https://www.faz.net/-hrx-7ftt3

Francois Hollandes Krawatte : Auf der Suche nach der verlorenen Mitte

Falsch verbunden Bild: Helmut Fricke

Eine Frage der Haltung: Der französische Präsident Francois Hollande hat ein Problem mit dem Krawattenbinden. Der präsidiale Schlips hat sich zum Objekt eines nationalen Spottwettbewerbs entwickelt.

          Den Straftatbestand der „Beleidigung des Staatspräsidenten“ hat das französische Parlament gerade abgeschafft. „Wie sehen Sie überhaupt aus! Ihre Krawatte sitzt schief!“ zum Beispiel dürfen Franzosen fortan dem Staatschef sagen, ohne dass ihnen Geldstrafen drohen. Mit Nicolas Sarkozy war in ähnlichen Fällen nicht zu spaßen gewesen. Er ließ sogar einmal einen Mann verurteilen, der ihm seinen eigenen Ausspruch auf einem Plakat entgegengehalten hatte: „Hau ab, du armer Depp!“ Das hatte Sarkozy mal einem Passanten erwidert, aber auf einem Plakat wollte er es nicht lesen. Den Präsidenten hat man zu respektieren, wie früher Seine Majestät. Das fanden auch die Richter, die den Plakatschwenker zu einer Geldbuße verurteilten. Künftig aber geht so etwas nicht mehr.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Das ist auch besser so, denn gerade die Krawatte des Präsidenten hat sich zum Objekt eines nationalen Spottwettbewerbs entwickelt. Krise hin, Krise her, halb Frankreich betreibt seit einiger Zeit lieber Krawatten-Watching.

          Die Franzosen verbindet mit dem Halsschmuck eine lange Geschichte. War es nicht schon der Sonnenkönig Ludwig XIV., dem die Halsbinden eines kroatischen Reiterregiments so gefielen, dass er sie zum Muss für jeden Edelmann erhob? Der berühmte Schriftsteller Saint-Hilaire, dem Frankreich so zeitlos aktuelle Werke verdankt wie „Die Kunst, seine Schulden zu bezahlen und seine Gläubiger zu befrieden, ohne einen Sou auszugeben“, widmete 1827 gar ein ganzes Buch der Krawatte. Titel: „Die Kunst, seine Krawatte zu binden“.

          Mitterand zum Vorbild

          Hollande kann es nicht gelesen haben. Stattdessen hat er - oder besser: seine Krawatte - eine eigene Internetseite namens „François, Deine Krawatte“. Aus der Ich-Perspektive wird dort genau Buch geführt über Hollandes Pannen am Hals: „Ich bin die Krawatte von François, und ich bin bei 667 öffentlichen Auftritten 351 Mal schief getragen worden.“ Nach einem Punktesystem mit null bis fünf blauen Krawatten wird das Bindungsversagen bewertet und der entsprechende Neigungsgrad grafisch dargestellt. Bei Angela Merkel hatte sie einen Linksdrall, am Nationalfeiertag hing sie rechts. Ausgedacht hat sich die Seite ein Informatikstudent aus Bordeaux. Der 20 Jahre alte Mann findet, dass die Krawatte Hollandes „Frankreich repräsentiert“. Und damit sei die Dokumentation der Pannenserie als Ausdruck der Unzufriedenheit mit Hollandes Amtsführung zu verstehen. Der Student hatte übrigens für Sarkozy gestimmt.

          Auch die seriösen Medien sind von dem Krawatten-Ulk fasziniert. So fehlt in Berichten von „Le Monde“ oder „Le Point“ selten der Hinweis, wie sie denn heute hängt. Wohlmeinende Beobachter haben Hollande vorgeschlagen, auf die Fliege umzusteigen. Der französische Reitsportausrüster Pierre Guibert hat Hollande gar eine durch Spezialmaschen immer fest in der Mitte sitzende Jockey-Krawatte geschenkt, Modell „Jumping“. Den Präsidenten lässt der Spott keineswegs kalt. Bei einem Abendessen mit Journalisten in Paris gestand er, die Sache zunächst nicht besonders ernst genommen zu haben. „Aber jetzt habe ich verstanden: Das ist alles eine Frage der Haltung! Ich passe seither sehr auf!“ Sein Vorbild scheint da der erste sozialistische Präsident François Mitterrand zu sein: „Mitterrand hat sein Äußeres komplett verändert, seit er Präsident war. Nach 14 Jahren war er perfekt.“

          Weitere Themen

          Das Gesicht einer neuen Zeit

          Twiggy wird 70 : Das Gesicht einer neuen Zeit

          Mit ihrer zierlichen Statur, den auffällig geschminkten großen Augen und ihren Miniröcken prägte Ur-Model Twiggy ein Schönheitsideal – bis heute. Nun feiert die Stil-Ikone ihren 70. Geburtstag.

          Topmeldungen

          Klimastreik in Berlin : Rackete for Future

          Beim großen Klimastreik in Berlin überlassen die Aktivisten von „Fridays for Future“ anderen die Bühne. Es sollte der Auftakt sein für ein breites gesellschaftliches Bündnis. Doch noch prallen Welten aufeinander.
          Der Vorsitzende des Geheimdienstausschusses, Adam Schiff von der Demokratischen Partei, am Donnerstag im Kongress

          Whistleblower belastet Trump : Die Spur führt nach Kiew

          Ein Mitarbeiter des Geheimdienstes macht Donald Trump schwere Vorwürfe. Dessen Regierung versuchte, die Informationen des Whistleblowers zu unterdrücken.
          Bittet zum Rapport: Gauland bei einem Wahlkampftermin in Thüringen

          Streit in der AfD : Zum Vorsprechen bei Gauland

          Die AfD-Führung zitierte am Freitag einige Unruhestifter zum Rapport – einer kam gar nicht erst, sondern schimpfte auf Facebook. Andere verkündeten den Frieden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.