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Ende der Fashion Week : Im Schatten der Schau

Karl Lagerfeld und die Chanel-Direktorin Virginie Viard (beide vorne auf dem Steg) wissen wie es geht – und bieten dem Publikum einen echten Strand. Bild: Reuters

Wichtiger als die Mode der Pariser Modewoche sind inzwischen die Kulissen. Denn damit inszenieren sich die Marken und sorgen für die echte Faszination.

          Die Models laufen übers Wasser, und im Hintergrund glitzert der Eiffelturm. Um einen Laufsteg tanzt die israelische Choreographin Sharon Eyal mit ihrer Ballettcompagnie. Andernorts erhebt sich Jane Birkin aus ihrem Sitz und fängt an zu singen: „Baby Alone in Babylone“. Man sitzt in einem Glastunnel im Innenhof des Louvre. Oder am Strand. Und das alles in Paris.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die diversen Kulissen sind nur ein paar Beispiele dafür, was in den neun Tagen seit Montag vor einer Woche beim Prêt-à-porter so passiert ist, um die Mode zu inszenieren, um der Schau noch größere Bedeutung zu geben. Es steht jetzt außer Frage, dass es diesen ganz großen Aufriss braucht. Wenn eine Marke ihre Kollektion für Frühjahr/Sommer 2019 präsentiert, dann muss es eben ein Mega-Ereignis sein. Eines, das mit Bildern in den Stunden nach der Schau Milliarden User erreicht, auf Instagram, auf WeChat. Eines, das auch als Video in den Flagship-Stores später Kunden das Gefühl geben soll, dazuzugehören. Und eines, das nicht zuletzt Modeleute, die eine Stadt wie Paris vor allem wegen der Locations kennen, an denen sie Termine wahrnehmen, die alle sechs Monate auf Fashion-Week-Reise gehen, nach drei Wochen in New York, London und Mailand, hier noch bei der Stange hält.

          Modenschau war immer eine Art von Hypnose

          Klar, dass also ein paar Sitzreihen und in der Mitte ein Laufsteg nicht mehr ausreichen. Dass es allein schon strategisch unklug ist, wenn allzu viel Aufmerksamkeit auf nichts anderem als der Kollektion liegt, die dann womöglich noch verrissen werden könnte. Aber was werden Modeleute schon nicht großartig finden können an einem Auftritt von Jane Birkin oder Sharon Eyal? An einem glitzernden Eiffelturm?

          Natürlich, so eine Modenschau war immer schon eine schöne Art von Hypnose. Hämmernden Bass und grelles Licht gab es schon vor Jahrzehnten. Aber wenn diese Saison in Paris eines gezeigt hat, dann, dass es immer weniger um die Mode geht, dafür umso mehr um die Inszenierung der Marken. Dass die Mode längst im Schatten der Schau steht und dass die Entwürfe somit auch gefälliger sein können, also besser verkäuflich, denn sie allein müssen ja nicht mehr für Kulisse sorgen. Bei Gucci etwa geht es los mit einem Film aus dem Jahr 1970 von Leo de Berardinis und Perla Peragallo. Dann gibt es Mode. Dann singt Jane Birkin. Dann kommt noch mal Mode. Das alles im legendären Nachtclub und Theater Le Palace in Montmarte, „ein Ort, an dem für mich Leben ist“, sagt Alessandro Michele am Ende. Es gehört gewiss zu den schönsten Ereignissen, die man je unter dem heute recht weitgefassten Begriff Modenschau erlebt hat. Vielleicht, gerade weil die Schau die Mode hier sogar noch überstrahlt.

          In den letzten Tagen der Paris Fashion Week gab es Strandflair bei Chanel. Bilderstrecke

          Das bedeutet natürlich nicht, dass die Mode auf diese Weise dabei ist auszusterben. Ganz im Gegenteil. So wie die ersten Haute-Couture-Designer in den sechziger Jahren anfingen, Prêt-à-porter anzubieten – namentlich Yves Saint Laurent – und das die Mode auf Dauer nur größer gemacht hat, werden auch die Unterhaltungsprogramme der Designer für noch mehr Faszination sorgen. Und somit auch für mehr Reichweite. Wenn sich Michael Kors das Mailänder Haus Versace fast zwei Milliarden Euro kosten lässt, wie es in der Zeit dieser Pariser Modewoche geschehen ist, dann zeigt das auch, dass die Mode noch Großes vor sich haben kann. Dries Van Noten hat im Sommer Mehrheitsanteile an den Luxuskonzern Puig verkauft. Nach über dreißig Jahren Unabhängigkeit soll trotzdem alles bleiben wie bisher. „Es ist vielmehr eine Erleichterung, denn so habe ich die Zukunft meines Unternehmens gesichert“, sagt er. Mit dieser souveränen Kollektion, die mit Cargo-Hosen und Sommermänteln so funktional ist wie mit bemalten Seidenkleidern und Glitzersträngen dekorativ, nimmt man es ihm ab. Und bei dem Trip, auf den Natacha Ramsay-Levi ihre Chloé-Frau mit Seidenblusen, Kordelgürteln und bunten Ikat-Mustern schickt, wäre man gerne dabei. Jonathan Anderson verbindet bei Loewe Handwerk und Luxus in jedem einzelnen Versatzstück, so dass es gewiss keine ganze Garderobe braucht, um Kundin dieses Hauses zu sein, mit einem dicken Lederkragen oder einem überlangen Blazer ist es schon getan. Und Giambattista Valli zeigt, dass auch eine mit Nieten besetzte Hose eine moderne Alternative für den Abend ist.

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