https://www.faz.net/aktuell/stil/mode-design/ein-schweizer-repariert-schirme-aller-art-18046175.html

Reparieren statt wegschmeißen : Der Schirmdoktor

  • -Aktualisiert am

Der Herr der Schirme inmitten von mehr oder weniger geschmackvollen Exemplaren. Vergessene und ausrangierte Schirme nimmt Baumann auseinander, um Ersatzteile zu haben. Bild: Sabina Paries

Erich Baumann ist der letzte Schirmflicker der Schweiz. Über eine seltene bis seltsame Kunst.

          5 Min.

          Ein wirklich durchdachter Regenschirm, wie ihn Erich Baumann an diesem Tag auf der Werkbank hat, trägt das Motiv von einem mit weißen Wölkchen durchsetzten blauen Himmel selbstverständlich nicht oben, auf dem Dach. Sondern als Dekor auf der Innenseite. Der Schirmhimmel leuchte dem Besitzer, nicht der Außenwelt!

          Man muss weit fahren, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen. Aus Neugier und aus der Not heraus ist der Autor drei Autostunden südwärts in die Schweiz gerollt, bis knapp vor Bern, um den, wie es auf Schwyzerdütsch heißt, letzten Schirmflicker zu besuchen. Erich Baumann, 55 Jahre, hat sich in einem einstigen Schulhaus eingemietet. Zehn Tonnen Metall lagern in Kisten, Schränken, Schubladen, auf Regalböden, geordnet in einer Systematik, die nur er kennt. Rundum Fenster und Licht. Wenn er allein ist und in die Arbeit vertieft, dröhnt aus den Boxen Musik von Pink Floyd.

          Er mag nicht übers Wetter reden

          Üblicherweise befasst man sich nicht mit Schirmen. Ein Schirm ist ein Schirm, fliegt in die Ecke, liegt, steht die meiste Zeit über daheim wohlverwahrt im Schrank, harrt griffbereit und zugleich achtlos aus im Kofferraum und ist lästig, wenn man ihn mal dabei hat und es trocken bleibt. Dass es übers Jahr gesehen mehr regne, als es trocken sei, war lange eine gefühlte Gewissheit, die sich während allzu langer Trockenzyklen gerade aufzulösen beginnt. Noch aber kommt beispielsweise Frankfurt am Main auf durchschnittlich 173 Regentage.

          Erich Baumann mag nicht übers Wetter reden. Mittlerweile ist er Journalisten gewöhnt. Jeder, der zum Interview anreist, bringt eine Dosis Poesie mit. Schirme reparieren sei wie Free Jazz, weil Improvisationskunst. Oder: Ein kaputter Schirm sehe so elend aus wie ein Vogel mit gebrochenem Flügel.

          Viele Tonnen Material lagern in Kisten, Schränken, Schubladen.
          Viele Tonnen Material lagern in Kisten, Schränken, Schubladen. : Bild: Sabina Paries

          Tatsächlich interessiert sich Baumann für das Handwerk. Für Griff, Schieber, Schirmstock und Schirmkrone. Für die acht fragilen Speichen, im Schwyzerdütsch Stängli geheißen; für die acht Spitzli, die an jedem Stängli den Bezug einfassen.

          Man begreift erst, was Baumann leistet, wenn man versteht, dass in der Systematik eines munteren Konsum- und Wegwerfautomatismus eine Reparatur gar nicht vorgesehen ist. Es mithin keinerlei Ersatzteile gibt. Baumann ist darum ständig auf der Suche danach. Weil es massenhaft Schirme gibt, hat er ein umfangreiches Lager angelegt. Verlorene, vergessene, in der Bahn liegen gelassene Findlinge, nach denen niemand sucht, gelangen über Sammelstellen in Geschäften und Kaufhäusern, die einen Reparaturservice anbieten, in sein Depot.

          Der Handwerker ist in seiner Heimat ein Medienstar

          Das Erstaunliche: Das Geschäft läuft. Baumann war Gast in einer Schweizer Talkshow. Die großen Populärmagazine und auch der Südwestrundfunk aus Stuttgart haben über ihn berichtet. Anfang des Jahres porträtierte ihn ein Schweizer Kundenmagazin, Auflage: 2,1 Millionen Exemplare, Überschrift: „Er lässt niemanden im Regen stehen.“ Seither klingelt der Postmann täglich und bringt bis zu zehn Schirme.

          Baumann profitiert von der Welle der Nachhaltigkeit: Die Kunden wollen ein Zeichen setzen und bringen jetzt auch den Billigschirm aus dem Drogeriemarkt zum Schirmdoktor, obschon die Reparatur knapp 20 Euro überm Neupreis liegt.

          Weitere Themen

          Mit Tempo 50 über den See

          E-Surfbrett : Mit Tempo 50 über den See

          Nach 13 Jahren Tüftelei, ein paar Firmengründungen und Insolvenzen hat ein Start-up aus Norderstedt bei Hamburg ein elektrisch betriebenes Surfbrett in Modulbauweise produziert. Eine Probefahrt.

          Peace and Love in Somerset

          FAZ Plus Artikel: Glastonbury Festival : Peace and Love in Somerset

          Nach zwei Jahren Pandemiepause hat die Saison der Musikfestivals begonnen. Am legendärsten ist Glastonbury. Hunderte Musiker treten auf – von Billie Eilish bis Paul McCartney. Unsere Autorin war dabei, als dieser magische Ort wieder erwachte.

          Topmeldungen

          Eine Luftaufnahme zeigt den Lastwagen, in dem bei San Antonio am Montag 46 Tote Menschen gefunden wurden.

          46 tote Migranten in Texas : „Die Toten gehen auf Bidens Konto“

          Der Bürgermeister von San Antonio spricht nach dem Tod von 46 Migranten in einem Lastwagen Texas von einer „schrecklichen Tragödie“. Der republikanische Gouverneur Abbott macht Präsident Biden für das Unglück verantwortlich.
          Rolf Schumann, Digitalchef der Schwarz Gruppe

          Lidl-Konzern : Der stille Gigant und sein Kampf gegen die Hacker

          Die Schwarz-Gruppe ist einer der größten Handelskonzerne der Welt – und meistens sehr verschlossen. Jetzt gibt sie Einblicke in das Innerste ihrer Digitalstrategie. Es sieht aus wie im Raumschiff.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.