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Mode-Festival : Yeah, Yeah, Hyères

  • -Aktualisiert am

Sommer, Sonne, nackte Ärsche: in Hyères geht alles etwas entspannter zu. Bild: AFP

Beim Mode- und Fotofestival in der Küstenstadt am Mittelmeer wird gefeiert – und gearbeitet. Junge Designer lernen im sonnigen Süden, dass man nicht in der Hitze der Trends verglühen darf.

          Als Prince stirbt, wird bei Chanel gerade der Hauptgang serviert. Dass er gestorben ist, hat hier im „Marais“, einer kleinen Gourmet-Enklave am Rand der sonst recht unprätentiösen französischen Küstenstadt Hyères, noch keiner mitbekommen – außer denen, die ohnehin per Standleitung im Internet hängen. Und das sind in Hyères ziemlich wenige, weil es ja den Strand gibt und das Modefestival. Die es wissen, behalten es erst einmal für sich. Wer überbringt schon gerne Todesnachrichten?

          Der Sitznachbar ist Schaufensterpuppenproduzent, nicht nur für Lagerfeld, er stattet so ziemlich alle Marken aus. 400 Modelle haben sie im Angebot, es scheint ein verflixtes Geschäft zu sein, jedes Land hat andere Vorstellungen, aber es läuft. Linkerhand hat der Chauffeur der Kultusministerin Platz genommen, gegenüber der Polizeichef, und sie hoffen, dass die Ministerin nicht vor dem Nachtisch geht, was sie dann doch tut. Und so verpasst sie, wie der DJ nur noch „Cream“, „Kiss“, „Purple Rain“, „When Doves Cry“, „Diamonds and Pearls“ und „Little Red Corvette“ spielt und alle glücklich sind, weil sie sich freuen, dass sie es hier erfahren durften, in einer warmen Sommernacht bei gutem Essen.

          Hyères ist so, wie man sich die Berliner Modewoche wünscht: keine Logowand, keine Gaga-Stände, kein roter Teppich. Mit Chanel, LVMH, Chloé, den Galéries Lafayette, Petit Bateau und der Stoffmesse Première Vision sind gewichtige Partner an Bord, die ein gewisses Understatement schätzen. Auch Talentscouts von Kering lassen sich blicken. Hyères kommt gelassen daher, auch wegen des guten Wetters und der Strandpartys. Selbst eine kaputte Straße wirkt in Südfrankreich mit dem Schild „Chaussée Déformée“ eher wie ein Feature denn ein Makel. Und wer es nicht ins „Marais“ zum Essen schafft, geht in ein äußerst sympathisches Lokal, das neu eröffnet hat und passenderweise den Namen „Plan B“ trägt.

          Ein Festival über den Dächern der Stadt

          Hunderte Designer bewerben sich jedes Jahr im Modewettbewerb, zehn von ihnen kommen in die engere Auswahl. Wie der Finne Rolf Ekroth, der über einen Nähkurs für Senioren zur Mode fand und seinen Werdegang so zusammenfasst: „Ich wollte Sozialarbeiter werden, dafür hatte ich zu wenig Moral. Dann wurde ich Pokerspieler, dafür hatte ich zu viel.“ Blieb also: die Mode. Das Festival findet zu großen Teilen in der alten Bauhaus-Villa Noailles über den Dächern der kleinen Küstenstadt statt. Am Anfang präsentieren die Designer ihre Kollektionen. Am Abend, wenn der Himmel wieder alle Instagram-Filter durchprobiert, zeigen sie ihr Defilee. Und wenn es gut läuft, ergibt das, was am Morgen komisch daherkam, plötzlich ein stimmiges Bild. Manchmal ist es auch umgekehrt.

          Hyères wird also jedes Jahr im April aus winterlicher Lethargie geholt, wenn gleichzeitig noch das Bücherfest und der Segel-Weltcup stattfinden. Jean-Pierre Blanc rief das „Festival International de Mode et de Photographie“ im Alter von 20 Jahren ins Leben. Welchen Ruf „JP White“ hat, zeigt nicht zuletzt die Kultusministerin: Sie bleibt gleich zwei Tage. Hyères ist mehr als ein Mode- und Fotowettstreit, es ist auch ein Think Tank, in dem über die Zukunft des Einzelhandels diskutiert und das Partyleben erprobt wird. Eine Art Mini-Coachella an der Côte d’Azur: Im vergangenen Jahr trat Woodkid auf, dieses Jahr unter anderen die It-Lolita Petite Meller, nur mit weißem Leotard und Chanel-Jäckchen bekleidet. Den familiären Rahmen schätzt auch die Münchner Schmuckdesignerin Saskia Diez, die in diesem Jahr aber früher abreisen muss. Die Tochter hat Geburtstag, sie bekommt Macarons.

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