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Erfinderin des Minirocks wird 80 : Ein kurzer Gedanke

Ankunft in Berlin: Mary Quant (Mitte) mit Models auf dem Flughafen Tempelhof. Bild: picture-alliance /

Die nackten Beine entsprangen dem Freiheitsdrang - vor einem halben Jahrhundert erfand Mary Quant den Minirock. Heute wird sie 80 Jahre alt.

          3 Min.

          Hoffentlich hat Mary Quant keinen Internet-Anschluss und kein Interesse mehr an aktueller Mode. Sonst könnte die Gefahr bestehen, dass die Designerin miterleben muss, wie die gute Idee, die sie einst hatte, in ihr Gegenteil verkehrt wird. Denn einige Kollektionen der „Mercedes-Benz Fashion Week“, die gerade in New York die Schauensaison eröffnet, bringen Miniröcke mit Rüschen, kunterbunte Tutu-Wolken und anderen aufreizenden Unsinn unters Volk – und das in den Kollektionen für Herbst und Winter, bei Außentemperaturen von minus acht Grad in Manhattan.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Nein, das hat Mary Quant, die an diesem Dienstag 80 Jahre alt wird, wirklich nicht verdient. Natürlich ging es ihr ums Provozieren. „Guter Geschmack ist tödlich, nur das Vulgäre lebt“, hat sie einmal gesagt, und in den sechziger Jahren konnte man sich über dieses anti-ästhetische Programm noch richtiggehend ereifern. Aber was bei ihr ein revolutionäres Projekt war zur Befreiung von den geistigen Beschränkungen der Nachkriegszeit, das ist nun zu einer schalen Marotte der Aufmerksamkeitssteigerung geworden. Die Jugendbewegung von damals – heute nur noch ein schlechter Marketingtrick.

          Respektlose junge Designerin

          Anfang der Sechziger ging es noch um etwas. Man muss die respektlose junge Designerin, die vor einem halben Jahrhundert billige Konfektionsmode einfach noch mal eine Handbreit kürzer machte, nicht zur Befreiungskämpferin stilisieren – schon in den Zwanzigern endeten die Röcke überm Knie, und sie musste nur ein bisschen weiter schnippeln. Aber man darf schon annehmen, dass die Tochter eines Lehrers und einer Lehrerin, die beide aus walisischen Bergarbeiterfamilien stammten, dem wachsenden Bedürfnis nach Selbstbestimmung in prosperierenden Zeiten mit großer Verve eine neue Form gab: Die nackten Beine entsprangen dem Freiheitsdrang.

          Der lange Streit, wer nun wann den Minirock erfand, ist nicht mehr zu lösen. Es ist aber bezeichnend, dass öfter als der inzwischen 90 Jahre alte Pariser Modeschöpfer André Courrèges die Londonerin Mary Quant als Urheberin genannt wird. Auch wenn sich Paris in den sechziger Jahren mit Yves Saint Laurent, Paco Rabanne und Pierre Cardin modernisierte, so hatte sich doch London mit den „Swinging Sixties“ das richtige Label angehängt.

          Am Goldsmiths College in London, wo sie Illustration studierte, kam Mary Quant mit Alexander Plunket Green zusammen. Gemeinsam eröffneten sie – er hatte 5000 Pfund geerbt – im Jahr 1955 die Boutique „Bazaar“ an der King’s Road. Es ist wohl kein Zufall, dass auch die zweite große Revolution der Nachkriegsmode an dieser Straße in Chelsea begann: Im November 1971 eröffnete Vivienne Westwood an der King’s Road ihren vielfach umbenannten Laden, in dem die Punk-Mode geboren wurde. Das starre britische Klassensystem hatte sich eben immer schon gut dazu geeignet, modische Revolutionen auszurufen. Hätten solche Aufstände von der Avenue Montaigne ausgehen sollen? Mary Quant war so klug, die Urheberschaft nicht für sich allein zu beanspruchen: „Die Mädchen von der King’s Road haben den Minirock erfunden. Ich hatte die Röcke schon kurz gemacht, aber die Kundinnen wollten es immer kürzer haben.“ Sie aber gab dem Rock den Namen, nach ihrem Lieblings-Auto, dem Mini.

          Kleiner Rock mit großer Wirkung

          Maximal war die Wirkung der farbenfrohen kurzen Kleider und Röcke. Herren mit Melone, so erinnerte sich Mary Quant später, klopften mit Schirmen ans Schaufenster und beschimpften sie. In ihrem Fortschrittsglauben fühlte sie sich vermutlich dadurch erst recht bestätigt. Andere modische Entwicklungen gingen ohnehin in die gleiche Richtung. Man muss nur die kurz und eng geschnittenen kragenlosen Anzüge der Beatles aus jenen Jahren vergleichen mit den weiten Hosen der Fünfziger, die nur mit Hosenträgern zu halten waren. Und der frisch erfundene Pagenschnitt, den Vidal Sassoon auch Mary Quant verpasste, war ebenfalls eine Geste emanzipatorischer Verkürzung. Vielleicht stand Mary Quant sogar am Beginn einer der größten Karrieren in der Mode überhaupt. Die Schülerin Anna Wintour nämlich, die im Jahr 1949 in bessere Londoner Kreise geboren wurde, rebellierte schon mit 13, 14 Jahren gegen die Kleidervorschriften in der North London Collegiate School. Weil sie Minirock trug, wurde sie sogar der Schule verwiesen. Mit 14 Jahren ließ sie sich einen Bob schneiden, der noch heute sitzt. Mit 16 Jahren arbeitete sie in der Londoner Trendboutique Biba, die ebenfalls die modische Modernisierung vorantrieb. Durch solche Erfahrungen gestählt, wurde sie mit nicht einmal 40 Jahren Chefredakteurin der amerikanischen „Vogue“ – und ist es noch heute, nach einem weiteren Vierteljahrhundert.

          Mary Quant, die verwitwet ist, einen Sohn und drei Enkel hat und in der Grafschaft Surrey auf dem Land lebt, hat in ihren Memoiren unter dem Titel „Autobiography“ (2012) angemerkt, Frauen seien heute „Superwomen“, bis hin zu breitbeinigen Posen und selbstbewusstem Auftritt. Klingt da womöglich Kritik durch? Schließlich ist sie nicht für die ganze lange Geschichte verantwortlich, die auf ihre kurze Erfindung folgte.

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