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Politischer Körperschmuck : „Tattoos sind unser Widerstand“

  • -Aktualisiert am

Ilja Raspisnoj tätowiert politische Tattoos. Dafür hat er extra seinen Nachnamen ändern lassen. Raspisnoj bedeutet nämlich der „Verzierte“. Bild: Ilja Raspisnoj.

In einem Moskauer Studio tätowiert Ilja Raspisnoj politische Motive. Im Interview erzählt der junge Künstler, wie er seine Überzeugungen auf der Haut seiner Kunden ausdrückt.

          3 Min.

          Ein Messer sticht durch ein Megafon. Um das Bild steht der Satz geschrieben: „Aufgeben – Können wir nicht“. Es ist ein klarer Hinweis auf eine eingeschränkte Meinungsfreiheit. Nur wenige Künstler in Russland wagen so eine offene Systemkritik – und das auf der Haut, wo sie den Rest des Lebens verbleibt. Einer von ihnen ist Ilja Raspisnoj. Der 25-Jährige arbeitet in Moskau als Tätowierer und bezeichnet sich selbst als „Meister des politischen Tattoos“.

          Herr Raspisnoj, wenn man sich Ihre Skizzen anschaut, dann sehen Sie aus als wären sie eine Mischung aus sowjetischen Cartoon und Gefängnis-Tattoo. Wie würden Sie Ihren Stil beschreiben?

          Einen neuen Stil denkt man sich nicht aus. Ich steche meine Tattoos im traditionell russischen Stil, den ich neu interpretiert habe. Ich steche, was ich sehe. Wenn die Bürger in Russland geschlagen oder einfach inhaftiert werden, weil sie ihre Meinung sagen, tätowiere ich einfach diese Meinung. Ich möchte die Ungerechtigkeit auf die Haut bringen.

          Sie politisieren also Tätowierungen.

          Mir geht es nicht darum Stellung zu beziehen und ich zeichne und steche auch nicht zu jedem Thema, sondern steche nur Momentaufnahmen. Das waren die russischen Demonstrationen und Wahlen.

          „Aufgeben – Können wir nicht.“ Der Tätowierer Ilja Raspisnoj kritisiert mit seinen Bildern die russische Regierung.

          Tattoos kann man nicht ausstellen. Sehen Ihre politischen Tätowierungen denn die Menschen, die sie kritisieren?

          Meine Galerie ist auf der gesamten Welt. Meine Aufgabe ist es die „echte“ Zeit festzuhalten, und nicht das, was uns in Russland vorgegaukelt wird.

          Tattoos verschwinden meistens mit dem Ableben des Menschen.

          Das stimmt. Doch vielleicht ändert sich bis dahin auch etwas durch die Aussagen, die mit den Tattoos gemacht werden – und sie sind gar nicht mehr nötig, wenn sie mit ihren Trägern verschwinden. Jedes Tattoo hat eine Geschichte, die erzählt werden muss. Der Generation meiner Eltern kann man nicht erzählen, dass das Kunst ist. Für sie sind das Knastmotive. Meine Generation kann das verstehen. Tattoos sind unser Widerstand. Manche gehen mit Plakaten auf die Straße, andere mit Tattoos, auf denen politische Botschaften zu sehen sind, und manche machen beides. Das machen Menschen, die mutig sind und gegen Putin etwas unternehmen möchten.

          Früher bekamen Tattoos nur Kriminelle und Gefängnisinsassen. Sind Sie auch nur ein Aussätziger der Gesellschaft?

          Genau! Der Trend zum Tattoo ist in Russland auch erst vor kurzem angekommen. Früher konnte man keine Ausrüstung kaufen. Jetzt können Sie eine Tätowiermaschine kaufen und auf Youtube Tutorials schauen. Doch auch wenn das Tattoo gesellschaftsfähig geworden ist, wird es trotzdem mit Argwohn betrachtet. Dieser Staat und seine Zensur ist sozusagen unser Gefängnis, aus dem wir ausbrechen wollen. Hier werden Tattoos und alles, was anders ist mit Abneigung betrachtet. Unser Arbeit ist ein symbolischer Widerstand gegen die heutige Form der Gesellschaft. Wir wollen hier ausbrechen.

          Die zwei Rapper Timati und Guf, die mit einem Pro-Putin Video Kritik auf sich gezogen haben, haben vor kurzem den Rekord für die meisten „Daumen runter“ auf Youtube gebrochen. Kann Kunst nur in der Opposition entstehen?

          Timati und Guf machen keine Kunst, sondern Geld. Timati geht auf Meetings mit Putin. Die beiden sind käuflich. Nachdem Shitstorm zum Video haben die beiden angefangen sich zu verteidigen, zu sagen, dass sie gar nicht erst wussten, dass es Wahlen gibt und ihre Liebe zur Stadt ausgesprochen – nur um wieder positiv in der Öffentlichkeit dar zu stehen. Man sieht die Propaganda vor allem im Staatsfernsehen. Da werden Leute aus der Ukraine und Amerika in eine Talkshow eingeladen, angeblich, um mit ihnen zu reden. Am Ende diskutiert man nicht, der Moderator und russlandtreue Gäste schreien sie an und präsentieren dem Zuschauer nur eine einzige Meinung. Das wollten auch Timati und Guf.

          … und bei Ihnen ist es nicht so?

          Nein, ich habe mal für Oleg Nawalny gearbeitet, dem Bruder des russischen Oppositionspolitikers Alexej Nawalny. Ihm wurde zu Unrecht vorgeworfen, dass er den Kosmetikhersteller Yves Rocher um 26 Millionen Rubel betrogen haben soll. Er wurde dann 2014 verurteilt und kam im Juni 2018 frei. Während dieser Zeit im Gefängnis hat er angefangen Skizzen zu zeichnen. Wir haben daraufhin eine Ausstellung für ihn organisiert und mit seinen Arbeiten und unseren Tattoos Geld gesammelt. Uns wurde daraufhin vorgeworfen, dass wir uns auf dieser Ausstellung nur bereichern wollen. Das stimmt nicht. Ich habe keine Angst, über Missstände zu reden. Alle Menschen, die damals hergekommen sind, sind gekommen um zu helfen und um gegen diese unrechtmäßige Verurteilung zu demonstrieren.

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