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Fransen in der Mode : Dem Lustprinzip verbunden

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Übermut tut gut: Auch der Saum des eigenen Weltbildes könnte mit den Fransen zu flirren beginnen. Bild: Getty

Fransen sind nichts für den Ernst der Lage. Mit Fransen geht man aus sich heraus – zumindest ein bisschen. Eine Hommage an den Sommer-Saum.

          Ein Schneider, so erklärt der Modeschöpfer Reynolds Woodcock (Daniel Day-Lewis) seiner Muse und späteren Frau Alma (Vicky Krieps) in dem fürs beste Kostümdesign Oscar-prämierten Film „Der seidene Faden“, ein Schneider könne im Futter oder in den Säumen der Kleider alles verstecken: „Geheimnisse, Münzen, kleine Botschaften“. Er selbst habe im Alter von neun Jahren damit begonnen.

          Empfindlich. Eifersüchtig. Auf Perfektion und Abstand bedacht. Bereits das Wort „chic“ treibt diesem dem legendären Modeschöpfer Cristóbal Balenciagas nachempfundenen Mann die Schauer des Weltekels durch die Seele. Was er wohl über die Fransen sagen würde? Über jene gerade wieder hochaktuelle Spielart des Saumes, die es mit der Verschwiegenheit nicht besonders ernst nimmt.

          Exzentrische Federn und ihrer unerschrockenen Komplizen

          Frivol und subversiv hat man sie deshalb genannt und dabei stets auf die gleichen Quellen der Inspiration verwiesen. Eine der prominentesten ist das Zeitalter des Jazz, die zwanziger Jahre und im Speziellen F. Scott Fitzgeralds Meisterwerk „Der große Gatsby“. Der Roman wurde zum Synonym einer Epoche, einer Atmosphäre, in der „ein Tablett mit Cocktails im Dämmerlicht“ auf jemanden „zuschweben“ konnte, die Abendbrise einen Schatten auf „den weinfarbenen Teppich wirft wie Wind auf dem Meer“ und Röcke „schwangen und flatterten, als wären sie nach einem kurzen Flug ums Haus eben erst wieder hereingeweht worden“. Da schien es unerheblich, dass im Text selbst von Kleidern mit Fransen gar nicht die Rede war und auch längst nicht nur von Ausgelassenheit und Glamour. Die Mode zitiert manchmal sehr von ungefähr.

          Und wen sie liebt, den liebt sie. Wie die Fransen und Federn – wenigstens ein Mal muss man die beiden hier zusammen nennen. Wer könnte das Tänzerische, Gestenreiche besser repräsentieren als sie?

          Wuschig: Fransenkleid von Calvin Klein

          Man denke zum Beispiel an das unvergessliche Foto, das Richard Avedon in den sechziger Jahren für die „Vogue“ von der russischen Primaballerina Maja Plissezkaja in New York machte. Als schwarzen Schwan zeigt es sie, selten passte wohl so viel Schönheit und Anmut in ein einziges Bild. Die Federn verweisen auf die legendäre Rolle in „Schwanensee“, zugleich auf das Tier, das Plissezkaja als Lehrmeister für die Bewegung der Arme akzeptierte. In der Mode waren die Federn dem Höfischen, später der Haute Couture vorenthalten, und es ist alles andere als ein Zufall, dass sich das Varieté und nicht die ängstlich anpassungsbereite bürgerliche Mitte der exzentrischen Federn und ihrer unerschrockenen Komplizen, der Fransen, angenommen hat.

          Saum des eigenen Selbstbildes

          Anfang des 14. Jahrhunderts wurden sie in Europa zum dekorativen Stilmittel. Einfach und meistens aus kräftiger Wolle. Fäden aus Seide und Gold mischten sich bald in den Schmuck der Kirche. Ab dem 16. Jahrhundert fanden sich Fransen verstärkt an Betten, Sesseln und Baldachinen. Das 17. Jahrhundert kannte mehrfarbige Fransen, das 18. ließ sie seidig und anschmiegsam werden. Am Ende des 19. Jahrhunderts hatte die wollene Franse ein starkes Comeback. Die Baumwolle kam hinzu, die Franse aus künstlicher Seide, aus Glas.

          Teppich für die Beine: Rock von Loewe

          In der kostümbildnerisch vielleicht einflussreichsten Verfilmung des „Großen Gatsby“, jener von 1974, trägt Mia Farrow als Daisy Buchanan zum grün schimmernden Partykleid übrigens ein Flapper-Cap aus Strasssteinfransen, dazu einen Fächer aus Federn. Die gläsernen Fransen umspielen das Gesicht. Vielversprechend und lockend. Womit man bei den Fransen jederzeit rechnen muss. Freudianisch gesprochen sind sie dem Lust- und nicht dem Realitätsprinzip verbunden. Für den Ernst der Lage fühlen sie sich nicht verantwortlich.

          Fringe – das englische Wort bedeutet bezeichnenderweise nicht nur Franse, sondern eben auch den Rand, den äußeren Bezirk, also das, was weit vom Zentrum liegt. Mit den Fransen geht man ein bisschen aus sich heraus. Man wird übermütig, und der Saum des eigenen Selbstbildes beginnt zu flirren. Anders als in der Politik ist das in der Mode ein meist glücklicher, ungefährlicher Vorgang.

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