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Blühen
im Verborgenen

Von FABIENNE KARMANN (Text und Foto)

14. April 2020 · Wie ich in Marokko verhüllte Frauen fotografierte – und eine neue Welt entdeckte.

Als ich eines Abends auf einer kurvigenen Landstraße in der Nähe es Ozeans in Richtung Essaouira unterwegs war, sah ich in der weiten Landschaft eine Frau, die ihre Kühe zusammentrieb. Der marineblaue Stoff ihres Kleids und ihr rot-gelb meliertes Kopftuch wehten im Wind. Ich ging in ihre Richtung. Als sie mich sah, schaute sie mir fest in die Augen. Die Höhen und Tiefen des Lebens spiegelten sich in ihrem Gesicht. Es glich den hügeligen weiten Flächen hier im Westen von Marokko.

Wir kommunizierten ohne Worte. Ich zeigte ihr die Kamera. Meine Frage schien sie zu bejahen. Sie bewegte sich in der Abendsonne fast wie ein Fotomodel. Ihre Hände waren von der harten Arbeit gezeichnet. Sie trug Arbeitskleidung, aber die war bunt und wirkte edel. Ihre weichen Bewegungen und das sanfte Flattern der Stoffe zogen mich in ihren Bann.


„Das sind die Frauen, die in die Modemagazine gehören.“
Fabienne Karmann, Fotografin

Die Berberfrauen des mittleren Atlasgebirges hüllen sich in schillernde Stoffe. Der Malhaf besteht aus einer Stoffbahn, die je nach Region unterschiedlich gewickelt wird und Kleid und Kopftuch in einem ist. Modisch orientieren sich die Berberfrauen an ihren weiblichen Vorfahren.
Die Berberfrauen des mittleren Atlasgebirges hüllen sich in schillernde Stoffe. Der Malhaf besteht aus einer Stoffbahn, die je nach Region unterschiedlich gewickelt wird und Kleid und Kopftuch in einem ist. Modisch orientieren sich die Berberfrauen an ihren weiblichen Vorfahren.
Der Rock der Frau, die Wasserkanister auf dem Rücken trägt, wird auch Nagcha genannt. Sie verhüllt ihr Gesicht für das Foto mit einem durchsichtigen schwarzen Tuch, dem Adghar. So ist ihr Antlitz verdeckt und doch zu erahnen.
Der Rock der Frau, die Wasserkanister auf dem Rücken trägt, wird auch Nagcha genannt. Sie verhüllt ihr Gesicht für das Foto mit einem durchsichtigen schwarzen Tuch, dem Adghar. So ist ihr Antlitz verdeckt und doch zu erahnen.

„Das sind die Frauen, die in die Modemagazine gehören“, dachte ich. „Sie verdienen Aufmerksamkeit.“ Mit der Hand auf dem Herzen, so wie es in Marokko üblich ist, verabschiedete ich mich von ihr und ging weiter die Landstraße entlang. Diese erste Begegnung ließ mich nicht mehr los und trieb mich an, weiter zu suchen. Welche Bedeutung hat diese bunte Mode für die Frauen in Marokko?

Dann reiste ich wieder von Agadir nach Taroudant. Ich wollte in die Berge und deckte mich mit Wasser, Keksen und sauren Gurken ein. Falls das Auto stehen blieb, war ich versorgt. Als ich den Ortseingang der Oasenstadt passierte, peitschte ein starker Wind durch die Gassen. Sandkörner und Blätter wirbelten an der mächtigen Festungsmauer vorbei. Am nächsten Morgen durchquerte ich ein kleines Dorf, in dem ein wirres Durcheinander herrschte. Ein Baggerfahrer blockierte mit seinem Fahrzeug die Straße und ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Unter freiem Himmel wurden vor den kleinen Werkstätten Autos repariert. Ach, Marokko!


