https://www.faz.net/-hrx-81tfe

Gesetz gegen Magermodels : Dünner geht’s nicht

Haut und Knochen: Hedi Slimane setzt für Saint Laurent (hier Frühjahr und Sommer 2015) auf untergewichtige Models. Dem Erfolg der Marke ist das sogar zuträglich. Bild: Helmut Fricke

Modelagenturen und Modehäuser in Paris werden sich gegen die Regelung wehren, magere Mädchen von den Laufstegen zu verbannen. Denn das Extreme gilt in der Modeszene als extremer Vorteil.

          3 Min.

          Kann das Zufall sein? Die Marke mit den dünnsten Models ist die Marke mit dem größten Erfolg. Als Hedi Slimane zum Chefdesigner bei Yves Saint Laurent berufen wurde, machte das weltbekannte Label einen Umsatz von nur 353 Millionen Euro (2011).  Seit Frühjahr 2012 macht Slimane auf Revolution: Er nannte die Marke Saint Laurent Paris, setzte einen extrem jungen Stil durch – und schickt Models über den Laufsteg, die nur aus Haut und Knochen zu bestehen scheinen. Im Jahr 2014 setzte Saint Laurent 707 Millionen Euro um, doppelt so viel wie bei Hedis Antritt. Kann das Zufall sein?

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Nein – meinen zumindest die Einkäufer von Boutiquen und Kaufhäusern. Es gehört viel dazu, eine Marke begehrenswert zu machen: Stil, Preis, Passform – und Image. Und kein anderes Label in Paris zeichnet gerade ein so revolutionäres und klar erkennbares Bild von sich selbst wie Saint Laurent. Hedi Slimane hat die Marke, die in die Jahre gekommen war, auf links gedreht: Heute ist Saint Laurent extrem begehrt und die Einladung zur Modenschau das „hottest ticket in town“.

          Für den Kampf gegen die Magersucht, den die französische Regierung jetzt aufnimmt, bedeutet das nichts Gutes. Denn wenn „extrem dünn“ auch „extrem erfolgreich“ bedeutet, dann werden die Pariser Modehäuser nicht freiwillig der geplanten Regelung folgen, untergewichtige Models von den Laufstegen zu verbannen.

          Frankreich meint es ernst

          Für die Öffentlichkeit klingt das Vorhaben gut: Auf Modenschauen oder bei Foto-Shootings in Frankreich sollen künftig keine Models mehr arbeiten, die einen bestimmten Body-Mass-Index, der noch festzulegen ist, unterschreiten. Wer trotzdem Magermodels beschäftigt, dem drohen bis zu sechs Monate Gefängnis und eine Strafe von 75.000 Euro. Die Nationalversammlung meint es ernst: Zuvor hatte sie für einen Zusatz zu dem neuen Gesundheitsgesetz gestimmt, der eine Anstiftung zur Magersucht etwa auf sogenannten „Pro-Ana“-Internetseiten mit einem Jahr Gefängnis und 10.000 Euro Geldstrafe belegt.

          Es gibt genug Argumente für ein Gesetz gegen Magere in der Mode. Models auf dem Laufsteg sind für viele Mädchen Vorbilder. Manfred Fichter, der lange als Ärztlicher Direktor der Klinik Roseneck Magersüchtige behandelt hat, weist darauf hin, dass untergewichtige Models „einen katastrophalen Einfluss auf Magersucht-Gefährdete“ haben. Die französische Gesundheitsministerin Marisol Touraine nennt es „ein beunruhigendes Thema“. Und in ihrer Begründung schreiben die Abgeordneten der Nationalversammlung, die den Gesetzeszusatz eingebracht haben, bestimmte Models verbreiteten Rollenbilder, die potentiell gefährlich sein können.

