https://www.faz.net/-hrx-9151e

Fashiontrends : Getragene Investitionen

  • -Aktualisiert am

Abbas Almosawi: Der Künstler der impressionistischen Malerei hat sich des Mantels von Annada angenommen. Bild: F.A.S.

Das Verhältnis zwischen Mode und Kunst ist so eng wie seit langem nicht mehr. Ganze Labels verschreiben sich der Beziehung, die nicht nur Romantik verheißt, sondern auch satte Gewinne.

          Kunstvoll ineinander verschlungen heben sich die schwarzen arabischen Buchstaben vom türkis- und rosafarbenen Hintergrund eines gut zwei Meter langen Schals aus Seide ab. Die Kalligraphie zieht die Blicke auf sich: „Viele Menschen denken erst, es seien Zitate aus dem Koran, gedruckt auf ein Accessoire. Das gefällt nicht jedem“, erzählt Nada Alawi, die den textilen Gesprächsstoff entworfen hat. Der Designerin aus Bahrein gefällt diese provokante Note: „Wenn Mode Kommunikation entfacht, ist das doch wunderbar.“

          Die ganz große Kontroverse bleibt aber aus. Denn was zunächst wie ein Koranvers anmutet, entpuppt sich als Gedicht von Ibn Hazm Al-Andalusi, einem Universalgelehrten aus Spanien. Im 10. Jahrhundert verfasste er „Das Halsband der Taube“, aus dem die Kalligraphie auf dem Seidenschal von Annada stammt, jenem Label, das Nada Alawi und ihre Schwester Noor vor fünf Jahren gründeten. Mit Kalligraphien und vor allem Gemälden zeitgenössischer arabischer Künstler wie Abbas Almosawi bedruckte Schals, Abayas und Tücher aus Seide sind die Markenzeichen des Unternehmens. Mal ziehen sich die Kunstwerke über den gesamten Stoff, mal verbergen sie sich im Innenfutter von Lederjacken. Zwischen knapp 700 und 1000 Euro kostet eine solche Jacke. „Wir verstehen uns als Luxusmarke“, sagt Alawi. Ihre Seidenschals liegen mit knapp 200 Euro dann aber doch weit unter den Preisen von Häusern wie Hermès.

          Zeitlich begrenzte Ausflüge in die Welt der schönen Künste

          Auch im Epizentrum der Seidentuch-Manufakturen geht es seit einigen Jahren besonders künstlerisch zu: Der in Paris lebende Maler Gianpaolo Pagni etwa verschönert seit 2013 Hermès-Kreationen. Bei Louis Vuitton tat man sich in diesem Frühjahr mit Jeff Koons zusammen, der bereits 2014 eine Handtasche für H&M kreierte. Michael Kors engagierte die Illustratorin Daisy Emerson für seine diesjährige Taschenkollektion, und Miuccia Prada ließ sich schon von ganzen Stilrichtungen wie dem Konstruktivismus und dem Dadaismus inspirieren. Ausstellungen mit Werken von Modefotografen wie Horst P. Horst und Designern wie Karl Lagerfeld touren durch Museen in ganz Europa. Die Kunst ist in der Mode mittlerweile ebenso allgegenwärtig wie die Mode in der Kunst.

          Jeff Koons: Der Künstler mit den teuersten Werken der Welt hat für Louis Vuitton entworfen.

          Während Louis Vuitton, H&M und andere Mode-Unternehmen meist nur zeitlich begrenzte Ausflüge in die Welt der schönen Künste machen, haben sich kleinere Labels wie Annada ganz der Symbiose beider Bereiche verschrieben. So ist es auch bei Art on Fashion, einem Unternehmen mit Sitz in Belfast, das Celine Magill 2012 gründete. Magill versieht Kleider, Tücher, Röcke und Blusen mit klassischen Ölgemälden aus dem späten 19. Jahrhundert, etwa von dem Iren Jack Yeats, oder mit grafischen Digitaldrucken zeitgenössischer Künstler wie Christopher Beikmann aus den Vereinigten Staaten. Ein langes Sommerkleid aus Seide und Viskose ist für knapp 200 Euro zu haben, eine Wickelbluse aus Chiffon für knapp 180 Euro. Sie produziere nur in kleinen Stückzahlen, sagt Magill. Die Wahrscheinlichkeit, jemandem mit demselben Gemälde auf dem Kleid oder Halstuch zu begegnen, ist also gering.

          10 Prozent vom Erlös an den Künstler

          Die Künstler erhielten durch ihre Idee die Möglichkeit, ihre Werke auch jenseits von Galerien zu präsentieren und so ein breiteres Publikum zu erreichen. Genau wie bei Annada werden sie am Gewinn beteiligt. Man arbeite eng zusammen, betont die Designerin des Labels. Schließlich brauche es mitunter Fingerspitzengefühl, um einem Maler beizubringen, dass die Farbgebung seines Werkes verändert werden muss, damit es auf einem Schal richtig zur Geltung komme. „Das ist nicht immer ganz einfach“, erzählt die Designerin mit einem vielsagenden Lächeln.

