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Mailänder Modewoche : In die Zukunft, was das Zeug hält

Kurz angebunden: Versace Bild: Getty

In Mailand geben junge Designer das Tempo vor. Die Alten folgen mit schnellen Schnitten.

          6 Min.

          Der wichtigste Mann der Mailänder Modewoche steht seit einer guten halben Stunde zwischen einer Traube Society-Frauen im Blitzlichtgewitter. Er trägt zum Holzfällerhemd ein weißes T-Shirt, lockere Jeans und an den Füßen Pantoletten. Die Traube wird nicht kleiner. Auch Alexa Chung, Karen Elson und Dakota Johnson drängen sich vor zu dem Mann mit Vollbart, stellen sich für ein Bild auf und rufen, kurz bevor die Fotografen abdrücken: „Halt, die Tasche!“

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Schnell rücken die Damen ihre Dionysus Bags ins Bild. Das hätte man ihnen vor einem Jahr sagen sollen, dass sie mal freiwillig Gucci-Taschen mit GG-Logo tragen. Das hätte man auch mal diesem Mann sagen sollen: dass sich um ihn, Alessandro Michele, ehemals Accessoire-Designer aus Reihe zwei und nun Gucci-Kreativdirektor, mal solche Frauen reißen.Oder am Freitag, nach der Schau von Iceberg, ein ähnliches, wenn auch weniger glamourös besetztes Bild: Hier Arthur Arbesser, noch vor kurzem recht unbekannt, jetzt Chefdesigner des alten Hauses. Er wird geherzt, was das Zeug hält.

          Gucci und Iceberg – zwei Beispiele für Marken, die mit neuen Designern sehr gut aussehen. Bei Iceberg lädt Arbesser die knalligen Strick-Teile der Vergangenheit mit frischer Energie auf. Davon hat er selbst genug: Am Samstag, einen Tag nach der Schau, sieht man ihn gleich zweimal in der Stadt – mittags hält er im Palazzo Morando, Ausstellungsort der „Vogue“-Talent-Initiative, einen Vortrag, nachmittags packt er im Iceberg-Store mit an.

          Glänzend gemacht: Gucci Bilderstrecke

          Seit einigen Saisons sind die jungen Designer in Mailand präsenter als in der Vergangenheit, als Aquilano Rimondi das einzige aufstrebende Label in einer Stadt war, die von alten Häusern und alten Männern dominiert war. Dann kamen Kreative wie Stella Jean, deren ethnische Muster nun Markenzeichen wie Statussymbol unter Modeleuten sind, Fausto Puglisi, der jenen Chefredakteuren einheizt, die sich in den alten Palazzi an brave Streifentops und strassbesetzte Blusen gewöhnt hatten – mit Kleidern, die vor allem die Haut als Hülle inszenieren.

          Mit Pelz gefütterte Pantoffeln

          Oder Massimo Giorgetti, der seit dieser Saison nicht nur Designer von MSGM ist, der Lieblingsmarke der Streetstyle-Stars, sondern auch Chefdesigner von Pucci. Nicht alle zeigen nun Highlights. Aber wie wichtig sie für den Fortschritt einer Modestadt sind, das sieht man auf der „Milano Moda Donna“, die am Montag zu Ende ging. Die jungen Designer geben ein Tempo vor, an dem sich etablierte Häuser orientieren. Plötzlich gibt es hier viele „fashion moments“.

          Den ersten Hinweis darauf liefern tatsächlich die Pantoffeln, die Alessandro Michele nach seiner Gucci-Schau in der It-Girl-Menge trägt. Sie sind mit Pelz gefüttert. Jede zweite Modefrau liebäugelt mit ihnen. Die Schlappen stehen für den Rummel, der dank Michele um Gucci gemacht wird. Sie sind eines seiner ersten Meisterwerke und kosten im Store an der Via Montenapoleone 800 Euro. Die untere Etage ist nun inoffizieller Mode-Treffpunkt. Alle sind noch wie verzaubert von Micheles zweiter Schau für das Haus, mit der die Ära seiner Vorgängerin Frida Giannini und ihrer Abendkleider endgültig abgeschlossen wäre. Michele denkt seine Flohmarkt-Mode aus der vergangenen Saison weiter und bestickt Seidenanzüge mit Flora-und-Fauna-Motiven, besetzt Nerdbrillen mit Glitter und versieht die Schluppenblusen mit noch größeren Schleifen.

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