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London Versus Mode

JENNIFER WIEBKING
Fashion Week

London Versus Mode

19.09.2016 - Nicht alles, was die Designer in der britischen Hauptstadt zeigen, wird ihrem Ruf als spannendster Stopp während des vierwöchigen Schauen-Marathons gerecht. Aber ein paar Highlights sind schon dabei.
Zipfelig

J.W.Anderson

Jonathan Anderson kennt sich aus mit Steigerungsformen. Gewöhnliche Mode weckt in Zeiten, da von allem genug da ist, kaum Begehrlichkeiten. Also versieht er seine Pullover mit dicken Bündchen, experimentiert mit Wattierungen und zeigt, dass die Rocksäume noch immer zipfeln können, so wie vergangene Saison in seiner Kollektion für Loewe, Andersons Zweitjob. Dass die Arbeit für sein eigenes Label J.W.Anderson spanischer und kommerzieller als sonst anmutet, könnte damit zu tun haben, dass sich der junge Brite nun richtig bei Loewe eingelebt hat. Oder mit Größerem beschäftigt ist.
Sonnenbrillen

Versus

Donatella Versace ist eigentlich in Mailand verwurzelt. Aber ihr Samstagabendtermin für die Versus-Schau wird in London gerade zur Institution. London versus Mailand, das scheint für Versus keine Rolle zu spielen. Die „Versus Experience“ müsste sich allein schon besser hier durchziehen lassen, weil das Publikum jünger und somit soundresister ist. Der Bass dröhnt, was das Zeug hält, während Versace den Modeleuten mit ihrem Zeug, also coolen Bomberjacken, viel Leder, großen Sonnenbrillen, ordentlich einheizt. Oder wirkt das jetzt nur so unter dem Eindruck des Basses?
Anstand

Emilia Wickstead

Emilia Wicksteads Frauenbild ist nicht von gestern. Ihre Frauen sind von heute, aber mit dem Anstand von gestern, der Zeit, als es zwischen Freizeit- und Cocktail- und Abendgarderoben noch Grenzen gab, die unbedingt einzuhalten waren. Allzu wohlanständig wirken die hauchdünnen Kleider auf Knöchellänge, die ausgestellten Röcke, die großen Kragen und Gingham-Hosen trotzdem kaum, dank der hohen Schlitze, des rauen Stoffes, des Schusses Knallfarbe zwischen dem Pastell. Kleider für eine schönere Wirklichkeit.
Dekonstruktion

Simone Rocha

Schon ihr Vater war eine Instanz der britischen Mode, obwohl er in Hongkong geboren und in Irland arbeitet. Seine Tochter hat längst ihren eigenen Stil gefunden, hauchdünne und, mit dem richtigen Maß an Dekonstruktion und Rüschen, bittersüße Kleider. Jetzt dreht sie das Britische ihrer Arbeit weiter, spielt auch mit Regenmänteln und Glen Check, „gegenseitige Befruchtung“, sagt sie, bevor die ineinandergeflochtenen Trenchcoats und Spitzenkleider doch wieder drohen auseinanderzufallen. Rocha hat eben ein Händchen für Dekonstruktion - und Gespür für die britische Stimmung dieser Tage.
Sonnengöttin

Gareth Pugh

Schon verrückt, vor zehn Jahren, als niemand an die jungen Londoner Designer glaubte, galt er als große Hoffnung, Gareth Pugh. Seine Idee, Models in Lametta-Kleider zu stecken! In Harlekinkostüme! Das hat Pugh noch immer, nur ist sein Konzept jetzt, da längst wieder alle an London glauben, und deren Designer für ihre spannende wie kommerziell erfolgreiche Arbeit schätzen, arg aus der Zeit gefallen. Auch die theatralischen Sonnengöttinnen-Looks wirken im ersten Moment wie eine Bedrohung, und im zweiten, vor dem Hintergrund der Brewer-Street-Car-Park-Location, recht traurig.
Vom Bügel

Topshop Unique

Achtung, Achtung, viele Teile dieser Kollektion sind ab sofort erhältlich. Das Chaos aus New York, wer jetzt was zeigt, Mode für nächstes Frühjahr oder doch schon für den Herbst, nimmt auch auf ein paar Londoner Laufstegen seinen Lauf. Man sieht es bei Topshop Unique, der kleinen, aber feinen Zweitlinie des Modegiganten. Gut, die war noch nie Inbegriff der Kreativität, für die eine Armee an Stylisten, Redakteure und Händler gebraucht wird. Auch die Zebrakleider, die Lacklederteile und hellen Denimjacken versteht man schon am Bügel. Dort hängen sie dann auch, direkt nach der Schau.
Hosenanzüge

Paul Smith

Klar kennt sich Paul Smith damit aus, Frauen in Hosenanzüge zu stecken, die ihren Witz haben. Aber in dieser Saison ist seine weiche Seite sogar die stärkere. Je leichter die Stücke wirken, je höher also die Blazer seitlich geschlitzt sind, je fließender die floral bedruckten Anzüge aus Seide fallen, je mehr Gänseblümchen auftauchen und je öfter er dazu Espadrilles kombiniert, umso besser. Smith widmet seine Kollektion der Freundschaft, der Gemeinschaft. In Großbritannien könnten jetzt einige Meinungsführer so einen Freundschafts-Anzug gebrauchen.
Bananas

Charlotte Olympia

Natürlich kann man mit Schuhen großen Spaß haben, aber Charlotte Dellal amüsiert sich im Zweifel noch köstlicher. Oder besser: bananas. Der Laufsteg ist so hoch, dass die Gäste drum herum an kleinen Tischen auf Augenhöhe mit den Schuhen sind, dabei ist die Schau darüber auch nicht zu unterschätzen. Die Tutti-Frutti-Dancer sind bananas, die Bossa-Nova-Musik von Bebel Gilberto ist bananas, und, ach ja, die Schuhe tragen selbstverständlich Bananen und anderes Tropen-Obst. Und die Charlotte-Olympia-Designerin trägt die Früchte ihrer Arbeit in das nächste Frühjahr.
Uniform

Mulberry

Dass so ein vielschichtiges Land wie Großbritannien auf zwei Seiten einer Medaille gebracht werden kann, ist spätestens seit dem Brexit-Votum klar. Johnny Coca nimmt sich die zwei Großbritanniens vor und forscht, was es bedeutet britisch zu sein. Er zieht den Models Schuluniformblazer über und macht aus College-Schals, Schottenröcken und militärischem Khaki neue Uniformen. Dazwischen glitzert und funkelt es, for a night out. An den Ohren hängt Büroklammer-Style-Schmuck, denn ganz so ernst nehmen sich die Briten ja auch nicht. So wie Coca, der selbst einen Schuluniform-Anzug trägt.
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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 19.09.2016 18:15 Uhr