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Frankfurt Fashion Week : Meinen sie das ernst?

Samuel Gärtner zeigte seine Kollektion auf dem Eisernen Steg. Eine gute Location macht nur noch lange keine gute Fashion Show. Bild: Michael Braunschädel

Die Schickeria am Main schnupperte eine Woche lang Front-Row-Luft: Am Sonntagabend ging die Frankfurt Fashion Week zu Ende. Worte für die vergangenen Tagen zu finden, fällt aus vielen Gründen schwer. Ein Versuch.

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          „Wir blicken auf eine Woche, die man nicht in einem Satz beschreiben kann“ – mit diesen Worten sollte der Moderator auf der letzten Show der Frankfurt Fashion Week recht behalten. Designer Wladimir Arutti beendete die Woche in glühender Hitze zwischen Plastikpflanzen im Club „Fortuna Irgendwo“ – einem Veranstaltungsort, der sich ironischerweise mit dem Zusatz „Heilanstalt für Gemüts- und Nervenkranke“ schmückt. Nicht aus allen Winkeln des Clubs waren Aruttis Bademode sowie die nass aus einem Mini-Pool steigenden Models ordentlich zu begutachten. In der im Raucherbereich befindlichen Presselounge versperrte die Dekoration das Sichtfeld, hier bekam man vor allen Dingen die Rückseiten der Models zu sehen. Auch dass die Badehosen und Bikinis aus Thermolack gefertigt wurden und so die Farben je nach Temperatur wechseln sollten, blieb für viele nur ein Gerücht. Für Saunaflair sorgten die Elektroheizungen im Club, die für den magischen Farbwechsel auf über 30 Grad gedreht wurden.

          Johanna Christner
          Redakteurin im Ressort Gesellschaft & Stil.
          Anna Wender
          Redakteurin im Ressort „Gesellschaft & Stil“

          Aber nach den Tagen, die hinter einem lagen, regte sich da kein Protest, sondern nur ein resignierendes: Vielleicht ist es besser, nichts zu sehen. Am Samstag und Sonntag fanden nur noch die Messe Neonyt und einige kleinere Veranstaltungen statt, die zur Beantwortung der wohl meist gestellten Frage der letzten Woche nicht mehr viel beitragen konnten – kann Frankfurt Mode? Sagen wir so: Theoretisch kann auch jeder singen. Wie gut ist dann eine andere Frage.

          Wem seine Augen lieb und teuer sind, beließ es bei der Show von René Storck

          Dabei hatte die Frankfurt Fashion Week mit einem Höhepunkt begonnen. Einige vermuteten da schon, dass es das einzige Highlight bleiben würde. Designer René Storck zeigte am vorvergangenen Sonntagabend seine Resort 2023 Kollektion im Handelssaal der Börse. Zu sphärischen Klängen von Hans Zimmer schritten die Models durch das Finanzlabyrinth, eingerahmt von Aktienkursen und staunenden Blicken. Die Entwürfe: klassisch und zugleich raffiniert, hochwertige sowie hervorragend verarbeitete Stoffe. Sie erinnerten daran, dass Mode nicht nur Kunst, sondern auch ein Handwerk ist, das gelernt sein will. Dass Balenciagas Kreativdirektor Demna Gvasalia vor ein paar Wochen seine Cruise-Kollektion auf dem Parkett der New Yorker Börse zeigte, war Zufall – und für René Storck ein Zeichen, den Zeitgeist getroffen zu haben.

          René Storck zeigte seine Kollektion im Handelssaal der Börse. Seine Show sollte das Highlight der Woche bleiben.
          René Storck zeigte seine Kollektion im Handelssaal der Börse. Seine Show sollte das Highlight der Woche bleiben. : Bild: EPA

          Von Minimalismus konnte bei den parallel laufenden Veranstaltungen keine Rede sein. Wem seine Augen lieb und teuer sind, beließ es bei der Show von René Storck. Zwar wurden für die anderen Schauen an jenem Sonntag ebenso spektakuläre Schauplätze, der Eiserne Steg und die Alte Oper, gewählt. Allerdings bewegte man sich hier in völlig anderen modischen Dimensionen. In der altehrwürdigen Oper zeigte Irena Soprano die glitzernden Roben ihrer russisch-arabischen Marke Sol Angelann. Sonst stöckeln Frauen wie Paris Hilton mit ihren Kleidern über Hollywoods rote Teppiche. Wo in diesem Fall die lokale Kreativszene gefördert werden sollte, blieb unklar.

          Bei der Schau von Samuel Gärtner kündigte sich das Unheil für einige Frankfurter schon vor dem eigentlichen Ereignis an: So beschwerten sich Passanten bei der Polizei über die gesperrte Mainbrücke. Dass man ihr Wohlbefinden mit der Sperrung des Eisernen Stegs schützte, war ihnen womöglich nicht ganz klar. Gärtner schickte mit Blick auf die Skyline und „Que Sera“ von Doris Day in Endlosschleife Dragqueens und frühere Germany’s Next Topmodel-Kandidatinnen über die Mainbrücke. An ihren Körpern trugen sie quietschbunte, kreuz- und quergenähte Fetzen im 60er-Jahre-Stil. Gärtners Entwürfe zeigten, dass nicht nur Talent darüber entscheidet, wer auf der Frankfurter Modewoche eine Plattform erhält, sondern manchmal auch einfach das Vermarktungspotenzial eines vermeintlichen Design-Wunderkindes, das sich als „Frankfurter Bub“ bezeichnet. Dass die gezeigte Mode eine Beleidigung an das Modehandwerk ist, spielte hier keine Rolle.

          Auch mal Front-Row-Luft schnuppern

          Was die Woche noch zeigte: Hier mischen viel zu viele mit. Wer zu wem gehört oder was von wem veranstaltet wird, war auch am fünften Tag noch nicht klar. Am prominentesten inszenierte sich die von Unternehmerin Sevinc Yerli organisierte Frankfurt Fashion Lounge. Wer „Frankfurt Fashion Week“ googelte, erhielt die Website ihres Veranstaltungskomplexes als eines der ersten Suchergebnisse. Schon im Voraus konnte man dort bis zu 250 Euro teure Karten für fast alle Shows kaufen. Dementsprechend bunt war das Publikum. Sprich: die Frankfurter Schickeria und jene, die noch Teil von ihr werden wollen.

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