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Künstler Christophe Chemin : „Prada wollte unbedingt Kitsch“

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Nach der Männerkollektion haben Sie einen Monat später auch Collagen für die Damen angefertigt. Die Zusammenarbeit begann angeblich, als Prada-Designchef Fabio Zambernardi Sie über Instagram engagierte.

Nein, das stimmt nicht. Ich habe Fabio vergangenes Jahr zum ersten Mal getroffen, nachdem wir uns bei Instagram verknüpft hatten. Das hatte nichts mit meiner Arbeit zu tun. Wenn Sie mein Konto sehen, verstehen Sie, was ich meine: Es gibt darauf abstrakte oder Stimmungsbilder, kaum Kunst von mir. Damit hätte ich nie die Aufmerksamkeit von irgendjemandem erregt. Fabio und ich kommunizierten viel über Instagram, eine Art Freundschaft entstand, vergangenes Jahr habe ich ihm ein Bild geschenkt und gesagt: Fabio, mach dir ein Hemd daraus, wenn du willst, meine Erlaubnis hast du. Kurz darauf schrieb er mir: Christophe, wir überlegen schon eine ganze Weile, ob du nicht Kunst für uns entwerfen möchtest.

Eine ganze Weile - warum haben sie gezögert?

Weil sie nicht garantieren können, dass eine Zusammenarbeit am Ende auch in der Kollektion zu sehen sein wird. Bei Prada werden bis zum letzten Moment vor der Modenschau Änderungen vorgenommen. Sie wollten mich davor bewahren, in der Öffentlichkeit Schaden zu nehmen. Fabio hat es mir erklärt, mich gefragt, ob ich trotzdem das Risiko eingehen wollte. Und ich habe zugesagt.

Haben Sie sich mal gefragt, wer dabei von wem profitiert?

Nein, nie. Wenn ich mit jemanden zusammenarbeite, glaube ich fest daran, dass es für beide Seiten ein Gewinn ist. Für mich ist es phantastisch, mit Prada zu kooperieren. Ich habe die Marke schon davor getragen, die rote Jacke, die ich heute anhabe, meine Hose, alles Prada. Es gibt niemanden in der Modewelt, der interessanter wäre. Ich empfinde Mode nicht als sinnlose Kunst. Leider gibt es nach wie vor Menschen, die behaupten, Mode sei nur für Frauen oder Schwule. Eine furchtbare Haltung.

Christophe Chemin

Hat sich diese Einstellung nicht in den vergangenen zehn Jahren verändert?

Sie verändert sich, aber es gibt nach wie vor den Drang, die Mode klein zu halten. Ich weiß nicht, warum man automatisch einer Kunstform eine größere Bedeutung zubilligt als einer anderen; diese Hierarchie von Ausdrucksformen ist grässlich. In der Kunst kann man genauso viel Mist bauen wie in der Mode. Ich kenne persönlich Designer, die keinen einzigen Finger für ihre Kollektionen rühren. Sie nehmen Urlaub, erklären später, sie hätten sonstwo ihre Inspirationen herbekommen und kopieren lieber andere Kollektionen. In der Kunstwelt gibt es Künstler, die einfach 60 Assistenten anstellen, die dann ihre Arbeit machen.

Sie denken an Jeff Koons?

Zum Beispiel. Momentan gibt es wirklich viel schlechte Kunst zu sehen.

Das nervt Sie?

Ich kümmere mich nicht darum. Genauso wenig rege ich mich noch darüber auf, wie schnell meine Arbeit für Prada kopiert wurde. Ich habe ein ägyptisches Auge auf meinen linken Mittelfinger tätowiert. Das Symbol habe ich auf einem Kleid für die Damenkollektion verwendet. Und eineinhalb Wochen später gab es ganze Muster mit diesen Augen in der neuen Givenchy-Kollektion, die in Paris gezeigt wurde. Ich finde das traurig, dass manche Menschen in der Modeindustrie keine andere Chance sehen, als andere Modeschöpfer zu kopieren.

Haben Sie nach der Zusammenarbeit weniger Wertschätzung für die Modewelt?

Ich hatte schon immer ein aufrichtiges Interesse an Mode, das war keine Hassliebe. Nur heutzutage gibt es zu viel Kleidung auf dem Markt, der Kollektionsrhythmus ist verrückt, wer soll denn das alles tragen, was produziert wird.

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