-Muster, das anmutet, als betrachte man bei Nacht aus dem Flugzeug eine Großstadt von oben, verkaufe sich schon jetzt. „In den ersten 24 Stunden sind dreißig Bestellungen eingegangen“, erzählt er einen Abend später auf der Party der „Vogue“.

          Oder man schaut sich die Entwürfe von Marina Hoermanseder an: Es gibt wohl kaum eine Designerin in Berlin, die mit mehr Mut an ihre Kollektionen geht. Ihre Inspirationen holt sie sich aus der Orthopädie, mit dieser sonderbaren Idee ist ihre Mode das Gegenteil von beliebig, am Ende aber doch tragbar. Wie wäre es zum Beispiel mit einer Bondage-Beuteltasche? Mit Jacken und Pullovern, aus denen wie scheinbar selbstverständlich Rucksäcke und Taschen aus Leder herauswachsen?

          Ein Anruf bei Iris Berben

          Auch Augustin Tebouls düster-schwarze Entwürfe mit reichlich Kristallapplikationen und Häkelspitze würde man auf den ersten Blick nicht in einem Modeladen vermuten, sondern als Teil einer Kunstinstallation in einer Galerie. „Jetzt wollen wir zeigen, dass unsere Mode auch tragbar ist“, sagt Annelie Augustin, eine Hälfte des Duos. Am Montagabend steht sie zwischen den Bildern ihrer Ausstellung „Sounds of Black“. Der Fotograf Stefan Milev hat für die Marke inspirierende Menschen in Augustin Teboul fotografiert, darunter Iris Berben und Angelika Taschen. Wie sie die bekommen hat? „Einfach angerufen, hallo, ich bin Annelie“, erzählt sie im Erdgeschoss des Berliner Kronprinzenpalais.

          Hier findet sich nicht einmal 24 Stunden später, am Dienstagnachmittag, gefühlt ein Großteil der deutschen Mode ein. Im Berliner Salon, den „Vogue“-Chefredakteurin Christiane Arp und Marcus Kurz von der Produktionsfirma Nowadays zum ersten Mal organisiert haben, treffen junge Labels wie de Hillerin oder Hoermanseder auf etablierte deutsche Marken. Viele von diesen Häusern kehren Berlin seit Jahren den Rücken. Es ist zum Beispiel sieben Jahre her, dass Talbot Runhof auf der Berliner Modemesse Premium zeigte. „Die Gemeinsamkeit in Deutschland fehlt“, sagt Adrian Runhof. Würden die Modemacher also beim nächsten Mal wieder dabei sein? „Auf jeden Fall.“ Auch Andrea Karg, Gründerin des Kaschmirlabels Allude, spricht vom Flaggezeigen, im Rücken läuft ihre Videoinstallation mit dem Strickmuster im Großformat. Und Tim Labenda, der zur Fraktion der jungen Talente gehört, haben in der ersten halben Stunde gleich zwei Einkäufer besucht.

          Besonders für die Händler könnte deutsches Design nämlich am Ende die große Chance sein, gerade jetzt, da die Mode immer beliebiger wird. Zu den meisten Produkten lässt sich eine ganz reizende Geschichte erzählen. Stichwort Să-l porți sănătoasa. Das hat zumindest schon ein Amerikaner erkannt. Nadahl Shocair, Investor mit einer Vorliebe für Start-ups, schaut sich im Berliner Salon sehr genau um. „Das Einzige, was der Mode hier fehlt, ist das Geld.“ Da könnte er aushelfen, Mode habe ähnliches Potential wie die Start-ups der Stadt. Auch diese Szene ist schnell gewachsen. „Maximal zwei bis drei Jahre würde es dauern. Die Mode hier hat ihre eigene Seele.“

          In Berlin wird sie in dieser Woche von innen nach außen gekehrt. Was man hier sieht, ist wertzuschätzen. Warum trägt man es dann also auch nicht so? Să-l porți sănătoasa.

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