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Ende der Londoner Fashion Week : Größer, schöner, unverschämter

Marques Almeida auf der Londoner Fashion Week Bild: Reuters

Die Londoner Mode hat Brexit-Sorgen. Die Designer lassen sich davon jedoch nichts anmerken. Stattdessen sticken sie Tausende von Pailletten auf ihre Kleider – oder schicken Frauen jeder Generation auf den Laufsteg.

          5 Min.

          Samstag-Abend im Studio 54 der Mode. Es glänzen wohl eine Million Pailletten. Die Models tragen die Glamour-Kleider des jungen Labels Halpern nicht einfach, während sie ihre Runde drehen. Die Kleider und Jumpsuits wollen ausgeführt werden. Beim Laufen rascheln die Paillettenschichten in Gold, Pink, Königsblau, Silber, und die Schleppen schleifen über den Boden. Bei gut 500 britischen Pfund geht es für ein Top los. Für eine Spezialanfertigung, an der ihr Designer Michael Halpern wochenlang sitzt, ist man als Kunde schnell mit 20000 Pfund dabei.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          In der vergangenen Saison zeigte Halpern noch seine Uni-Abschlusskollektion. Die Kleider, die er jetzt hinausschickt, sind eigentlich Kunstwerke. Aber, Überraschung, sie werden wirklich produziert. Größtenteils sind die Werke des gebürtigen New Yorkers, der aber in London lebt, sogar schon verkauft. Zur Couture vor zwei Wochen war er damit in Paris, und Bergdorf Goodman, Matchesfashion und andere haben schon geordert. Ausgerechnet in Zeiten wie diesen! „Besonders in Zeiten wie diesen“, sagt Michael Halpern nach der Schau. „Das ist der ganze Sinn dahinter. Wenn die Zeiten schwer sind, braucht man so etwas.“

          Fließend: Roksanda Bilderstrecke

          Für die Londoner Modedesigner ist die Zukunft so ungewiss wie schon lange nicht mehr. Der Brexit könnte ihnen nach Jahren des Wachstums einen Strich durch die Rechnung machen. Die Stoffe aus Italien sind wegen des schwachen Pfunds teurer. Wenn Großbritannien den Zugang zum Binnenmarkt verlieren sollte, wird es noch schwieriger. Und wer soll diese Stücke künftig entwerfen? Die Londoner Designer kommen von überallher, oft aus dem EU-Ausland. Und wer soll sie nähen und verkaufen? Die Mitarbeiter stammen häufig aus Ost- und Südeuropa. Und was wird es kosten? Beim ständigen Hin- und Herschicken von Mode sind allein die Zollgebühren ein großer Posten.

          „Man ist verunsichert, aber wir sind jetzt eine Einheit“

          Also zeigen die Designer auf der Londoner Modewoche, die am Dienstag zu Ende ging, wie sie in unsicheren Zeiten gerade nicht auf Nummer Sicher gehen. Stattdessen sticken sie Tausende von Pailletten auf die Kleider, wie Michael Halpern. Oder sie schicken Frauen aus jeder Generation über den Laufsteg, wie Simone Rocha, ohne dass es sich dabei um berühmte Leute handelt. Simone Rocha macht aus ihrer Mode Rüstzeug. Trotzdem kräuseln sich noch genug Rüschen – ihr Markenzeichen – zwischen den gut zu verkaufenden Samtmänteln, Umhängetaschen und Hemdblusen.

          Und das Designer-Duo hinter Peter Pilotto stattet nicht nur die Models mit aufwendig bestickten Stücken peruanischer Anmutung aus. Die beiden kümmern sich auch um die Ausstattung des Laufsteg-Theaters im Waldorf Hotel. Ihre kreativen Freunde haben Vasen getöpfert, Teppiche geknüpft, bunte Tische gezimmert, an denen sich die Modeleute endlich mal gegenübersitzen statt wie sonst aufgereiht nebeneinander.

          „Das Gemeinschaftsgefühl ist definitiv stärker“, sagt Markus Lupfer, der den schlechten Zeiten Eisbären auf Eisblumen entgegensetzt, als Druck, Applikation und Stickerei. „Man ist verunsichert, aber wir sind jetzt eine Einheit.“

          Bei Roksanda kommen ein paar Gästen sogar die Tränen, als die Modemacherin ein einziges Kleid in „Richard Nicoll Blue“ über den Laufsteg schickt. In Gedenken an den Designer, der im Oktober verstorben ist, hat die Modeszene eine neue Pantone-Farbe anrühren lassen, denn mit Blau hat Nicoll gern gearbeitet. Gleich darauf macht Roksanda mit Colourblocking in Rottönen weiter. Auch diese Farben können knallen. Müssen sie ja auch, wenn man Kunden gewinnen will für den kommenden Herbst.

          Nichts hat mehr Zukunft als der Großtrend „athleisure“

          Kein Wunder auch, dass sich viele Designer dem Thema „athleisure“ hingeben, also der Sportbekleidung für den Alltag, sogar für den Abend. Das ist ein Großtrend, der im standesbewussten und neuerdings gespaltenen Großbritannien besonders gut zu beobachten ist. Hier die Frau in der U-Bahn, die zur Jogginghose Glitzer-T-Shirt trägt und eine Chipstüte in der Hand hat – dort eine Frau in der Schlange im Café mit Superfood, in Leggings und Nikes, die aussieht, als ginge sie gleich eine Runde joggen, dabei will sie nur Karotten-Saft trinken. An kaum einem Trend lässt sich der Zustand der britischen Gesellschaft gerade besser ablesen.

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