„Toll wäre es, wenn ihr euer Gesicht zeigt. Möchtet ihr das nicht, könnt ihr es auch verschleiern.“
Mina, Übersetzerin

  • Die täglichen Aufgaben der Frauen, wie das Fällen und Transportieren von Feuerholz, sind unbezahlt. Der Wunsch nach finanzieller Unabhängigkeit durch Bildung und Lohnarbeit ist groß. Selbständig schaffen sich die Berberfrauen Möglichkeiten, um eigenes Geld zu verdienen. Sie weben Teppiche und besticken Kleider, die sie auf dem Markt anbieten. Beim Opferfest verkaufen sie ihre Schafe.
  • Die Berber sind die Ureinwohner Marokkos. Sie bezeichnen sich selbst als Imazighen, also als freie Menschen und lebten früher meist in Nomadenstämmen. Die Kultur der Berber ist reich an Kunsthandwerk und antikem Schmuck. Wird ein Fest gefeiert, etwa eine Hochzeit, zaubern die Frauen den Familienschmuck aus Silber hervor, prunkvollen Kopfschmuck und prächtige Halsketten. Im Alltag sind unauffällige Accessoires wie das Armband Tanbalin oder die Brosche Tizarzay üblich, die zum Befestigen des Malhaf dient.
  • Mädchen können alles tragen: Hosen, Röcke und Kleider. Erst wenn sie erwachsen sind, müssen sie sich in den Malhaf hüllen. Die Region gibt Form und Schnitt vor. Kleidet sich eine Frau im Dorf Ait Abdalla nicht im traditionellen Malhaf, wissen alle Einheimischen, dass sie nicht von hier ist.
  • Früh brechen die Berberinnen auf, um Argannüsse zu sammeln. Sie transportieren die Nüsse kilometerweit auf ihrem Rücken oder in den Satteltaschen der Esel. Durch stundenlanges Mahlen gewinnen die Frauen in einem aufwendigen Prozess dann kostbares Arganöl.
  • Die täglichen Aufgaben der Frauen, wie das Fällen und Transportieren von Feuerholz, sind unbezahlt. Der Wunsch nach finanzieller Unabhängigkeit durch Bildung und Lohnarbeit ist groß. Selbständig schaffen sich die Berberfrauen Möglichkeiten, um eigenes Geld zu verdienen. Sie weben Teppiche und besticken Kleider, die sie auf dem Markt anbieten. Beim Opferfest verkaufen sie ihre Schafe.
  • Die Berber sind die Ureinwohner Marokkos. Sie bezeichnen sich selbst als Imazighen, also als freie Menschen und lebten früher meist in Nomadenstämmen. Die Kultur der Berber ist reich an Kunsthandwerk und antikem Schmuck. Wird ein Fest gefeiert, etwa eine Hochzeit, zaubern die Frauen den Familienschmuck aus Silber hervor, prunkvollen Kopfschmuck und prächtige Halsketten. Im Alltag sind unauffällige Accessoires wie das Armband Tanbalin oder die Brosche Tizarzay üblich, die zum Befestigen des Malhaf dient.
  • Mädchen können alles tragen: Hosen, Röcke und Kleider. Erst wenn sie erwachsen sind, müssen sie sich in den Malhaf hüllen. Die Region gibt Form und Schnitt vor. Kleidet sich eine Frau im Dorf Ait Abdalla nicht im traditionellen Malhaf, wissen alle Einheimischen, dass sie nicht von hier ist.
  • Früh brechen die Berberinnen auf, um Argannüsse zu sammeln. Sie transportieren die Nüsse kilometerweit auf ihrem Rücken oder in den Satteltaschen der Esel. Durch stundenlanges Mahlen gewinnen die Frauen in einem aufwendigen Prozess dann kostbares Arganöl.


In der flach auslaufenden weiten Steppe führte die gerade Landstraße in Richtung Berge und schlängelte sich dann die Anhöhe hinauf. Gestein und Geröll leuchteten in goldenen Brauntönen. Immer wieder entdeckte ich eine Frau, die einen Esel am Strick führte. Ich fuhr an grasenden Ziegenherden vorbei, an Lehmbauten aus alten Zeiten und moderneren Häusern. In Hinterhöfen weideten Schafe, in Öfen wurde Fladenbrot gebacken. Ich fand mich in einem Märchen wieder, auf der Suche nach den Prinzessinnen der Wirklichkeit.

Mina, meine marokkanische Freundin aus Agadir, reiste am Handy mit und war über Video mein Türöffner. Mit meinem Französisch kam ich hier nicht weit, Mina spricht die Berbersprache. Per Handykamera erklärte sie die Interviewfragen: „Toll wäre es, wenn ihr euer Gesicht zeigt“, sagte sie. „Möchtet ihr das nicht, könnt ihr es auch verschleiern.“ Das Gesicht der Frauen ist im täglichen Leben meist sichtbar. Nur in abgelegenen Dörfern verstecken die Berberinnen ihr Antlitz, sobald ein fremder Mann in ihrer Nähe ist.

