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Donatella

Von JENNIFER WIEBKING
Foto: Ralph Mecke/Donatella Versace

03.10.2019 · Sie hat ihr Familienunternehmen zu neuer Bedeutung geführt – und dabei zu sich selbst gefunden. Ein Treffen mit Donatella Versace.

D ieser Ort sieht nicht nur aus wie ein Museum. Die geschwungene Treppe des Palazzo an der Via Gesù führt in die erste Etage. Hier ist Gianni Versaces ehemalige 500-Quadratmeter-Wohnung. Viel verändert hat sich seit seinem Tod nicht. Fotos sind erlaubt, Social Media nicht.

Der Modemacher hatte sich das Apartment im Stadtzentrum von Mailand eingerichtet, als er den Palazzo aus dem 18. Jahrhundert 1982 mit seinem Unternehmen bezog. Die Räume und der wunderschöne Innenhof, insgesamt 4000 Quadratmeter groß, sollten schnell wichtig werden für das Unternehmen. Am Haupteingang entdeckte Gianni Versace eine Medusa. Seine Marke, 1978 gegründet, war damals erst wenige Jahre alt. Die Medusa passte zu seinen neobarocken Entwürfen. Also machte er sie zum Logo.

Hier in seinem ehemaligen Apartment ist es überall: auf Sofas, Kissen und dem Porzellan, auf dem an diesem Sommermorgen um 10.30 Uhr schon ein Schokoladenkuchen, mit Puderzucker bestäubt, und ein Berg Kekse angerichtet sind. Der Kellner serviert einfach – wir sind zwar in Mailand, aber immer noch in Italien.

Donatella Versace mit ihrem Burder Gianni Versace bei einer Modenschau in New York 1996. Ein Jahr später erschoss ein Serienmörder Gianni vor seinem Haus in Miami Beach. Foto: dpa

„Super, alles, was man nicht essen darf“, sagt Donatella Versace, die in dieser Welt, die ihr großer Bruder geschaffen hat, zwischen den Marmorsäulen und den Köpfen alter Römer an den Wänden jetzt auf dem Sofa Platz nimmt. Sie trinkt Wasser mit Eiswürfeln, und sie selbst wirkt alles andere als museal. Donatella Versace hat sich vor dem Interview schnell umgezogen, die herbstlichen Kleider, die sie fürs Foto trug, gegen eine schwarze Hose und ein T-Shirt getauscht. „Versace“ steht auf der Brust, drumherum der für die Medusa typische antike ornamentale Rahmen. Das Ganze in Neonpink. Es ist sein Logo, aber es ist ihr Pink. Und es leuchtet. Das kann man bei so viel griechischer Mythologie in diesem Haus ruhig symbolisch sehen. Denn die kleine Schwester, die Rolle ist gewissermaßen ihr Schicksal, hat das von ihrem Bruder gegründete Unternehmen in den vergangenen Jahren zu neuer Bedeutung geführt – und dabei zu sich selbst gefunden.

Um diese Leistung richtig einschätzen zu können, muss man wissen, wo Donatella Versace und das Haus, das sie seit Giannis Tod 1997 leitet, zu Beginn dieses Jahrzehnts standen.


„Es ärgert mich nicht, wenn ich eine Frau in einem Dior-Rock sehe, die dazu eine Céline-Tasche trägt. Oder ein Versace-Top.“
DONATELLA VERSACE

Damals ließ es der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi auf seinen Bunga-Bunga-Partys krachen. Die Frauen dort traten auch in Sendungen der Fernsehsender auf, die ihm gehören. Berlusconi schickte mit den veline, den jungen Assistentinnen, ein konkretes Bild seines Begriffs einer Italienerin um die Welt: als Körper mit gemachten Brüsten, bekleidet in kurzen, engen Kleidern. Nicht zwingend von Versace, aber das Frauenbild der Marke war wie ein Abbild von Silvio Berlusconis Italienerin.

