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London Fashion Week : Der Brexit der anderen Art

Erstmals seit 15 Jahren zeigt das Label Alexander McQueen seine Mode wieder auf der Londoner Fashion Week. Bild: AP

Die Briten können sich für alles Neue im Kleiderschrank begeistern. In London zieht sich diese Begeisterung bis auf die Laufstege – selbst wenn wenige Marken „Ready-to-buy“ anbieten wollen.

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          Der Mann, der die Jahreszeiten der Mode umwerfen will, denkt am Montagmittag schon wieder weiter. Vor zwei Wochen sagte Christopher Bailey, Chef und Chefdesigner von Burberry, künftig werde er im September September-Kollektionen zeigen und im Februar Februarkollektionen, statt, wie nach altem Rhythmus, den Herbst im Frühjahr und das Frühjahr im Herbst: Es ist ein Brexit der anderen Art.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Jetzt, nach der letzten Herbst-Schau der Marke vor dem Herbst, steht Christopher Bailey im Backstage-Gewusel und gibt sich überraschend reflektiert. „Als Modemarke muss man doch jede Veränderung begrüßen. Deshalb heißt es auch nicht, dass dieses neue Format in Stein gemeißelt ist. Auch das kann sich ändern. Aber nächsten September mischen wir alles neu zusammen.“ So wie der Kunde es liebt.

          Den Deutschen weit voraus

          Happy Shopping! In keiner anderen Modestadt ist es aufregender, Kunde zu sein, als in London. Da wäre nicht nur jemand wie Christopher Bailey, dessen Mail zwei Minuten vor der Schau ankündigt, dass die Herbstkollektion noch am selben Tag im Laden an der Regent Street zu sehen sein wird, als Präsentation für jedermann.

          Da ist überhaupt die Begeisterungsfähigkeit vieler Briten für alles Neue im Kleiderschrank. Sie bescheren den Fast-Fashion-Ketten des Landes wie Topshop oder River Island ausgezeichnete Geschäfte. Deren Kopien von Designerteilen verführen sogar jene Nicht-Briten, die aus Prinzip keine Ware mit dem Label „Made in Indonesia“ kaufen würden. Zu schweigen vom Hang zu Experimenten, der sich so sehr in Nail-Art zu Cartier-Armreifen äußert wie in den Kick-Flare-Jeans, der über die Grenzen von London noch kaum entdeckten Hose, die knapp über den Knöcheln endet, mit Schlag versehen ist und bestenfalls am Saum ausfranst. Hier begegnen einem Kick-Flares sonntags in der U-Bahn öfter als Skinny-Jeans. In zwei Jahren werden die Deutschen dann so weit sein.

          Karojacke trifft Pencil-Skirt: Modedesignerin Mary Katrantzou zeigt einen Mix aus maskulinen und femininen Styles.

          Laut einer Mintel-Umfrage haben 51 Prozent aller Britinnen 2015 eine neue Handtasche gekauft. „To net“ ist mittlerweile ein Verb – um etwas im Onlineshop Net-a-porter zu kaufen. Und selbst die französische Stil-Ikone Carine Roitfeld schwärmt in der Beilage des „Evening Standard“, die Engländer seien die Könige und Königinnen der Mode. Kein Wunder also, dass sich im Königreich der Mode die Begeisterungsfähigkeit der Kunden bis auf die Laufstege der London Fashion Week zieht, die am Dienstag zu Ende ging – selbst wenn die Designer dort Ware für den Herbst 2016 zeigen, also erst einmal das Prinzip „jetzt sehen, gleich kaufen, morgen anziehen“ ignorieren.

          Die Briten mögen gute Konsumenten sein – ihre Modewoche war lange nicht auf Augenhöhe. Alexander McQueen flüchtete vor 15 Jahren aus der Stadt, die für große Marken einfach zu wenig Strukturen zu bieten hatte. Am Sonntagabend zeigt McQueen-Designerin Sarah Burton nach Jahren in Paris erstmals wieder in London. Die surrealistischen Motivstickereien à la Elsa Schiaparelli, die Lingerie-Abendkleider, zur Hälfte Negligee, zur Hälfte oscartaugliche Robe, die Daunenkreationen, so sehr Traum-Decken wie Traum-Mäntel, sind so tragbar wie spannend.

          Trotz – oder wegen? – dieser Kundenorientierung sind einige Londoner Modemacher heute Modestars. Tatsächlich scheinen die Designer genau hinzuschauen, wenn es darum geht, wofür ihre Ideal-Kundin heute Geld ausgibt. Also die Kundin, die sich jeder wünscht und auch oft so beschreibt: gut verdienend, klug, jung, hübsch, dünn, gut vernetzt und in der Freizeit von einem Termin zum nächsten unterwegs ist.

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