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Frisuren : Der Dutt ist da

  • -Aktualisiert am

Dem Redakteur ist nichts zu schwör: Er sitzt mit Dutt und Geduld für unsere Zeichnerin. Bild: Nina Simon

Auch Männer haben jetzt einen Knoten im Haar. Wie kommt’s? Und was passiert, wenn er sich löst? Einige Anmerkungen zur Frisur der Ambivalenz.

          Diese besondere Erscheinungsform der Männermode muss raffiniert gelesen und lakonisch kommentiert werden. Der Dutt wird beliebter und hat in einigen stilistischen Variationen Eingang in die professionalisierte Haarpflege genommen – locker und lässig getragen, vom Assoziationsraum strenger Lichtstubensittlichkeit keine Spur. Der Haarknoten bündelt das Haar zu einem Dutt, einem Haufen, der mit einem Band zusammengehalten wird. Geglättet
          oder mit lose überhängenden Strähnen oder in einen angedeuteten Pferdeschwanz ausfransend, markiert er als zentral auf dem Kopf sitzende Kugel das Antlitz. Es ist eine exzentrisch verspielte Überraschung, eine Mode halt.

          Nun ist der Hinweis auf die Mode meist nicht besonders erhellend. Kaum, dass eine ästhetische Erscheinung genügend Nachahmer gefunden hat, wird auf den Konformitätsdruck des Modischen verwiesen, auf den „Reiz der Nachahmung und den der Auszeichnung“, das ewige Gesetz der Mode also, das, wie Georg Simmel schreibt, Egalisierung mit Individualisierung zur Synthese bringt.

          Der Pragmatismus des Samurai

          Damit ist hingegen die Sinnstruktur des alten Neuen und neuen Alten, dem plötzlich viele folgen, lange nicht erschlossen. Ebenso wenig erhellend ist der naseweise Kommentar, dass unternehmerische Interessen die selbstdestruktive Zirkularität von Neuem und Gestrigem am Laufen halten – eine Trivialität,
          in dem Film „Der Teufel trägt Prada“ unterhaltsam in Szene gesetzt.

          Um der Bedeutung auf die Spur zu kommen, mag es hilfreich sein, die Kulturgeschichte zu bemühen, auf den Samurai zu verweisen, mithin auf einen Krieger. Wer so argumentiert, landet jedoch schnell im Horizont allerlei pragmatischer Begründungen, von denen die Frisur und das Modische häufig umgeben sind: Das Gesicht wird freigelegt und nicht hinter herunterfallenden Strähnen verdeckt, erhöht somit Ansprechbarkeit ohne den leisesten Anschein einer Verstellung. Umgekehrt sichert das gebundene Haar ungetrübte Situationswahrnehmung und Blickschärfe.

          Gebündelt, domestiziert, transzendiert

          So trivial derart unschuldige Gründe sein mögen: In das für die Mode Grundlegende, „die völlige Gleichgültigkeit gegenüber den sachlichen Normen des Lebens“, dringen sie nicht vor. Immerhin verweisen solche Rationalisierungen auf tiefere Bedeutungsschichten. Der Dutt, das ist eine logische Implikation seines ästhetischen Formats, setzt langes Haar voraus. Wir haben es also mit einer Frisur zu tun, die lange Haare bündelt, domestiziert und in eine neue Gestalt transzendiert.

          Der Assoziationsraum von Bündelung und Öffnung liefert einen Schlüssel zum Attraktionswert des Dutts. Fragt man nach Handlungskontexten, die für das offen fallende Haar reserviert sind, so stößt man auf Situationen und Begegnungen, die Regression zulassen oder gar prämieren, Kontexte der Ausgelassenheit und des Verzichts auf Gestaltung. Das muss nicht zwingend Wildheit oder Ursprünglichkeit implizieren. Es lässt hingegen im Kontrast zur Geste der Bündelung die Lesart zu, dass hierbei die Person unverkleidet und in authentischer Gestalt einem Gegenüber begegnet. Indem der Dutt als Frisur den Spielraum üblicher Haarlängen überschreitet und darin die für diesen Spielraum üblich gewordenen ästhetischen Konventionen unterläuft, kommuniziert er eine raffinierte Form der Selbstdarstellung, die in der Bündelung das Potenzial des Ungebundenen und Nicht-Domestizierten als ein latentes Versprechen transportiert.

          Selbstdarstellung zwischen juvenil und erwachsen

          Gestaltgebung ist das universelle Prinzip jeder Frisur, so ließe sich nun leicht einwenden. Ästhetische Formung, vorrangig auf das Haupthaar gerichtet – das gab es seit eh und je, um die Frontalität des Antlitzes zu schmücken, der Zone, die dem Augenkontakt und dem Sprechen nahe ist. Allerdings erschließt sich der Attraktionswert des Dutts nicht über den Knoten als Aperçu, nicht über das zum Haufen gebündelte Haar, das praktischen Interessen nicht im Wege steht.

          Nicht das lässige Zitat einer früheren oder fernen Kultur ist es, auch nicht die Kopie einer ästhetischen Kontrolle, den Frauenfrisuren abgeschaut, schon gar nicht das Praktische des Bergens. Vielmehr liegt der Grund seiner Verbreitung in der Chance, Optionen der Selbstdarstellung variieren zu können. Der Kasualstil kombiniert Strenge und Sortiertheit mit ihrem Gegenteil. Raffiniert wird die Einzigartigkeit der Person inszeniert, die zwei Handlungsräume zu
          kombinieren verspricht, den privaten und den öffentlichen, und überdies zwei Phasen der Selbstdarstellung anspricht: Juveniles und Erwachsenes.

          Ein Spiel mit der Polarität

          Im Dutt werden sie als Rätsel, als Unentschiedenheit kommuniziert, als eine Kontrolle, die das Ungebändigte nicht verabschieden möchte und der Unreife situativ ihren Raum belässt. Es ist ein ästhetisch sublimiertes Spiel mit der elementaren Polarität von gekämmt und ungekämmt, Form und Formlosigkeit. Mit dem Dutt wird sie auf die Spitze getrieben und in der Koketterie von Öffnung und Nichtöffnung als eine Geste inszeniert, an der bemerkenswert ist, dass sie das Geschlechtsspezifische hinter sich gelassen hat. Sie ist weder weiblich noch männlich oder männlich und weiblich zugleich.

          Wer so auftritt, überrascht mit der Ungewissheit, ob und wann es wem gestattet sei, den Knoten zu lösen. Ebenso spannungsvoll bleibt, wie die in der Frisur stilisierte Einzigartigkeit im Sprechen ihre Fortsetzung findet. Beides ist möglich, Entzauberung oder Verzauberung. Darin reproduziert sich die Spielform eines weiblichen Umgangs mit dem Haupthaar. Aber es ist gerade dieser Einwand, der den Blick freigibt auf das Besondere, das den Dutt über die Zufälligkeit des Modischen hinaus auszeichnet. Er ist die Frisur der androgynen Zeit. Kokett demonstriert er eine Ambivalenz, die allein das Sprechen zu kultivieren oder aufzulösen vermag.

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