Die Tiefpunkt-Schau: Herbst/Winter 2013. Der Laufsteg schneeweiß, die Beleuchtung gnadenlos, die Versace-Frauen in Latex und Leder mit an Fetischspielchen erinnernden Riemen. Als sich der damalige Dior-Designer Raf Simons in einem Interview für dieses Magazin gegen einen Komplett-Look von nur einer Marke aussprach, sagte er: „Es ärgert mich zum Beispiel nicht, wenn ich eine Frau in einem Dior-Rock sehe, die dazu eine Céline-Tasche trägt. Oder ein Versace-Top.“ Er stockte kurz und konnte es sich dann nicht verkneifen zu sagen: „Okay, gut, in gewissen Fällen könnte es mich schon verärgern.“

Foto: AFP
Foto: dpa
Mailänder Fashion Week, Herbst/Winter 2013

Raf Simons hat heute, nachdem er bei Dior und dann im vergangenen Dezember auch bei Calvin Klein aufgehört hat, in der Mode nicht mehr viel zu sagen. Donatella Versace hingegen hat sich als Designerin neu aufgestellt. Ihr Haus hat in den zehner Jahren eine Umdeutung erfahren wie kein anderes etabliertes Unternehmen in der Mode. Das liegt vor allem daran, dass Donatella Versace mit einem aktuellen Thema besonders gut umgehen kann: mit Frauen und der Frage ihrer Macht.

Ihre zwei Lieblingswörter, und sie fallen im Interview ständig, sind „women“ und „empowerment“. Für sie ergeben sie so etwas wie ein Mantra. Es ist ein wichtiges Thema, natürlich, und man kann damit gut von sich reden machen. Das haben auch andere Unternehmen erkannt, die sich besonders an Frauen richten und die sich mit der Macht von Kampagnen auskennen, von Gillette bis Dior.

„Die Bilder der Frauen mit ihren Pussyhats auf den Demos gegen Trump, die waren unglaublich“, sagt Donatella Versace. „Natürlich inspiriert mich so etwas. Mir geht es nicht um eine einzige Frau, sie sind ja alle unterschiedlich. So eine Individualität auf dem Laufsteg wiederzugeben kann ganz schön schwierig sein. Aber es lohnt sich.“

Soldatinnen in Uniformen aus Latex und Leder wie damals 2013 sind heute Geschichte. Kurz nach den Protestmärschen schickte sie Frauen mit Schals und Mützen über den Laufsteg, auf denen Schlagworte wie „Loyalty“ und „Courage“ zu lesen waren.


„Jetzt ist es an der Zeit, für Frauen zu kämpfen.“
DONATELLA VERSACE

Oder Versaces Kollektion für diesen Herbst: Sie steht im Zeichen stofflicher Wut, mit abgewetzten Lederjacken und wie von Motten zerfressenen Pullovern, die Grunge zitieren. „Das war eine wichtige Zeit, in der sich vor allem in der Musik viel verändert hat. So etwas interessiert mich.“ Sie ist sich sicher, dass auch dieses Jahrzehnt etwas gebracht hat: „Jetzt ist es an der Zeit, für Frauen zu kämpfen.“

Donatella Versace als Revolutionärin, als Kämpferin im Namen der Frauen – wer ihre Person oberflächlich betrachtet, wird lange brauchen, um zu diesem Ergebnis zu kommen. Denn da ist zunächst das Bild einer Amazone, die Haare wasserstoffblond, das Gesicht operiert, die Lippen aufgespritzt, ein Bild, an dem sich viele Menschen stören. Für die Porträts, die vor dem Interview gemacht wurden, hat sich Donatella Versace die Augen stark schwarz schminken lassen. Das mag heute, in auch in ästhetischen Fragen fragmentierten Zeiten, einem von vielen Schönheitsidealen entsprechen. Zum natürlichen Bild von sich selbst, das viele Frauen bevorzugen, passt die Donatella Versace auf den Fotos nicht unbedingt.

