https://www.faz.net/-hrx-99z3o

Selfie-Verbot in Cannes : Toter Teppich

Winken ist noch erlaubt: Penelope Cruz und Ricardo Darin, Javier Bardem sowie der iranische Regisseur Asghar Farhadi (von rechts nach links) bei der Eröffnung der Filmfestspiele in Cannes. Bild: AFP

„Keine grotesken Fotos“, forderte Cannes’ Festivalleiter Thierry Fremaux vor der Eröffnung. Doch das Selfie-Verbot macht die großen Auftritte nur noch halb so spannend.

          2 Min.

          Auf dem Schild vor dem Festivalpalast steht es eindeutig: „Keine Selfies oder andere Fotos auf dem Roten Teppich, vielen Dank!“

          Maria Wiesner
          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Wer in diesem Jahr ein Ticket zu einer Filmpremiere in Cannes bekommt, erhält auch mit der Karte den Hinweis, dass Fotos auf dem Weg in den Palast doch bitte tunlichst zu vermeiden sind. „Wer sich nicht daran hält, dem wird der Einlass zur Vorführung verweigert“, heißt es drohend auf Hinweiskärtchen, die man mit den Premierentickets erhält. Der Festivalleiter Thierry Fremaux hatte am Dienstag vor der Eröffnung noch einmal in mehreren Interviews seine Idee vom Roten Teppich propagiert: Zurück zu altem Glamour wolle er, ohne diese „grotesken Fotos“.

          Wie aber sieht so ein roter Teppich dann aus? Für den Glamour braucht es ja nicht nur das Team des Eröffnungsfilms, in diesem Fall Penelope Cruz und Javier Bardem, die für die Premiere ihres Films „Everybody Knows“ angereist waren – und die auf einem roten Teppich in puncto Stil nicht viel verkehrt machen.

          „Ich will bei der Entscheidung über den Siegerfilm Demokratie und werde kein Diktator sein“, sagte Cate Blanchett über ihre Aufgabe als Jurypräsidentin für den Wettbewerb in Cannes. Bilderstrecke
          „Ich will bei der Entscheidung über den Siegerfilm Demokratie und werde kein Diktator sein“, sagte Cate Blanchett über ihre Aufgabe als Jurypräsidentin für den Wettbewerb in Cannes. :

          Es braucht neben den Stars aber eben auch noch ein paar Sternchen, die als Paradiesvögel die Fotografen und Klatschkolumnisten zum Staunen bringen. Die findet man heute eher unter den Models und Influencern – und die wiederum brauchen Fotos wie die Luft zum Atmen.

          Wenn Thierry Fremaux also vom alten Glamour schwärmt, dann schließt der 57 Jahre alte Franzose hier eine ganze Generation einfach aus – die große Marken der Mode- und Schmuckindustrie rund um den roten Teppich längst für sich entdeckt haben.

          Entsprechend ist der rote Teppich nun eine fast schon traurige Groteske. Zum donnernden Euro-Dance laufen die Stars und Sternchen etwas steif auf die lange, steile Treppe zu, die sie auf dem Weg in den Festivalpalast erklimmen müssen. Wer sein Smartphone auch nur für einen Tweet in der Hand hält, wird von der Security ermahnt, es doch bitte verschwinden zu lassen. Versucht ein Schauspieler naiv, doch den Arm für einen Schnappschuss zu heben, rennen Sicherheitsleute so schnell auf ihn zu, dass man Angst hat, sie würden den Selfie-Aspiranten einfach in Rugby-Manier vom Teppich tackeln.

          Im vergangenen Jahr hatte Will Smith hier noch das Tanzbein geschwungen und Grimassen für Fotos mit den Fans gezogen. Am Dienstagabend erinnert der Einlass eher an den Gang zu einer Schulpflichtveranstaltung, in der man für jeden Anflug von Individualität und jede Abweichung vom Protokoll hart bestraft wird.

          Das Bild vom alten Glamour in Cannes beschwört eben nicht nur den Stil vergangener Jahrzehnte, sondern auch einen Sitten- und Verhaltenskodex, der in seiner Rückwärtsgewandtheit mehr ans Ancien Régime als an den Glanz der Gründungsjahre des Festivals erinnert.

          Weitere Themen

          Wir wollen gesehen werden

          Bunte Sonnenbrillen : Wir wollen gesehen werden

          FFP2-Masken und dunkle Sonnenbrillen passen nicht zusammen. Aber es gibt Alternative, hinter denen die Welt ein bisschen rosiger daherkommt. Die Kolumne Modeerscheinung.

          Topmeldungen

          Justizministerin Alma Zadić und Vizekanzler Werner Kogler auf dem Parteitag der österreichischen Grünen am Sonntag in Linz

          Grünen-Parteitag in Österreich : „Regieren ist nix für Lulus“

          Österreichs Grüne ziehen eine erste Bilanz der Koalition mit der ÖVP. Es gibt viele Krisen aufzuarbeiten, doch die Führung ist überzeugt: Den Unterschied zur Vorgängerregierung mit der FPÖ machen die Grünen.

          Autonomes Fahren : Tech-Konzerne auf der Überholspur?

          Noch vor einigen Jahren schien autonomes Fahren das Zukunftsthema schlechthin. Heute steht das Thema nicht mehr in der Öffentlichkeit, doch im Verborgenen liefern sich Automobil- und Tech-Konzerne ein Rennen um die Vorherrschaft auf den Straßen der Zukunft.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.