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Führungswechel bei Loewe : Wo Talente tanzen lernen

  • -Aktualisiert am

Mit deutschen Wurzeln: Sheila Loewe Boente Bild: PR

Es gibt noch gute Nachrichten aus Spanien: Das Geschäft des Lederwarenherstellers Loewe floriert, und Sheila Loewe Boente sorgt für einen Generationenwechsel in der hauseigenen Stiftung.

          Ihr Vorname stammt von der irischen Großmutter, ihre Mutter ist Madrilenin mit nordspanischen Vorfahren, ihr Ehemann Argentinier - aber Sheila Loewe Boente antwortet in perfektem Deutsch. Die Erbin eines großen Namens hat, wie ihre Schwestern, in Madrid die deutsche Schule besucht und in Heidelberg studiert.

          In der Sprache eines Vorfahren aus dem 19. Jahrhundert berichtet sie, dass es auch noch positive Nachrichten im krisengebeutelten und von hoher Jugendarbeitslosigkeit gezeichneten Spanien gibt. Die Firma Loewe, die seit 1996 zum französischen Luxuskonzern LVMH gehört, produziert immer noch in Spanien, hat die Kapazitäten des Werks in Getafe in der Nähe von Madrid gerade verdoppelt und strebt rund 100 Ausbildungsplätze für junge Lederhandwerker an. Auf der ganzen Welt verkauft die Firma in rund 200 Geschäften edle Kleidung und Lederwaren. Die hervorragende Verarbeitung des Leders überwiegend spanischer Lämmer, die Verwendung organischer Farben und die exklusive Produktion in Spanien werden international geschätzt.

          Kein Wunder, dass nun auch die Präsenz in Deutschland ausgebaut wird. Auf dem Frankfurter Flughafen wird Ende des Jahres ein Geschäft eröffnet, München soll folgen, auch Berlin wird neben der im KaDeWe eine weitere Dependance erhalten. Die Luxusbranche hat Konjunktur. „Gutgemachte Dinge haben einen magischen Wert und leiden nicht so schnell unter der Krise“, sagt Sheila Loewe Boente.

          Das Jura-Studium nützt ihr bis heute. Gearbeitet hat sie aber auf anderen Gebieten: 13 Jahre lang war sie bei Vitra in Spanien, zuletzt als Leiterin der Marketingabteilung. Die Mutter zweier Kinder fühlt sich in beiden Nationalitäten wohl. Die deutschen Wurzeln sind ihr wichtig: Der dreijährige Sohn besucht schon den deutschen Kindergarten in Madrid.

          Es war ein Deutscher, Heinrich Loewe Rössberg, der ursprünglich in der Madrider Innenstadt 1872 die Lederwerkstatt, die José Silva und Florencio Rivas dort seit 1846 führten, entdeckte und sich mit den Madridern zusammentat. Als Gründungsjahr gilt das der Werkstatt - der Name stammt vom Kasseler Einwanderer und wird im Spanischen Loäve ausgesprochen. Die Firma florierte. Geschäfte eröffneten in den besten Straßen der Stadt. Berühmt sind bis heute die phantasievollen Schaufensterdekorationen.

          In der zweiten Generation wurde die Firma 1905 zum Hoflieferanten. Enrique Loewe Hinton gab das Geschäft weiter an seine zwei Söhne. Der eine, Enrique Loewe Knappe, eröffnete eine erste Filiale im Londoner Hotel Hilton, das von der Irisch-Republikanischen Armee (IRA) in die Luft gesprengt wurde. Mit einem Laden an der begehrten Bond Street war der Auslandserfolg jedoch besiegelt. Sein Bruder Germán kümmerte sich um Barcelona, verkaufte seinen Anteil dann allerdings ausgerechnet an die Familie Ruiz-Mateos, deren Firmenimperium Rumasa 1983 unter der sozialistischen Regierung Felipe González enteignet wurde. Loewe wurde an die Gruppe LVMH verkauft, die schon den Vertrieb organisiert hatte.

          Loewe Knappe feierte im Oktober bei bester Gesundheit seinen hundertsten Geburtstag und wird von seiner Familie liebevoll - und gern auch auf Deutsch - „Opa“ genannt. Sein Sohn wiederum, Loewe Lynch, zieht sich mit 71 Jahren nun zurück. Er hatte vor 25 Jahren die Loewe-Stiftung gegründet, weil er die kreativen Interessen der Firma sichern wollte. Inzwischen vergibt Loewe einen anerkannten Poesie-Preis, fördert die Oper in Madrid, das Liceu in Barcelona, richtet den Piano-Wettbewerb Infanta Cristina aus und erreicht an Orten wie dem Kulturlabor Matadero oder der Residencia de Estudiantes auch Leute, die sich sonst nicht mit Hochkultur umgeben.

          Sheila Loewe hat nun zum ersten Mal eine Schriftstellerin und eine Dichterin in die Jury des Poesie-Preises berufen und möchte, dass es mehr Chancen für junge Talente gibt. Junge Menschen, ein frisches Publikum zu gewinnen, das liegt ihr besonders am Herzen. Neu im Programm ist der Tanz. Mit dem Sponsoring der Compañía Nacional de Danza, des Staatsballetts, auf den Auslandstourneen wird die Arbeit der Stiftung internationaler. Auch der Austausch zwischen spanischen und deutschen Kompanien geht in diese Richtung. Kinder und Jugendliche werden mit begleitenden Broschüren an den Tanz herangeführt. Der pädagogische Auftrag ist wichtig in der Arbeit der Stiftung. Die Schule für Lederhandwerk, das Firmenmuseum und die Vorträge, die Enrique Loewe Lynch an der Polytechnischen Universität hält, gehören dazu. Die Stiftung wird von der Firma getragen und ist mit einem verhältnismäßig kleinen Budget zum Markenzeichen für effizientes kulturelles Engagement geworden. Der jungen Direktorin liegt viel an der Zusammenarbeit zwischen Firma und Kulturstiftung. Das sei für beide Seiten gut.

          Ein Rezept für den guten Ruf und die große Wirkung der Stiftungsarbeit mag in der Familientradition von harter Arbeit und einer klaren Trennung der Interessen liegen. Ihre „Amazona“, die Loewe-Tasche, die seit 1975 dank sorgfältiger Verarbeitung in verschiedenen Varianten bis heute für Furore sorgt, habe sie sich gerade von ihrem ersten Gehalt als Direktorin der Stiftung gekauft, sagt Sheila lachend. „Das war schon immer so. Da gibt es kein Gemauschel.“

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