          Neben kleinen Labels gibt es auch große Unternehmen, die vor allem für Nachwuchskünstler verlockend erscheinen: Auf der Plattform Vida zum Beispiel können Künstler – und alle, die sich für solche halten – ihre Werke online hochladen, sie auf T-Shirts, Taschen und sogar Kissenhüllen drucken lassen und direkt über die Vida-Website verkaufen. Produziert wird erst dann, wenn eine Bestellung eingeht, 10 Prozent vom Erlös gehen an den Künstler. Unternehmen wie Vida, die gezielt mit Künstlern in Kontakt treten und eine Zusammenarbeit anbieten, sind nicht ganz unumstritten: Wer das Kleingedruckte nicht genau liest, kann schnell sämtliche Rechte an seinem geistigen Eigentum verlieren. Im April diesen Jahres sollen die Konditionen bei Vida aber verbessert worden sein. Dennoch lohne sich genaues Hinsehen, schrieb jüngst die Anwältin Kiffanie Stahle in ihrem auf Recht für Künstler spezialisierten Blog „the artist’s JD“.

          Daisy Emerson für Michael Kors

          In Zeiten, wo Gemälde und Skulpturen höhere Renditen versprechen als so manches Aktienpaket und wo Luxuskonzerne wie LVHM immense Summen in Kunst investieren – ihre Boutiquen mit Ausstellungsräumen ausstatten, junge Künstler fördern und bereits etablierte Namen für ihre Kollektionen verpflichten – rückt der ökonomische Aspekt immer mehr in den Vordergrund. Das weiß man auch bei Art on Fashion in Belfast: Auf der Website des Labels wird darauf hingewiesen, dass man mit dem Kauf eines Kleidungsstückes in ein Kunstwerk investiere.

          Dem menschlichen Skelett nachempfundenes Kleid

          Ob bedruckte Seidentücher und Kleider tatsächlich ernstzunehmende Konkurrenz für klassische Gemälde als Investitionsobjekt werden, bleibt abzuwarten. Ganz abwegig ist es aber nicht. Schließlich erzielen Kleider und Schuhe schon jetzt zum Teil enorme Preise bei Auktionen. Vergangenen November wurde das Kleid, in dem Marilyn Monroe 1962 „Happy Birthday, Mr. President“ sang, für umgerechnet über vier Millionen Euro versteigert, einen Monat später erzielte ein Kleid von Lady Di bei einer Auktion über 60.000 Euro. Das renommierte Auktionshaus Christie’s unterhält eine eigene Abteilung für Handtaschen und Accessoires. Mit der Handschrift bekannter Künstler versehene Mode bringt also zwei aufstrebende Investitionsbereiche zusammen.

          Gianpaolo Pagni für Hermes

          -

          Die enge Bindung zwischen Mode und Kunst beruht nicht auf neuer, plötzlich entflammter Liebe. Der belgische Maler und Architekt Henry van de Velde entwarf schon im frühen 20. Jahrhundert Kleider, die ohne das damals noch übliche Korsett auskamen. Salvador Dalí und Elsa Schiaparelli, Coco Chanels größte Konkurrentin, verband in den späten dreißiger Jahren nicht nur eine Freundschaft: Der Surrealist und die Modedesignerin arbeiteten auch zusammen. Wie Schuhe anmutende Hüte und ein dem menschlichen Skelett nachempfundenes Kleid gehören zu den berühmtesten Früchten dieser Kollaboration.

          Auch Andy Warhol, der die Verschmelzung von etablierter Kunstwelt und Popkultur wie kaum ein anderer zelebrierte, machte in Mode: Sein „Campbell’s Soup“-Kleid von 1960 ist heute in der Sammlung des Metropolitan Museum of Modern Art in New York zu finden. Nun erwecken kleine Labels und große Unternehmen diese lange Liebe wieder zu neuem Leben. Und vielleicht werden in einigen Jahrzehnten neben Warhols Tütensuppen-Kleid auch mit Ölgemälden bedruckte Tücher oder mit Stillleben bedruckte Blusen zu sehen sein.

          Weitere Themen

          Und was, wenn das Handy jetzt runterfällt?

          Smartphones : Und was, wenn das Handy jetzt runterfällt?

          Dann ist verloren, was Psychologe Christian Montag „ein ausgelagertes Gehirn“ nennt – und Panik angesagt. Im Interview erklärt der Forscher, warum uns das Smartphone verändert und warum wir Momente nicht mehr genießen können.

          Topmeldungen

          Miet- und Kaufpreise in Europa : Schlimmer geht immer

          Deutschland ächzt unter hohen Mieten und teuren Immobilien. Doch anderswo in Europa ist die Lage weitaus dramatischer – kein gutes Zeichen.

          Ich und das Klima : Du sollst verzichten

          Die Deutschen müssen ihr Leben ändern, sagen die einen. Was die Deutschen machen, ist der Welt egal, behaupten die anderen. Was kann der Einzelne wirklich bewirken?

          Umstrittener Backstop : Was will Boris Johnson?

          In einem Brief an EU-Ratspräsident Donald Tusk kritisiert der britische Premierminister die „Backstop“-Regelung zur irischen Grenze und schlägt „alternative Vereinbarungen“ vor. Er stößt jedoch auf wenig Gegenliebe.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.