Das Stadtpalais von Versace an der Via Gesù öffnet sich zu einem Garten, in dem unser Model Gabrielle Braga (Next Models) genug Schatten fürs Shooting findet. Fotos: Ralph Mecke

D ie Donatella Versace, die einem beim Gespräch gegenüber sitzt, ist zierlicher als erwartet. Würde man an einer Werbekampagne basteln für „DV“, wie viele sie nennen, die ihr nahestehen, müsste man sie unbedingt authentisch nennen. Jedenfalls lacht sie viel. Sie hat Schwächen, ist verletzlich. Die ästhetischen Eingriffe könnten auch mit der Unsicherheit zu tun haben, die auf den großen Einschnitt in ihr Leben am 15. Juli 1997 folgte.

Bis zu diesem Tag arbeitete Donatella Versace in der zweiten Reihe, hinter ihrem Bruder. Sie verantwortete die jüngere Versus-Linie des Hauses, kümmerte sich hinter den Kulissen um die Kollektionen der Hauptmarke, aber Außenwirkung und Respekt galten ihm. Donatella war Giannis neun Jahre jüngere Schwester, so waren sie damals aufgewachsen in Kalabrien, in kleinen Verhältnissen, der Vater war Elektrohändler, die Mutter Maßschneiderin.

Gianni hatte früh eine Affinität zu Stoffen, Donatella war seine erste Muse. Er riet ihr, die Haare platinblond zu färben, und probierte seine ersten Entwürfe an ihr aus. Als er nach Mailand zog, studierte sie in Florenz Literaturwissenschaften. Sie folgte ihm und wurde seine Assistentin, als er eine Weile als Designer der Marke Genny arbeitete und 1978 sein eigenes Label gründete. Auch der Bruder Santo stieg schnell im Unternehmen ein. Er übernahm das Geschäftliche.

Gianni Versace passte mit seiner Mode in die achtziger Jahre. Nach der Hippie-Zeit hatten Frauen damals wieder Lust, sich aufzudonnern. Mit Beginn der neunziger Jahre hatte er so viel Einfluss, dass er aus fünf Models Supermodels machen und der britischen Prinzessin Diana zu einem Imagewandel verhelfen konnte. Auch Madonna trug seine Entwürfe. Doch auf dem Höhepunkt seiner Karriere, Mitte der neunziger Jahre, erkrankte Gianni Versace an Krebs im linken Innenohr. Von nun an war Donatella noch stärker eingebunden.

Am 15. Juli 1997 kam Gianni Versace in Miami Beach gerade vom Kiosk zurück, wo er sich Zeitschriften gekauft hatte, als der Serienmörder Andrew Cunanan ihn vor seinem Haus erschoss. Von einer Minute auf die andere änderte sich auch Donatella Versaces Leben. Seit diesem Tag gibt es wohl keine Familie in der Modeszene, die mit größerer öffentlicher Aufmerksamkeit leben muss, deren Geschichte mehr Stoff bietet für den Boulevard.

Vor seinem Haus in Miami Beach wurde der Bruder von Donatella, Gianni Versace, 1997 erschossen. Foto: AFP

Wenn Donatella Versace fortan mit Depressionen und Drogen zu kämpfen hatte, wenn sie sich Schönheitsoperationen unterzog, dann schaute ihr die halbe Welt dabei zu. Als ihre Tochter Allegra an Magersucht erkrankte, sprach man auch darüber. „Die Leute reden ja noch immer von der Zeit, als mein Bruder gestorben ist, auch wegen der Filme und der Fernsehserien. Und ich denke immer: Lasst ihn doch in Frieden“, sagt sie. „Zugleich war da von Anfang an die Neugierde der Menschen: Was wird sie machen? Wird sie es schaffen? Und selbstverständlich war da auch die Möglichkeit, dass es nicht klappen könnte.“

