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Ende der Geschlechterfragen : Ein Anzug für alle

  • -Aktualisiert am

Anzug tragen? Kann Nancy Pelosi auch. Bild: AFP

Erst stand der Anzug für männliche Macht, dann entdeckten ihn die Frauen. Und heute? Gibt es einen Hosenanzug, der Geschlechterfragen auflöst.

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          Wenn einem so gar nichts mehr einfällt, wenn die Angst, etwas falsch zu machen, die Lust auf modische Wagnisse bei weitem überwiegt – dann denken viele zuerst an ihn: an den Hosenanzug und sein tonangebendes Jackett. Alles, was anstrengend und emotional schwierig ist, wird man in dieser modernen Rüstung einigermaßen unbeschadet überstehen: formelle Abendeinladungen, Bewerbungsgespräche, Hochzeiten, Familienfeiern, sogar Beerdigungen. Vorausgesetzt, der Anzug ist in Form. Er wird helfen, die Rolle zu spielen, die man zu spielen hat. Er trägt dazu bei, dass man zurechnungsfähig und angemessen nüchtern wirkt. Schließlich passt sich kein Outfit so an die Spielregeln der Gesellschaft, an die Codes des Miteinanders an. Nichts ist smarter und eleganter – und nichts ist langweiliger.

          Mit diesem Widerspruch fängt es an. Dabei sind Widersprüche in der Mode – und im Leben – ein Zeichen dafür, dass ein Nerv getroffen wurde. Mit Anzug und Jackett ist es jedenfalls so. Jedes Mal wenn der Hosenanzug, so wie in dieser Saison, in den Trendmeldungen auftaucht, kann man sicher sein: Jetzt wird’s grundsätzlich. Es geht um die Silhouette, um die Verteilung von Macht, um Sexualität und Gesellschaftsbilder und die Grenzen von Mode. Es geht um viel.

          Dementsprechend bissig können die Reaktionen ausfallen. Bestes Beispiel ist die Live-Panel-Diskussion zur Frühlingskollektion von Thierry Mugler unter Leitung Nathalie Khans, die online gestreamt wurde. Die Arbeit Casey Cadwallers wurde gezeigt: Jacketts, eng drapierte Cut-out-Kleider, über den Fesseln abgeschnürte Hosen. Das Panel blieb kalt, ja ablehnend. Ob man in dieser Arbeit Cadwalladers den für Mugler typischen Humor, die künstlerische Entschiedenheit erkennen könne, fragte die Lehrerin der Hochschule Central Saint Martins College of Art and Design. Modekenner Harry Freegard verneinte. Er könne keinen Esprit, keinen Glamour erkennen, sondern nur Blazer! „Sloppy powersuits“, wie er später hinzufügte, die es an Respekt gegenüber dem Werk Thierry Muglers kläglich vermissen ließen.

          Ein Ausdruck kreativer Ratlosigkeit?

          Wie zahm die Mode doch geworden sei, beklagten die Kritiker. Wie ängstlich! Bloß auf Anpassung und Richtigmachen bedacht. Der sich weiter verstärkende Trend zu Jacketts und passenden Hosen wurde zum Beweis einer neuen Uniformität erklärt, zum Zeichen, dass etwas Kostbares unwiederbringlich verloren sei. Und mal ehrlich: Wer kann dem weißen Cut-out-Hosenanzug, den Alexander McQueen 1997 für Givenchy kreierte, schon das Wasser reichen? Die brillante Schärfe, der Zauber des Moments sind mittlerweile eingetauscht worden gegen oberflächliche und abgeschwächte Entwürfe, die im Mainstream der sozialen Netzwerke Zustimmung finden. All die Blazer und Hosenanzüge – nichts als ein Ausdruck kreativer Ratlosigkeit. Ist es nicht so?

          Ja und nein. Löst sich der Blick aber vom Catwalk und wandert in die Welt der politischen Realität, findet er dort sofort Nancy Pelosi. Auf einem Foto, das jetzt schon Teil des kollektiven Gedächtnisses ist, sieht man Madame Speaker und die Oppositionsführer bei jenem Oktober-Treffen mit Donald Trump, das eine der entscheidenden Eskalationen auf dem Weg zum Impeachment-Verfahren bedeutete: als Einzige stehend, den Finger mahnend gegen den Präsidenten erhoben. Wie alle anwesenden Männer ist die Sprecherin des Repräsentantenhauses in Uniform gekleidet (Anzug!), doch die blaue Farbe ihres Ensembles ist deutlich kompromissloser und siegessicherer als die der anderen. Die Treue zur Verfassung leuchtet.

          Ein Bild geht um die Welt: Nancy Pelosi deutet mit dem Finger mahnend auf Donald Trump.

          Viele der politischen Beobachter sind sich einig, dass es dieses Foto in die Geschichtsbücher kommender Generationen und, wer weiß, sogar in die der Mode schaffen wird. Künftige Leser werden darauf die symbolische Bedeutung von Kleidung in Zeiten von Staatskrisen erkennen und sehen können, dass die Mode manchmal wichtigere Dinge zu tun hat, als für Abwechslung zu sorgen.

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