          All den Mitgliedern der Modebranche, den Models, Casting-Agenten, Stylisten, Designern, Einkäufern und Moderedakteuren, fällt es vielleicht nicht mehr auf. Aber Neulinge nehmen die Szene anders wahr. Als eine Fotografin im Februar in New York das Defilee von Narciso Rodriguez gesehen hatte, ihre erste Modenschau überhaupt, war sie regelrecht schockiert: „Ich hätte nie gedacht, wie schrecklich dünn die Models sind.“

          Und dennoch: Bevor das französische Gesetz endgültig verabschiedet wird (es muss am 14. April von der Nationalversammlung angenommen werden und dann auch noch durch den Senat, in dem die regierenden Sozialisten keine Mehrheit haben), wird die Modebranche alle Gegenargumente vorbringen. Einige der Gründe sind auch stichhaltig. Wer von Natur aus sehr dünn ist, und das sind viele Models, wird durch die Regelung diskriminiert. Ein Body-Mass-Index von 18 kann bei einem Mädchen krankhaft, bei einem anderen normal sein. Wer will nur mit einer Kennziffer beurteilen, ob ein Model noch schlank oder schon magersüchtig ist?

          Wer ist schlank, wer ist magersüchtig?

          Fast unmöglich wird es sein, die Einhaltung des Gesetzes zu überprüfen. Will man die Modelagenturen kontrollieren? Und wie oft? Was, wenn die Modemacher, so wie es Hedi Slimane schon gemacht hat, sich gar nicht auf Agenturen verlassen, sondern selbst auf der Straße ihre Models aussuchen? Werden die Mädchen dann backstage auf die Waage gestellt, bei weit mehr als 100 Schauen, die in einer Woche ablaufen? Wer will das alles überprüfen? Und was ist mit den zahllosen Showrooms in der Stadt, in denen abseits der großen Öffentlichkeit Tausende von Vorführmodels arbeiten?

          Dieses Gesetz greift das Selbstverständnis der selbstverliebten Pariser Mode an. Dass Italien eine freiwillige Selbstverpflichtungen abgegeben hat, dass in Spanien kein untergewichtiges Model auf den Laufsteg darf, dass in New York nun ständig an die Verantwortung der Designer appelliert wird – was hat das, so denkt man in Paris, mit Paris zu tun? Will man nun auch noch einer der wenigen erfolgreichen Branchen im Lande das Leben schwer machen? Ähnlich dünn ist auch das Argument der Modelagenten, mit einem solchen Gesetz falle man im europäischen Wettbewerb zurück – denn die wichtigste europäische Stadt für Models wird Paris so oder so bleiben.

          Bei Facebook wird schon gewitzelt: „Lieber geht Hedi in den Knast, als dass er Size-36-Models bucht.“ Und man kann sich kaum vorstellen, dass Emmanuelle Alt, die Chefredakteurin der französischen „Vogue“, vor Drucklegung die Ecken und Kanten der Mädchen runder retuschieren lässt.

          Am Beispiel ihrer Vorgängerin Carine Roitfeld lässt sich aber auch leicht illustrieren, dass das neue Gesundheitsgesetz sogar segensreichen Einfluss auf die Mode haben könnte. Die Star-Stylistin, die noch als Großmutter gertenschlank ist, muss sich nun für ihre Hochglanz-Strecken in „Harper’s Bazaar“ etwas Neues einfallen lassen, statt nur junge und schlanke und überschminkte Mädchen zu inszenieren. Wie wär’s mal mit guter Mode?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Thomas Cook macht Bankrott in einer Zeit, in der das Fliegen als unnötige, im Grunde schon unlautere Handlung gilt. Worüber aber wird berichtet? Über die Streichung von Flügen und steckengebliebene Urlauber.

          Politische Willensbildung : Wer hat noch Mut zum Zweifeln?

          Politik ist die Vertretung von Interessen. Aber die werden kaum noch ausgesprochen. Statt Streit zuzulassen, erstickt man ihn meistens schon im Keim. Über einen immer enger werdenden Spielraum.
          Die Gesundheit des Babys ist für Eltern das höchste Gebot – nicht erst ab der Geburt.

          Verfrühter Mutterschutz : Kaum schwanger, schon weg

          Immer häufiger werden Erzieherinnen und Lehrerinnen lange vor der Geburt des Kindes krankgeschrieben. In vielen Kitas und Grundschulen führt das zu Schwierigkeiten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.