Donatella Versace hatte Giannis Erbe anzutreten, zumindest was die Arbeit anging. Das Erbe des Unternehmens regelte er anders: Ganze 50 Prozent gingen an ihre damals elf Jahre alte Tochter Allegra, ihr Sohn Daniel bekam die Kunstsammlung. 30 Prozent gingen an den Geschäftsführer und Bruder Santo, nur 20 Prozent an sie. Für die Marke stand trotzdem von nun an Donatella. Oder zumindest versuchte sie es. „Das war eine schwierige Situation. Ich musste das machen, weil mein Bruder tot war, also konnte ich mir nie zu 100 Prozent sicher sein, dass das auch mein Platz sein würde.“

Wenn sie sich heute über Frauen und Macht Gedanken macht, hat das auch mit ihrer eigenen Biographie zu tun. „Ich hatte immer das Gefühl, ich müsse in seine Schuhe passen, und Gianni war ein Gigant. In der Mode hat er in einer anderen Zeit Unglaubliches geschafft. Alles verkaufte sich, Preise waren egal. Das hat sich total verändert. Heute spielen Qualität und Kosten eine ganz andere Rolle. Man muss genau schauen, wie viel Kunden bereit sind auszugeben und was sie überhaupt tragen wollen. Es gibt heute ja auch viel mehr Labels. Jeder will Mode machen.“


„Ich hatte immer das Gefühl, ich müsse in seine Schuhe passen, und Gianni war ein Gigant.“
DONATELLA VERSACE

In diesem Jahrzehnt bekam Donatella Versace das gleich mehrmals zu spüren. Das Haus wechselte immer mal wieder von der Gewinn- in die Verlustzone, gefangen hat es sich erst in den vergangenen Jahren. Die Zahlen folgen hier der Mode, und die Mode folgt in diesem Fall der Zeit.

Donatella Versace, 64 Jahre alt, hat sich den zehner Jahren angepasst. In dieser Zeit ist der Drang der Menschen gewachsen, am Leben Anderer auch voyeuristisch teilzunehmen. Die Welt hat sich auch schon für das Schicksal dieser Frau interessiert, als es noch keine sozialen Medien gab. Doch seit es sie gibt, kann Donatella Versace der Welt zeigen, wie und wer sie ist. So hält sie die Kunden bei Laune. Denn sie ist mehr als eine Designerin, eher eine Ikone. Sie kann Themen setzen oder auch nicht. Ihr Privatleben zum Beispiel. Sie spricht nicht über Männer, vom Vater ihrer Kinder ließ sie sich 2000 scheiden. Dafür spricht Donatella Versace über ihre Hündin, Audrey, die hat einen eigenen Instagram-Account.

Und sie kann sich sicher sein, dass die Dosis Gianni, die sie hin und wieder einstreut, Aufmerksamkeit erregt. Anfang Juli, zum 50. Jahrestag der Stonewall-Aufstände, als an einen der Wendepunkte im Kampf der Lesben- und Schwulenbewegung erinnert wurde, trat sie in New York auf und redete vor Tausenden über ihre Kindheit mit dem homosexuellen Gianni in Kalabrien.

Vor zwei Jahren, 20 Jahre nach Giannis Tod, schaffte sie es, die fünf Supermodels seiner Zeit, Claudia Schiffer, Naomi Campbell, Carla Bruni, Cindy Crawford und Helena Christensen, noch einmal zusammen auf den Laufsteg zu bekommen. Die Bilder landeten in allen Zeitungen, die Feeds in den sozialen Netzwerken waren voll. Natürlich lief auch sie mit ihnen. Ein Ikonen-Status will gehalten werden.

