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Ein „mantelähnliches Etwas“ : Über die Mode im Deutschen Bundestag

Bunter Mantel: Es reicht schon die kleinste Abweichung von der spießbürgerlichen Norm, um der AfD die Tränen der Empörung in die Augen zu treiben. Bild: dpa

Der AfD missfällt die „laxe Kleiderordnung“ im Bundestag. Wir stimmen zu: So geht es nicht.

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          Kleider machen Leute, sagt der Volksmund – und weil die AfD stets mit größtmöglicher Akribie auf ebenjenen Mund schaut, vorausgesetzt, es ist ein deutscher, nimmt sie auch diese Sentenz so ernst wie sonst nur Sigmar Gabriel das Prinzip der Geradlinigkeit. Wie sonst könnte man sich erklären, dass die sächsische AfD-Fraktion, die neulich den Bundestag in Berlin besuchte, völlig erschüttert war über die desolate Kleiderordnung im Hohen Haus, dem Ort, an dem die deutsche Volksseele doch recht eigentlich ihr würdevolles Zentrum haben sollte?

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Demütig und unvoreingenommen wie gewohnt marschierten die Abgesandten aus dem Tal der Ahnungslosen in den Plenarsaal, selbst zumeist stilsicher gewandet in dezentes Mausgrau, zart hingehauchte Yves-Klein-Blau-Noblesse oder, ein subtiler Dresdner Gruß an die Pariser Haute Couture, eine souverän aufgetragene Kombination aus regenbogenfarbener Ringel-Strickjacke über gelbem Polo-Shirt – und was mussten sie da erleben? Eine mittelalte Frau mit seltsamer Frisur, umhüllt von einem „mantelähnlichen Etwas“, die nicht etwa als Hausmeisterin ihren Dienst verrichtete, sondern die Bundestagssitzung leitete (Claudia Roth an einem normalen Tag)!

          Schon das allein vermochte den AfD-Volksgenossen die Tränen der Empörung in die Augen zu treiben – als dieses mantelähnliche Etwas seine Kolleginnen in der laufenden Sitzung dann aber noch „theatralisch lachend knuddelte und drückte“, war es völlig aus mit der gesunden Volksseele und man war sich sicher: Theatralisches Lachen unter Freunden, das geht gar nicht!

          Man halte sich fest: „Jeans und Lederjacke“

          Noch völlig verstört von dem demütigenden Erlebnis verfasste der Generalsekretär der Sachsen-AfD eine Pressemitteilung, in der er seine Ernüchterung darüber schilderte, „in welch laxer Kleiderordnung meist Abgeordnete der Linken und Grünen ihre Repräsentanz im Namen des Deutschen Volkes“ wahrnähmen. Und das betreffe ja nicht nur Claudia Roth, sondern auch jene „Abgeordneten-Damen“ im Bundestagspräsidium, die von dem mantelähnlichen Etwas offenkundig auf die schiefe Bahn gelenkt wurden und, man halte sich fest, „Jeans und Lederjacke“ trugen. Im Grunde, schloss der Generalsekretär erschüttert, brächten die Volksvertreter durch ihr „demonstratives Bekenntnis zum weiteren Verfall von Sitten und Selbstdisziplin“ doch nur „jene Geringschätzung des Souveräns zum Ausdruck, der auch die Politik durchzieht“. 

          Zwar fragen wir uns, ob es nicht eher eine Geringschätzung der Politik durch den Souverän ist, die die AfD nur allzu gern befeuert, in einem aber stimmen wir ihr zu: So geht es nicht mehr. Denn wenn es jetzt schon so weit ist, dass man sich regelrecht genötigt sieht, Claudia Roths Klamotten zu verteidigen, Himmel hilf!, oder, schlimmer noch: dass das Umgehängsel von Frau Roth sozusagen die Werte des Abendlandes bildet, die es vor dem Mausgrau der sittsamen Sachsen-AfD zu verteidigen gilt, dann ist es mit dem Untergang desselben vielleicht doch nicht mehr so weit hin.

          Man stelle sich das nur für einen kurzen Moment bildlich vor, Claudia Roth im cremefarbenen Merkel-Blazer oder Tony Hofreiter mit pomadiertem Seitenscheitel, ganz anders wird einem doch da! Oder Sahra Wagenknecht in einer dieser pastellfarbenen Von-der-Leyen-Jacken mit umgeschlagenen Dreiviertel-Ärmeln – wäre das wirklich die Würde des Amtes, die die AfD meint? Denn auf die Würde kommt es an, auch da sind wir ausnahmsweise einmal ganz bei ihr. Das wird selbst Claudia Roth verstehen, die sonst ja auch immer alles und jeden versteht, und seien es nur das Backen von Börek oder die Konflikte in der Türkei.  

          Kleider machen keine Menschen

          Vielleicht ist der sächsischen AfD die Kleiderfrage in Wirklichkeit aber auch gar nicht so wichtig und es geht ihr viel mehr um Vorbilder für Selbstdisziplin. Lutz Bachmann zum Beispiel, der Pegida-Gründer und selbst ernannte wahre Volks-Vertreter auch für viele AfD-Anhänger, würde von vielen  Sachsen schließlich selbst dann noch zum Kanzler gewählt, wenn er statt Jeansjacke und „Rapefugee“-Anstecker nur ein braunes Unterhemd trüge, Feinripp für 9,99 Euro beim Discounter.

          Eben weil er bei jeder Gelegenheit höchst diszipliniert zeigt, wie sehr er den Souverän und die Lügen-Demokratie als solche schätzt – vorbildlich ist das. Oder der neue philippinische Shooting-Star Rodrigo Duterte, dem man so ziemlich alles nachsagen kann, aber nicht, dass sein Volk keinen Respekt vor ihm hätte: Er trägt gerne rote Polo-Shirts mit dezent abgenähtem blauen Kragen – das aber mit einer solchen Disziplin und Würde, dass er auch mal theatralisch lachend knuddeln und drücken könnte, so er denn dazu fähig ist, und man würde ihm trotzdem nichts krumm nehmen. Ihr seht, liebe Sachsen-AfD: Vielleicht machen Kleider Leute, vielleicht auch ein „mantelähnliches Etwas“. Aber noch lange keine Menschen.

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