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Künstler Christophe Chemin : „Prada wollte unbedingt Kitsch“

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Eine Exkursion durch die Geschichte: Christophe Chemins Zeichnung „The Important Ones“. Bild: Christophe Chemin

Christophe Chemin ist Künstler in Berlin und arbeitete in den vergangenen Jahren mit Fotografien, Zeichentechniken, Collagen. Bis eine große Mailänder Modemarke auf ihn zukam.

          Ein erster warmer Frühlingsabend. Nördlich der Torstraße geht Christophe Chemin eine dieser Altberliner Straßen entlang, an denen es noch kein Café, keine Bar gibt. Er schreitet voraus, den Oberkörper leicht vornübergebeugt, das Gesicht ständig im Nachdenken versunken. Der 39 Jahre alte Franzose hat Bücher geschrieben, Filme gedreht, in einigen Trash-Streifen sogar mitgespielt und als bildender Künstler in Galerien ausgestellt. Er hat es nie darauf angelegt, von seinem deutschen Derzeit-Wohnsitz aus das Herz der italienischen Modewelt zu erobern. Oder gar die wichtigste Frau des Business zu begeistern: Miuccia Prada. Jetzt ist ihm genau das gelungen.

          Christophe Chemin, Sie haben im Januar dieses Jahres Aufsehen erregt, als Ihre Zeichnungen auf den Entwürfen der Herrenkollektion von Prada auftauchten.

          Obwohl Sie in einer Ausstellung von mir momentan keine Zeichnungen mit Farbstiften sehen würden. Ich habe in den vergangenen zehn Jahren viel mit Collagen, Fotografien oder anderen Zeichentechniken gearbeitet. Aber Miuccia Prada bat mich darum.

          Auf den Hemden sieht man verschiedene historische Persönlichkeiten wie Che Guevara, Herkules und Sigmund Freud. „Eine Exkursion durch die Geschichte“, nannte Miuccia Prada die Kleidung. Kam das Thema von Ihnen?

          Nein, als ich die Arbeit begann, gab es ihrerseits schon eine vage Vorstellung, sich mit dem Thema zu befassen. Ich musste allerdings für mich einen Zugang finden. Als ich „Geschichte“ hörte, dachte ich sofort „Schule“. Ich erinnerte mich daran, wie wir historische Daten auswendig lernen mussten, von denen wir höchstens noch ein Prozent im Kopf haben, wie wir als Kinder mit abstrakten Zahlen gequält wurden, wie viele Menschen in diesem oder jenem Krieg genau umgekommen waren.

          Auf dem Laufsteg: Chemins Zeichnung in der Kollektion für Herbst/Winter 2016.

          Man merkt schon, Sie waren kein Geschichtsfan.

          Nein, ich habe die Schule gehasst. Was mich faszinierte, war Archäologie. Dass es Dinge gibt, die im Boden seit Jahrhunderten vergraben sind, und dass jemand sich auf den Weg macht, sie zu finden. Antike ägyptische Skulpturen fand ich wunderschön, die ich auf Abbildungen in den Büchern meiner Eltern entdeckte.

          Wie finden Sie, dass aus Ihrer Kunst nun ein Hemd geworden ist?

          Für mich war es wichtig, dass die Bilder etwas aussagen, wie kryptisch das am Ende auch versteckt sein mag. Dann kann ich mich mit dem Gedanken anfreunden, dass Menschen eines Tages diese Bilder tragen und einige von ihnen sie vielleicht nur als dekorativ empfinden.

          Wäre das schlimm?

          Mir ist das egal. Wenn jemand behauptet, das sei schlechter Geschmack, toll, dann ist es uns eben gelungen, mit Absicht schlechten Geschmack zu entwerfen. Auch eine Leistung! Es gibt ein Motiv, das alle lieben: das sich küssende Paar. Was auf den ersten Blick kitschig wirkt. Mir ging es um die Künstlichkeit des Moments, er ist wie eine Collage von verschiedenen Zeitebenen.

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          „Cleopatra küsst James Dean“, hat eine Zeitschrift dazu geschrieben.

          Dabei ist es die ägyptische Göttin Isis. Sie trägt einen Armreif von Cleopatra, was offenbar alle in die Irre geführt hat, und küsst einen jungen Soldaten. Eine Frau, die sehr viel Macht hat, und ein Mann, der von der Gnade des Staates abhängt. Diesen Gegensatz fand ich spannend. Miuccia wollte unbedingt totalen Kitsch zurückbringen, diese Bilder von küssenden Paaren auf den Postern von Historienschinken aus den sechziger Jahren. Die Menschen lieben es, wenn sich im Film zwei Menschen küssen, aber wenn das zwei Menschen neben ihnen in der U-Bahn tun, fühlen sie sich angewidert.

