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Prêt-à-parler : Gabriele Strehle ist wieder ein bisschen da

Über den Dächern von Schwabing: Gabriele Strehle, die über Jahrzehnte die Modemarke Strenesse mit aufbaute, entwirft nun eine eigene kleine Kollektion. Bild: Gabo / Agentur Focus

Nach ihrer Trennung von Ehemann Gerd blieb es eine Weile ruhig um die deutsche Modeschöpferin Gabriele Strehle. Nun ist sie zurück – mit eigenem Namen und eigener Kollektion.

          Als vor genau fünf Jahren die erste Ausgabe des neuen F.A.Z.-Magazins herauskam, war sie eines der großen Themen. Gabriele Strehle hatte gerade nach der Trennung von Gerd Strehle die Nördlinger Modemarke Strenesse verlassen und war nach München gezogen. Da saß die Modemacherin nun in ihrer schönen Wohnung über den Dächern von Schwabing - rechts mit Blick auf die Frauenkirche, links mit Blick auf den Englischen Garten bis hinüber zum Monopteros und sogar zum Friedensengel. Und sie wirkte ein bisschen ratlos in ihrem neuen Leben, zupfte an ihren Haaren und suchte Deckung hinter den Händen.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Denn was sollte sie machen? Es muss ja auch mit Anfang sechzig nach einem Ende einen Neuanfang geben. Sie wusste, was sie aufgebaut hatte, dass sie als erste deutsche Designerin nach Jil Sander weit über Deutschland hinaus wahrgenommen wurde, dass sie zu ihren Hoch-Zeiten mit den besten Mailänder Kollektionen konkurrieren konnte, dass sie mit ihrer Reduktion aufs Wesentliche so etwas wie ein Markenzeichen geschaffen und den Unisex-Stil von heute lange vorweggenommen hatte.

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          Gabriele Strehle hat sich Zeit gelassen. Arbeitsangebote gab es genug. Aber es musste passen. Und jetzt passt es. Sie hat eine kleine Kollektion entwickelt, die gerade herausgekommen ist. Jetzt macht sie mit dem weiter, was sie am besten kann, und schaut wieder nach vorn.

          Es ist ein Blick zurück nach vorn – so muss man es wohl formulieren. Denn natürlich geht sie zurück auf ihre Markenzeichen, und das heißt: fast ein halbes Jahrhundert zurück. Insofern ist auch diese Geschichte, die sich zum fünften Jahrestag des Magazins rundet, im weitesten Sinne eine Achtundsechziger-Geschichte.

          Aus Gabriele Strehles neuer Modekollektion: Grauer Cardigan.

          Ihr späterer Mann, Gerd Strehle, wollte damals die Bekleidungswerk Strehle GmbH & Co. KG, die seine Eltern 1949 gegründet hatten, modernisieren. Nach einem Besuch in London, wo er fasziniert war von der Jugendkultur in der Carnaby Street, kam er auf die Idee, dem Provinzunternehmen städtisches Flair einzuhauchen. Und so zog er die Wörter „Strehle“ und „Jeunesse“ zu dem Kunstwort Strenesse zusammen. Wie überhaupt deutsche Modefirmen sich immer gerne international klingende Namen gaben, um nicht als deutsch aufzufallen: Marc Cain, Tom Tailor, René Lezard, Cinque.

          Um die Kollektion zu verjüngen, stellte der junge Chef 1973 eine junge Designerin namens Gabriele Hecke ein, die frisch von der Meisterschule für Mode in München kam. Die beiden arbeiteten so gut zusammen, dass sie bald heirateten. Gemeinsam schufen sie in den Achtzigern und Neunzigern eine deutsche Modemarke, die cool war und doch auch von Frauen getragen werden konnte, die einfach nur gut angezogen ins Büro gehen wollten.

          Leider übernahm sich die Marke dann, und mit dem neuen Jahrtausend türmten sich die Schwierigkeiten auf. Nach dem Ausstieg der Familie beginnt Strenesse gerade wieder, mit neuem Besitzer und dem neuen Geschäftsführer Jürgen Gessler. Gabriele Strehle will zu dem Neuanfang nicht viel sagen: „Das Thema ist abgeschlossen.“ Jedenfalls ist sie dankbar dafür, dass sie ihre Namensrechte wieder hat, die noch lange bei dem Unternehmen lagen. „Sonst hätte ich es nicht gemacht.“

          Ebenfalls aus der neuen Kollektion von Gabriele Strehle: Weiße Bluse.

          Nach all dem Warten beginnt sie nun mit einer kleinen private collection: Bluse, Hose, Kleid, T-Shirt, Socken, Bademantel, navy, weiß, graumeliert, fertig. „Good morning Cashmere“ nennt sie die erste Kollektion; das Kaschmir stammt vom besten Lieferanten, Loro Piana.

          Die Kollektionsteile sind nicht für eine Saison gedacht. Sie hat sich dafür ein schönes Wort ausgedacht: „Das sind Zukunftsklassiker.“ Und zu ihrem Ansatz meint sie: „Kleidung sollte nicht nur nach außen wirken, sondern auch nach innen. Sinnlichkeit und Geborgenheit sind mir dabei wichtig.“ Private heißt in diesem Fall aber auch, dass sie vieles selbst macht, sogar den Versand: „Habe alles schön in Baumwollsäckchen eingetütet.“ Und dass sie sich nicht einem großen Unternehmen angeschlossen hat, sondern dass sie die Stücke von kleinen Betrieben im Bayerischen Wald hat fertigen lassen.

          Über die Resonanz ist die Designerin erfreut. Große Modehäuser wie Lodenfrey in München, Kaiser in Freiburg und Sagmeister in Bregenz, die sie seit langem kennt, haben die Kollektion im Angebot: „Exklusive Einzelhandelsgeschäfte, die sich wenige, unverwechselbare Teile in limitierten Editionen erbaten.“ Eine Weltmarke wird daraus nicht entstehen, schon wegen des individuellen Zuschnitts und weil sie kein Online-Geschäft aufzieht. So scheint es ihr zu passen. In einer großen Firma hat sie lange genug gearbeitet. Ob sie drei, vier oder sechs Mal im Jahr neue Teile nachschiebt, das kann sie nun allein entscheiden. „Ich bin beweglicher als ein Konzern.“

          „Ob ich das schaffe“ – so hieß das Buch, das Gabriele Strehle schon vor 15 Jahren mit Eva Gesine Baur über ihr Leben herausgab. Über lange Strecken ihrer beruflichen Laufbahn musste man gedanklich ein Fragezeichen hinter diesen Titel stellen. Jetzt kann man eher ein „Und“ davorsetzen. Weil sie niemandem etwas beweisen muss, weil sie frei ist von Zwängen, macht sie es jetzt einfach. Das simple Motto auf dem T-Shirt: „C'est moi!“

          Mehr nicht, aber weniger eben auch nicht. Irgendwie tröstlich, dass sie wieder ihren Namen hat. Jil Sander hat nichts mehr mit Jil Sander zu tun, Helmut Lang nichts mehr mit Helmut Lang, Wolfgang Joop nichts mehr mit Wolfgang Joop. Sie aber hat ihren Namen wieder – und kleidet ihn jetzt neu ein.

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