Donatella mit den Supermodels von damals. Claudia Schiffer, Naomi Campbell, Cindy Crawford, Helena Christensen, Carla Bruni, in goldenen Metallic-Kleidern wie 1994. Foto: AFP
Donatella mit den Supermodels von damals. Claudia Schiffer, Naomi Campbell, Cindy Crawford, Helena Christensen, Carla Bruni, in goldenen Metallic-Kleidern wie 1994. Foto: AFP


Sie sagt, ihr Bruder wäre in der heutigen Zeit, in der Selbstdarstellung in sozialen Medien so wichtig ist, aufgegangen. „Er liebte alles Neue, und wenn er etwas nicht verstand, dann hatte er jemanden an seiner Seite, der ihm das erklärte. Er kannte sich mit Geschichte aus, mit Kunst und Literatur. Er hat mir immer gesagt: Man muss die Vergangenheit kennen, um die Zukunft zu bauen.“

Heute sei die Zeit der Frauen, sagt sie, man müsse zusammenhalten. Es ist ihr Thema, immer wieder, auch in diesem Gespräch. Immerhin, sie weiß, was es bedeutet, Frau und unterschätzt zu sein. Und sich selbst zu unterschätzen: „Ich bin nie selbstsicher.“

Donatella Versace, die mit so vielen Unsicherheiten im Leben zu kämpfen hatte, fertigt jetzt Kleider, die einen gleichermaßen schützen und offensiv wirken lassen. Das hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Transparente Cocktailkleider gibt es noch immer genug, aber darüber sitzen heute häufig Mäntel und Jacken mit wilden Mustern aus groben Stoffen. „Das Design selbst bedeutet überhaupt nichts mehr. Man muss jetzt bei den Stoffen anfangen, technische Stoffe ohne Nähte nehmen oder Materialien mit zwei Seiten, außen Glanz, innen Seide, sodass man mit beiden arbeiten kann.“

Soll heißen: Bei Mode geht es heute zunehmend darum, wie Frauen sich darin fühlen, nicht nur, wie sie darin aussehen. „Man muss viel mehr an Proportionen denken, denn nicht alle Frauen haben den gleichen Körper. Ich versuche wirklich, Frauen mit meiner Mode zu helfen.“

Für eine Frau, die weiß, was es bedeutet, Selbstzweifel zu haben, als Designerin wie als Frau, ist das eine Mission. Und zumindest kann man ihr nicht nachsagen, anderen nicht zuzuhören. In der von starken Egos getriebenen Mode ist das selten. Als es zu Beginn der zehner Jahre nicht so gut lief, holte sich Donatella Versace sehr junge, aber schon erfolgreiche Designer ins Haus, die für sie die mittlerweile eingestellte Zweitlinie Versus entwarfen. Christopher Kane war 27, als Versace ihn dafür einstellte, Anthony Vaccarello, heute bei Saint Laurent, war 33, Jonathan Anderson, heute bei Loewe, entwarf mit 29 Jahren eine Sonderkollektion.


„Stress ist so ein altmodisches Wort, man ist gestresst, wenn man sonst nichts Wichtiges zu tun hat.“
DONATELLA VERSACE

Während sich Donatella Versace mit frischen Talenten umgab, passierte um sie herum, in ihrer Liga, etwas ganz anderes: Viele Kollegen begannen über zunehmenden Stress zu klagen. Sie lacht, wenn man sie danach fragt. Auch bei Versace mag sich das Arbeitsvolumen im Vergleich zu früher vergrößert haben. „Aber Stress ist so ein altmodisches Wort, man ist gestresst, wenn man sonst nichts Wichtiges zu tun hat.“ Natürlich habe auch sie hin und wieder Freizeit, „ich verbringe sie dann meistens am Telefon“, sagt Donatella Versace und lacht wieder. Sie denkt sich nicht irgendwelche sinnstiftenden Hobbys aus, und Sport ist bei ihr keine Freizeitbeschäftigung, sondern tägliche Routine. „Habe ich schon vor Instagram gemacht, mein ganzes Leben lang.“