          Nach der Männerkollektion haben Sie einen Monat später auch Collagen für die Damen angefertigt. Die Zusammenarbeit begann angeblich, als Prada-Designchef Fabio Zambernardi Sie über Instagram engagierte.

          Nein, das stimmt nicht. Ich habe Fabio vergangenes Jahr zum ersten Mal getroffen, nachdem wir uns bei Instagram verknüpft hatten. Das hatte nichts mit meiner Arbeit zu tun. Wenn Sie mein Konto sehen, verstehen Sie, was ich meine: Es gibt darauf abstrakte oder Stimmungsbilder, kaum Kunst von mir. Damit hätte ich nie die Aufmerksamkeit von irgendjemandem erregt. Fabio und ich kommunizierten viel über Instagram, eine Art Freundschaft entstand, vergangenes Jahr habe ich ihm ein Bild geschenkt und gesagt: Fabio, mach dir ein Hemd daraus, wenn du willst, meine Erlaubnis hast du. Kurz darauf schrieb er mir: Christophe, wir überlegen schon eine ganze Weile, ob du nicht Kunst für uns entwerfen möchtest.

          Eine ganze Weile - warum haben sie gezögert?

          Weil sie nicht garantieren können, dass eine Zusammenarbeit am Ende auch in der Kollektion zu sehen sein wird. Bei Prada werden bis zum letzten Moment vor der Modenschau Änderungen vorgenommen. Sie wollten mich davor bewahren, in der Öffentlichkeit Schaden zu nehmen. Fabio hat es mir erklärt, mich gefragt, ob ich trotzdem das Risiko eingehen wollte. Und ich habe zugesagt.

          Haben Sie sich mal gefragt, wer dabei von wem profitiert?

          Nein, nie. Wenn ich mit jemanden zusammenarbeite, glaube ich fest daran, dass es für beide Seiten ein Gewinn ist. Für mich ist es phantastisch, mit Prada zu kooperieren. Ich habe die Marke schon davor getragen, die rote Jacke, die ich heute anhabe, meine Hose, alles Prada. Es gibt niemanden in der Modewelt, der interessanter wäre. Ich empfinde Mode nicht als sinnlose Kunst. Leider gibt es nach wie vor Menschen, die behaupten, Mode sei nur für Frauen oder Schwule. Eine furchtbare Haltung.

          Christophe Chemin

          Hat sich diese Einstellung nicht in den vergangenen zehn Jahren verändert?

          Sie verändert sich, aber es gibt nach wie vor den Drang, die Mode klein zu halten. Ich weiß nicht, warum man automatisch einer Kunstform eine größere Bedeutung zubilligt als einer anderen; diese Hierarchie von Ausdrucksformen ist grässlich. In der Kunst kann man genauso viel Mist bauen wie in der Mode. Ich kenne persönlich Designer, die keinen einzigen Finger für ihre Kollektionen rühren. Sie nehmen Urlaub, erklären später, sie hätten sonstwo ihre Inspirationen herbekommen und kopieren lieber andere Kollektionen. In der Kunstwelt gibt es Künstler, die einfach 60 Assistenten anstellen, die dann ihre Arbeit machen.

          Sie denken an Jeff Koons?

          Zum Beispiel. Momentan gibt es wirklich viel schlechte Kunst zu sehen.

          Das nervt Sie?

          Ich kümmere mich nicht darum. Genauso wenig rege ich mich noch darüber auf, wie schnell meine Arbeit für Prada kopiert wurde. Ich habe ein ägyptisches Auge auf meinen linken Mittelfinger tätowiert. Das Symbol habe ich auf einem Kleid für die Damenkollektion verwendet. Und eineinhalb Wochen später gab es ganze Muster mit diesen Augen in der neuen Givenchy-Kollektion, die in Paris gezeigt wurde. Ich finde das traurig, dass manche Menschen in der Modeindustrie keine andere Chance sehen, als andere Modeschöpfer zu kopieren.

          Haben Sie nach der Zusammenarbeit weniger Wertschätzung für die Modewelt?