Auf meiner Reise eilte ich immer wieder farbenfrohen Signalpunkten hinterher. Es fühlte sich wie ein Spiel an. Die Faszination der bunten Gewänder und der sinnlichen Körperformen der Frauen lenkten mich. Die Reaktionen meiner Auserwählten variierten von warmer Zustimmung bis zu direkter Ablehnung. Die Straße ließ ein Gefühl von Freiheit in mir aufsteigen. Ich entschied mich, nur das zu fotografieren, was ich bekam. So wurden Zufall und Vertrauen meine Reiseleiter.

Die Großmutter der jungen Frau ruft vom Fuße des Berghangs aus ihre Enkelin. Es gibt viel zu tun! Gemeinsam pflügen und bestellen sie das Feld. Heute regnet es, was selten ist im mittleren Atlasgebirge – und zum Anbau von Getreide genutzt werden muss.
Die Großmutter der jungen Frau ruft vom Fuße des Berghangs aus ihre Enkelin. Es gibt viel zu tun! Gemeinsam pflügen und bestellen sie das Feld. Heute regnet es, was selten ist im mittleren Atlasgebirge – und zum Anbau von Getreide genutzt werden muss.
Heute ist Putztag. Im Fluss wird der Teppich geschrubbt und die Kleidung gewaschen. Sie trocknet auf den Büschen, während die Berberin mit den Füßen den Teppich sauber stampft. Der Alltag wird in und mit der Natur gelebt.
Heute ist Putztag. Im Fluss wird der Teppich geschrubbt und die Kleidung gewaschen. Sie trocknet auf den Büschen, während die Berberin mit den Füßen den Teppich sauber stampft. Der Alltag wird in und mit der Natur gelebt.


Im nächsten Dorf begegneten mir zwei Frauen, die Reisig in großen Körben auf ihrem Rücken trugen. Sie waren gut gelaunt und lachten viel. Mein Vorhaben amüsierte sie. Aber sie aufzunehmen war schwierig, denn sie standen einfach nicht still. Eine weitere Frau schleppte Feuerholz auf ihrem Rücken. Sie lud mich zum Essen ein. Aber ich musste ablehnen: Es regnete stark, und der Weg war noch weit.

Meine kleinen Interviews nutzten die Frauen, um ihre Anliegen vorzubringen. Sie kritisierten Arbeitslosigkeit und fehlende Bildung – sie selbst konnten weder lesen noch schreiben. Die älteren Frauen haben nie eine Schule besucht. Zur Mittagszeit marschierten Mädchen von der Schule nach Hause. Noch darf nicht jedes Mädchen in die Schule, aber es wandelt sich, in den Städten schneller als in den Bergen.

Die Kleider, die den ganzen Körper verhüllen, wirken auf den ersten Blick wie Symbole der Unterdrückung. Aber die flatternden Stoffe mit wunderschönen Stickereien zeigen auch, dass diese Frauen in dem patriarchalisch geprägten System zugleich Tradition leben – und mit Stoffen, Mustern und Farben individuelle Freiräume suchen. Auch das muss man sehen.

Zur Verlobung bekommen die jungen Frauen ein besonderes Geschenk: die Tagmant. Die älteren Frauen fertigen die Kette in Handarbeit aus Nelken, Perlen und drei Münzen. Seit mehreren Generationen tragen die Frauen auf Hochzeiten die Haare offen und einen weißen, durchsichtigen Schal darüber. Ihre Haare liegen auf den Schultern auf, und ihr Kopftuch befestigen sie am Hinterkopf. Die Frauen schminken sich die Lippen. Ihr weißes Hochzeitskleid heißt Lizar und ist durchsichtig.
Zur Verlobung bekommen die jungen Frauen ein besonderes Geschenk: die Tagmant. Die älteren Frauen fertigen die Kette in Handarbeit aus Nelken, Perlen und drei Münzen. Seit mehreren Generationen tragen die Frauen auf Hochzeiten die Haare offen und einen weißen, durchsichtigen Schal darüber. Ihre Haare liegen auf den Schultern auf, und ihr Kopftuch befestigen sie am Hinterkopf. Die Frauen schminken sich die Lippen. Ihr weißes Hochzeitskleid heißt Lizar und ist durchsichtig.




Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin

Veröffentlicht: 14.04.2020 09:24 Uhr