Nach ihrer Show auf der Fashion Week in New York, Dezember 2018 Foto: Reuters

Aber manchmal daddelt sie eben auch einfach nur am Handy, wie viele andere. „Ich bin zwar kein Millennial, aber ich bin doch die ganze Zeit am Herumschauen, was los ist. Das ist eine Art von Neugierde, die mir lange gefehlt hat. Aber ich mache keine Selfies.“

Lieber als Freizeit ist ihr sowieso die Arbeit. Auch wenn sie ihre Position aus familiärer Verpflichtung angetreten hat, genießt sie den Beruf mittlerweile. „Wenn ich in Mailand bin, kann ich es gar nicht abwarten, morgens zur Arbeit zu gehen. Ich bin sehr glücklich in meinem Büro.“

Streng genommen ist es jetzt gar nicht mehr ihres. Das Unternehmen, das erst 19 Jahre lang von Gianni Versace, dann 21 Jahre lang von ihr geführt wurde, hat im vergangenen Jahr den Besitzer gewechselt. Lange wurde spekuliert: Börsengang? Geht sie? Ist beides nicht passiert. Stattdessen ging das Haus an Michael Kors, 1,8 Milliarden Euro hat man es sich kosten lassen und dafür eine neue Holding gegründet, die den Namen einer italienischen Insel trägt: Capri.


„Wenn ich in Mailand bin, kann ich es gar nicht abwarten, morgens zur Arbeit zu gehen. Ich bin sehr glücklich in meinem Büro.“
DONATELLA VERSACE

Was hat sich in diesen Wänden seit dem Verkauf verändert? Donatella Versace sagt: „Wir haben so für diese Firma gekämpft, mein Bruder hat so sehr darum gekämpft, ich hätte nicht verkauft, wenn ich mir nicht sicher gewesen wäre, dass es ein Luxushaus bleiben würde. Ich bin stolz darauf, wie es gekommen ist.“

John Idol, der Vorstandsvorsitzende der Holding, zu deren Marken neben Versace und Michael Kors auch Jimmy Choo gehört, habe bei den Gesprächen nie das Geschäft erwähnt, „sondern immerzu Mode und Luxus, Luxus, Luxus“. Er habe gesagt: „Ich möchte nicht, dass sich Versace verändert.“ Sie fragte: „Sind Sie sich sicher?“ Er habe es versprochen, und genauso sei es gelaufen.

Die Modeschöpfer bei der Präsentation der Versace Herren-Kollektion auf der Mailänder Modewoche Herbst-Winter 2019-2020 Foto: dpa

Für den Verkauf brauchte Donatella Versace auch das Einverständnis ihrer Tochter Allegra. „Sie ist eine kluge junge Frau, und wir haben gesprochen.“ Allegra arbeitet heute selbst im Unternehmen, als Designerin, mehr will Donatella Versace nicht sagen. Ihre Familie scheint hier jedenfalls noch ihren Platz zu haben, obwohl über dem Namen Versace nun ein anderer steht. „Meine Tochter ist so schüchtern, sie ist nicht einmal auf Instagram, anders als meine Hündin.“

Zusammen mit ihrem vier Jahre jüngeren Bruder Daniel saß Allegra damals im Alter von elf Jahren vor dem Fernseher, als die Eilmeldung über den Tod ihres Onkels eintraf. Daniel ist heute Musiker in einer Punkrockband in London. Er hat vor ein paar Jahren seinen Nachnamen geändert, um in Ruhe gelassen zu werden.

Ganz anders die Mutter, die so bald nicht ans Aufhören denkt. „Ich bin und bleibe erst mal hier. Aber ich bin auch eine sehr realistische Person. Wenn ich nicht mehr relevant sein sollte, und da gibt es jemanden, der meinen Job besser machen kann als ich oder anders, dann werde ich mich darauf einlassen. Aber für den Moment – nein.“

Fotos: Ralph Mecke
Styling: Markus Ebner
Haare und Make-up: Daniela Balestrazzi

Quelle: F.A.Z. Magazin

Veröffentlicht: 03.10.2019 18:23 Uhr