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Künstler Christophe Chemin : „Prada wollte unbedingt Kitsch“

  • -Aktualisiert am

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Sie kann sagen, was sie will, ihr Problem ist, dass sie in der Vergangenheit zwar wunderbare Sachen entworfen hat, aber nicht mehr relevant ist. Ein bisschen wie Gaultier. Früher Revolutionäre, heute alt.

Beide haben in jüngster Vergangenheit große Ausstellungen in Museen gehabt. Stehlen Modedesignern dort Künstlern die Show?

Entspannen Sie sich, Museen sind doch sowieso furchtbare Orte. Wenn Sie ein Kunstwerk ausstellen möchten, gibt es so viele andere Möglichkeiten. Ich gehe selbst kaum noch in Museen.

Wo haben Sie denn als junger Mensch Kunst entdeckt?

In Bibliotheken, mir gefällt die ruhige Atmosphäre dieser Einrichtungen. Man kann etwas ausleihen, sich das in Ruhe ansehen und wieder zurückgeben.

Nach Berlin zieht es gerade wegen der Museen und Galerien viele Künstler. Deshalb leben Sie nicht in der Stadt?

Ich lebe seit acht Jahren hier, weil ich jemanden kennengelernt habe. Das ist eine private Entscheidung gewesen. Heutzutage kann ich mit der richtigen Technik, einem Computer und dem Internet auf dem Land leben und meine Arbeiten an die richtigen Leute schicken.

Das heißt, Sie müssen kein Deutsch reden.

Ich spreche Deutsch, es muss auch noch besser werden, aber ich verbringe viel Zeit allein zu Hause, wenn ich arbeite. Am Anfang habe ich mir kaum Mühe mit der Sprache gegeben, weil ich dachte, ich würde nicht bleiben. Ich verstand ein bisschen was auf der Straße, weil ich deutsches Kino liebe: Rainer Werner Fassbinder, die frühen Filme von Werner Herzog. Ich war schon in den achtziger Jahren auf einem Schulausflug in Berlin, als die Mauer noch stand. Diese Trostlosigkeit, diese zerstörten Fassaden, das gefiel mir. Über der ganzen Stadt lag eine Spannung. Als ich vor ein paar Jahren zurückkam, war davon wenig übrig. Es gab aber noch Freiflächen zwischen den Häusern, Hinterhöfe, die miteinander verbunden waren, Bars, die in einem Keller aufmachten.

Und das Grab von Nico, zu dem Sie jedes Jahr pilgern.

Mich fasziniert eine Musikerin wie Nico. Sie ist beinahe die Verkörperung der Prada-Frau. Eine Frau mit Hang zum Dramatischen, die vor etwas flieht, eine Vagabundin. Eine Prada-Frau ist resolut, stark, nicht unbedingt freundlich.

Wie bitte?

Sie ist keine niedliche Hausfrau, sondern wie eine Frau, die vom Mars kommt und im Notfall jemanden töten kann. Aber wissen Sie, wessen Todestag ich selbst im Schlaf aufsagen kann? Den von Pier Paolo Pasolini. In der Nacht nach Allerheiligen, zwischen dem 1. und 2. November 1975.

Warum ist Pasolini so wichtig für Sie?

Kino hat mein Leben gerettet, als ich ein Teenager war. Ganz wörtlich, zu der Zeit hatte ich kaum Freunde, ich fühlte mich in Bordeaux wie in einem Käfig, heute kann man in sozialen Netzwerken nach Gleichgesinnten suchen, damals dachte ich, das Leben sei es nicht wert, gelebt zu werden. Und dann sah ich mit etwa zwölf Jahren „Die 120 Tage von Sodom“ und „Teorema“ von Pasolini. Das waren Werke über Transzendenz, ich entdeckte zum ersten Mal, dass es in der Welt einen Platz gab für Menschen, die wie ich anders denken. Und das war die Kunst.

Wird diese in der Zukunft öfter in der Mode zu sehen sein?

Es gibt Menschen in der Mode, die ich sehr schätze, mit denen ich aber nie zusammenarbeiten könnte. Zum Beispiel Rei Kawakubo von Comme des Garçons. Sie ist ein noch größerer Kontrollfreak als ich. Das würde nicht funktionieren.

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