          Ich hatte schon immer ein aufrichtiges Interesse an Mode, das war keine Hassliebe. Nur heutzutage gibt es zu viel Kleidung auf dem Markt, der Kollektionsrhythmus ist verrückt, wer soll denn das alles tragen, was produziert wird.

          Designerin Vivienne Westwood fordert inzwischen: Kauft weniger ein!

          Sie kann sagen, was sie will, ihr Problem ist, dass sie in der Vergangenheit zwar wunderbare Sachen entworfen hat, aber nicht mehr relevant ist. Ein bisschen wie Gaultier. Früher Revolutionäre, heute alt.

          Beide haben in jüngster Vergangenheit große Ausstellungen in Museen gehabt. Stehlen Modedesignern dort Künstlern die Show?

          Entspannen Sie sich, Museen sind doch sowieso furchtbare Orte. Wenn Sie ein Kunstwerk ausstellen möchten, gibt es so viele andere Möglichkeiten. Ich gehe selbst kaum noch in Museen.

          Wo haben Sie denn als junger Mensch Kunst entdeckt?

          In Bibliotheken, mir gefällt die ruhige Atmosphäre dieser Einrichtungen. Man kann etwas ausleihen, sich das in Ruhe ansehen und wieder zurückgeben.

          Nach Berlin zieht es gerade wegen der Museen und Galerien viele Künstler. Deshalb leben Sie nicht in der Stadt?

          Ich lebe seit acht Jahren hier, weil ich jemanden kennengelernt habe. Das ist eine private Entscheidung gewesen. Heutzutage kann ich mit der richtigen Technik, einem Computer und dem Internet auf dem Land leben und meine Arbeiten an die richtigen Leute schicken.

          Das heißt, Sie müssen kein Deutsch reden.

          Ich spreche Deutsch, es muss auch noch besser werden, aber ich verbringe viel Zeit allein zu Hause, wenn ich arbeite. Am Anfang habe ich mir kaum Mühe mit der Sprache gegeben, weil ich dachte, ich würde nicht bleiben. Ich verstand ein bisschen was auf der Straße, weil ich deutsches Kino liebe: Rainer Werner Fassbinder, die frühen Filme von Werner Herzog. Ich war schon in den achtziger Jahren auf einem Schulausflug in Berlin, als die Mauer noch stand. Diese Trostlosigkeit, diese zerstörten Fassaden, das gefiel mir. Über der ganzen Stadt lag eine Spannung. Als ich vor ein paar Jahren zurückkam, war davon wenig übrig. Es gab aber noch Freiflächen zwischen den Häusern, Hinterhöfe, die miteinander verbunden waren, Bars, die in einem Keller aufmachten.

          Und das Grab von Nico, zu dem Sie jedes Jahr pilgern.

          Mich fasziniert eine Musikerin wie Nico. Sie ist beinahe die Verkörperung der Prada-Frau. Eine Frau mit Hang zum Dramatischen, die vor etwas flieht, eine Vagabundin. Eine Prada-Frau ist resolut, stark, nicht unbedingt freundlich.

          Wie bitte?

          Sie ist keine niedliche Hausfrau, sondern wie eine Frau, die vom Mars kommt und im Notfall jemanden töten kann. Aber wissen Sie, wessen Todestag ich selbst im Schlaf aufsagen kann? Den von Pier Paolo Pasolini. In der Nacht nach Allerheiligen, zwischen dem 1. und 2. November 1975.

          Warum ist Pasolini so wichtig für Sie?

          Kino hat mein Leben gerettet, als ich ein Teenager war. Ganz wörtlich, zu der Zeit hatte ich kaum Freunde, ich fühlte mich in Bordeaux wie in einem Käfig, heute kann man in sozialen Netzwerken nach Gleichgesinnten suchen, damals dachte ich, das Leben sei es nicht wert, gelebt zu werden. Und dann sah ich mit etwa zwölf Jahren „Die 120 Tage von Sodom“ und „Teorema“ von Pasolini. Das waren Werke über Transzendenz, ich entdeckte zum ersten Mal, dass es in der Welt einen Platz gab für Menschen, die wie ich anders denken. Und das war die Kunst.

          Wird diese in der Zukunft öfter in der Mode zu sehen sein?

          Es gibt Menschen in der Mode, die ich sehr schätze, mit denen ich aber nie zusammenarbeiten könnte. Zum Beispiel Rei Kawakubo von Comme des Garçons. Sie ist ein noch größerer Kontrollfreak als ich. Das würde nicht funktionieren.

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