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Pierre Cardin gestorben : Schöpfer und Vermarkter

Designer Pierre Cardin war Mitbegründer der futuristischen Mode. Bild: AP

Am Dienstag ist Pierre Cardin gestorben, nach einem langen Leben und etlichen Erwähnungen in der Mode. Er stammt aus einer Zeit, als Modemacher noch Modeschöpfer genannt wurden – weil sie wirklich nie zuvor Dagewesenes erschufen.

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          Vielleicht kann man die Größe von Pierre Cardin auch beschreiben, wenn man sich die Karrierewege einiger anderer Großer anschaut: Jean Paul Gaultier zum Beispiel wurde mit 18 Jahren und ohne Vorkenntnis sein Assistent und später selbst zu einem der großen Designer des 20. Jahrhunderts. Oder Martin Margiela: Der Begier ließ nicht mehr von seinem Berufswunsch Modedesigner ab, nachdem er als Kind im Fernsehen eine Dokumentation über ihn gesehen hatte. So sehr konnte Pierre Cardin mit seiner Arbeit faszinieren. Oder Christian Dior. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er berühmt mit dem opulenten New Look. Diesen Einfall hätte er allerdings nicht ohne seinen damaligen Assistenten verwirklichen können. Nämlich: Pierre Cardin.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Am Dienstag ist Pierre Cardin gestorben, nach einem langen Leben und etlichen Erwähnungen in der Mode. Er stammt aus einer Zeit, als Modemacher noch Modeschöpfer genannt wurden, weil sie wirklich nie zuvor Dagewesenes erschufen, und zweifelsohne dazu gehört Cardins Sci-Fi-Mode vor mehr als einem halben Jahrhundert. Schon 1950 baute er, nachdem er bei Dior gelernt hatte, ein eigenes Haus auf. Damals war er 28 Jahre alt, ursprünglich aus Italien. 1922 war er als jüngstes von sieben Kindern in der Nähe von Venedig, in San Biagio di Callalta, zur Welt gekommen. Sein Vater war Weinhändler. Die Familie zog nach der Geburt des Jüngsten nach Frankreich. Pierre Cardin absolvierte eine Ausbildung bei einem Herrenschneider in Vichy und ging nach der Befreiung 1944 nach Paris.

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          Dort machte er sich nach 1950 und nun selbstständig zunächst einen Namen als Herrenschneider. Dabei sollte es nicht bleiben: Mitte der sechziger Jahre war seine Zeit gekommen. Als die Idee, Menschen auf den Mond zu schicken, konkreter wurde, brach auch das Space-Age in der Mode an. André Courrèges und Paco Rabanne gehörten dazu, und Pierre Cardin. An den Platz der Fünfziger-Jahre-Opulenz, wie Dior sie kultiviert hatte, rückten monochrome, knappe Entwürfe. Dieser nun neue Look passte in die Zeit, er übersetzte sich als Kopie ausgezeichnet auf die Straße, als Ausstattung der aufstrebenden Jugend, die darin aussah wie nicht von dieser Welt. Schon im Original verarbeitete Cardin neben Leder reichlich PVC. Die weißen Go-Go-Boots wurden zu seinem Markenzeichen. Und bereits damals fand er nichts dabei, auch für Kaufhäuser Mode von der Stange zu entwerfen.

          Mehr als nur Bekleidung

          Überhaupt bewies Pierre Cardin als einer der Ersten, dass Mode mehr sein konnte als Bekleidung. Nämlich: Porzellan und Haushaltswaren. Uhren. Tischwäsche. Möbel. Autos. In den Modegeschichtsbüchern machte er sich als großer Lizenzgeber einen Namen und schloss grundsätzlich niemanden aus. Nicht die chinesische Regierung, für die er von 1995 an Armee- und Polizei-Uniformen fertigte und zu der er schon lange vorher Kontakt hatte. Nicht die vielen Kaufhäuser, die auch hierzulande und bis heute Pierre-Cardin-Unterhosen im Zehner-Pack verkaufen. Andere gingen bei Vermarktungen später klüger vor, allen voran Karl Lagerfeld.

          Pierre Cardin ist trotzdem beides, der Name auf dem Gummiband des Slips und einer der großen Schöpfer der Mode des 20. Jahrhunderts. Am Dienstag ist er im Alter von 98 Jahren in einem Krankenhaus in Neuilly, westlich von Paris gestorben.

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