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Faux Fur : Die richtige Zeit für falschen Pelz

Kunstpelz als Modeprodukt: Die italienische Marke Ainea bemalt und bedruckt den faux-fur Bild: Hersteller

In der Modebranche war der Pelz aus Polyester und Wolle lange Zeit verpönt. Inzwischen ist „Faux fur“ kein Fauxpas mehr, sondern der Trendstoff dieses Winters.

          Manche Erfolgsgeschichten ereignen sich tatsächlich, wie sie im Buche stehen: Da ist zum Beispiel jene der jungen Designerin Charlotte Beecham, die vor einigen Jahren auf der Terrasse eines Pariser Cafés saß, als eine Frau an ihr vorbeilief. Die trug einen Schal aus dickem Pelz, und der brachte Beecham, die gerade in New York ihren Abschluss in Modedesign gemacht hatte, zum Nachdenken. Wäre es nicht eine gute Idee, solche Schals, möglichst bunt, möglichst flauschig, sowohl aus echtem als auch aus Kunstpelz herzustellen? Beecham machte sich an die Arbeit. Kurze Zeit später schaffte es einer ihrer ersten Schals an den Hals von It-Girl Suki Waterhouse. Auf Instagram ergatterte das Bild knapp 130.000 Likes.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Da ist auch die Geschichte von Hannah Weiland, der als Modestudentin vor zwei Jahren ein kleines Stück bunter Kunstpelz in die Hände fiel. Weiland sah darin ebenfalls kein billiges Polyester, sondern erkannte sein Potential. „Etwas Warmes und zugleich Luxuriöses“, sagt sie heute. Und sie sah nautische Breton-Streifen, die sie als Muster auf ihrer ersten Charge Kunstpelz-Mäntel unter dem Label Shrimps verarbeitete. Kurze Zeit später brach sie das Studium ab. Aus ihrer Idee war ein Vollzeitjob geworden. Ihre Mäntel verkaufen sich heute über die wichtigsten Online-Shops für Luxusmode wie Net-a-porter, Mytheresa und Avenue32.

          Rasanter Siegeszug des Kunstpelz

          Oder da ist Andrea Ainea, der als Chefdesigner der gleichnamigen italienischen Marke Ainea zufällig auf eine Fabrik in der Toskana stieß. „Sie hat sich bereits seit den fünfziger Jahren auf Kunstpelz spezialisiert. Lange Zeit war das ein Tabuthema“, erklärt Ainea. „Zusammen kümmern wir uns jetzt darum, dass daraus ein Modeprodukt wird.“

          Mehr als nur Mäntel: die Clutch mit Kunstpelz

          Kunstpelz als Modeprodukt: Vor zwei Wintern hätte es noch niemand für möglich gehalten, dass ein bisschen Polyester und Wolle tatsächlich Begehrlichkeiten wecken können. Der Stellenwert von Kunstpelz in der Mode glich etwa dem einer schlechten Gegend in einer teuren Stadt.

          Aber so wie aus heruntergekommenen Stadtteilen manchmal beinahe über Nacht Szeneviertel werden können, hat auch der Kunstpelz einen rasanten Siegeszug hinter sich. Heute können diejenigen, die im richtigen Moment an den Kunstpelz geglaubt haben, zum Beispiel die Designer von Shrimps, Ainea oder Charlotte Beecham, sich zurücklehnen wie Menschen, die in dieser ehemals schlechten Gegend ein Haus gekauft und somit einen echten Schnapp gemacht haben.

          In Modekreisen wird Kunstpelz längst nur noch faux fur genannt. Wer in diesem Winter in einen neuen Mantel investiert hat, der hat mit einem Modell aus falschem Pelz

          Es muss kein echter Pelz sein

          Schließlich versuchen große Designhäuser bereits seit Jahren, ihre echten Pelze auf den Laufstegen so unecht wie möglich aussehen zu lassen. Sie bemalen und bedrucken sie oder versehen das kostbare Material mit Batikmustern – und das nicht nur auf Mänteln. In jüngster Vergangenheit wurden Handtaschen mit Pelz besetzt, Anhänger, die an diesen Taschen herunterhängen, waren aus Pelz gefertigt, die Fesselriemen von High Heels mussten bei einigen Labels aus Pelz sein. Auch Menschen, die den Methoden der Tierrechtsorganisation Peta nichts abgewinnen können, begannen zu schäumen.

          Vielseitig einsetzbar: kurze Jacke mit Pelz-Imitat

          Vor rund einem Jahr leuchtete den ersten Kunden dann ein, dass man für all diese Anstrengungen nicht unbedingt echten Pelz benötigt, zumal der „falsche“ aus technologischer Sicht immer besser wird. 80 Prozent Modacrylfasern, elf Prozent Polyester und neun Prozent Nylon lautet etwa die Formel der bunten Kunstpelze von Hannah Weilands Label Shrimps. Besonders natürlich sehe das Ergebnis aus, wenn die künstlichen Haare verschiedene Längen haben. „Jeder Mantel ist anders“, sagt Designer Ainea, das gelte auch für Kunstpelz. „Deshalb ist es wichtig, die Formel dem Modell anzupassen. Mal benötigt man mehr Wolle, mal mehr Polyester.“ In einem kleinen Atelier in der Nähe der Kunstpelz-Fabrik Lanificio Becagli experimentiert er dieser Tage mit dem flauschigen Stoff. „Im nächsten Winter möchten wir von Hand bemalte Modelle anbieten.“

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