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Fashion Week Mailand : „Wie ein Reptil, das sich häutet“

  • -Aktualisiert am

Weich fallen: Tod's will auch in Hosenanzügen die femininere Seite der mediterranen Frau zeigen – und dass casual auch schick sein kann. Bild: Helmut Fricke

Auf der Mailander Modewoche zeigen traditionsreiche Häuser wie Etro, Gucci und Dolce & Gabbana, wie sie ihren Markenkern bewahren – und dennoch ins neue Zeitalter aufbrechen.

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          Noch 15 Minuten. Die letzten Models werden geföhnt, die Wimpern getuscht, kontrolliert, ob das Kleid sitzt. Kurz vor der Schau von Etro an der Via Fantoli spürt man die Anspannung, wie sie auch in einer Fußballkabine herrscht, bevor die Mannschaft auf den Platz geht. Doch einer bleibt ruhig. Marco de Vincenzo steht lächelnd inmitten des Chaos, begrüßt italienische Journalistinnen („Ciao Sandra, va bene?“) und beantwortet geduldig Fragen. Ob er nervös sei? Ein kurzes: „No!“ Und dann schiebt er nach: „Ich hatte nicht sehr viel Zeit, die Kollektion vorzubereiten.“ Das klingt nicht nach einer Entschuldigung, mehr nach Stolz, dass gleich die Modewelt sehen wird, was er seit Juni, als er zum neuen Kreativdirektor von Etro ernennt wurde, alles geschafft hat.

          Anke Schipp
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          An Männern wie Marco de Vincenzo hängt nach der pandemiebedingten Flaute die Hoffnung, dass mit dem frischen Wind die italienische Mode wieder an Fahrt gewinnt. Allein vier Marken sind bei der Mailänder Modewoche, die von Mittwoch bis Sonntag die Kollektionen für Frühjahr und Sommer 2023 zeigten, mit neuen Designern gestartet. Marco de Vincenzo für Etro, Maximilian Davis für Ferragamo, Filippo Grazioli für Missoni und Rhuigi Villaseñor für Bally. Für alle stellte sich die gleiche Frage: Was tun mit dem Erbe dieser alteingesessenen Marken?

          Eine Zeit des Umbruchs

          Für Villaseñor scheint die oberste Devise zu sein: Sich nicht einschüchtern lassen. Kurz vor der Schau steht er mit Anzug, Hemd und Krawatte backstage und erklärt: „Ich sehe Bally wie ein Reptil, das sich häutet.“ Für die Kollektion verschwand er wochenlang in den Archiven am Luganer See. Dabei sei es wichtig gewesen, den Fokus zu behalten. „Es ist leicht, im Candystore verloren zu gehen und am Ende dann ohne Candys rauszugehen“, ergänzt er lachend. Als Kind philippinischer Auswanderer wuchs er in Los Angeles auf, wo er seine Streetwear-Marke Rhude aufbaute. Elemente davon sind auch in der Bally-Kollektion zu sehen, die durch Leichtigkeit geprägt ist, wie die unkomplizierten Sommerkleider oder die Surfshorts der Männer, die er mit Leinensakkos kombiniert. Am Ende aber haucht Villaseñor auf andere Art der Schweizer Marke mit dem gesetzten Image Leben ein, indem er auf den Laufsteg stürmt, seine Familie in der ersten Reihe umarmt, die Arme hochreißt, als hätte er ein Tennismatch gewonnen.

          Kim als Kunst: Dolce&Gabbana
          Kim als Kunst: Dolce&Gabbana : Bild: Helmut Fricke

          Es ist eine Zeit des Umbruchs in der italienischen Mode. Marken wie Etro waren noch vor Kurzem reine Familienunternehmen, die nicht nur das Geschäftliche, sondern auch den kreativen Teil in der Verwandtschaft behielten. Mittlerweile gehören sie zu großen Luxuskonzernen oder Holdings, die Geld in die Marke pumpen, aber auch schnell Erfolge sehen wollen. Dabei geht es immer um den Spagat, den Markenkern zu erhalten, der Mode aber auch einen neuen Anstrich zu verleihen. Wie das geht, hat Walter Chiapponi schon bewiesen, der am Freitag für Tod’s seine zweite Kollektion präsentierte. Zwischen den Betontürmen „The Seven Heavenly Palaces“ von Anselm Kiefer, die als permanente Installation im Pirelli Hangar Bicocca in einem Industriegelände am Rande von Mailand ausgestellt sind, schwebt als Erste Carla Bruni in einem nudefarbenen Kaschmirmantel ein, der Beginn einer überaus stimmigen Kollektion. Seine Inspiration sei der Minimalismus der 90er-Jahre gewesen, sagt Chiapponi nach dem Defilée, aber auch die femininere Seite der mediterranen Frauen. „Das Wichtigste aber ist, die Casual- und Sportswear chic aussehen zu lassen.“ Was er mit weich fallenden Stoffen erreichte, die selbst einem maskulinen Hosenanzug Weichheit verleihen.

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