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Young British Artists : Wo der Punk der Siebziger noch nachwirkt

Jenny Saville malt massige Frauenkörper auf enorme Leinwände und konterkariert so herrschende Schönheitsideale. Bild: ddp/Picture Press/Camera Press/E

Die Young British Artists haben die Kunstszene umgekrempelt, der Einfluss ihrer Methoden auf die zeitgenössische Kunst ist kaum zu überschätzen. Vor allem drei Frauen haben diesen Aufbruch geprägt.

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          „Cool Britannia“ hieß es vor gut zwei Jahrzehnten. Mode, Musik und Kunst waren gemeint, die Anspielung auf das patriotische Lied „Rule, Britannia!“ ist klar. Es war die Zeit von Tony Blair, der als Vorsitzender der Labour-Partei von 1997 bis 2007 Premierminister war. Abgelöst hatte er zwar den Konservativen John Major, aber in den Knochen und Herzen vor allem der Künstler saß noch Majors Vorgängerin Margaret Thatcher, die „Eiserne Lady“.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Zu Beginn dieser Zeit, 1997, nahm die Ausstellung „Sensation“ von der traditionsreichen Royal Academy of Arts in London aus ihren Weg nach Berlin in den Hamburger Bahnhof und nach New York ins Brooklyn Museum. Allein in London zog die aufregende Schau mehr als 350.000 Besucher an – was Wunder, angesichts der Provokationen, die zu besichtigen waren. Sie kamen von einer losen Gruppe junger britischer Künstler, die es seit Ende der achtziger Jahre gab.

          Die meisten hatten die berühmten Lehranstalten Goldsmiths College und Royal College of Art absolviert und äußerten sich in Werken, die man so bisher nicht gesehen hatte. Berühmt und berüchtigt wurden sie als Young British Artists (YBAs). Die informelle Ägide hatte Damien Hirst, dessen Namen heute jeder kennt, schon wegen der Preise für seine Arbeiten, die Rekorde für Werke der Gegenwartskunst brachen.

          Die YBAs waren also keine klassische „Sezession“. Hinter ihnen stand der Werbe- und Sammlertycoon Charles Saatchi. Ihre Vermarktung wurde durch die Auktionsfirma Christie's mit durchschlagendem kommerziellen Erfolg direkt lanciert, in einer Londoner Versteigerung bereits am 8. Dezember 1998. Sie trug den Titel „130 Works from the Saatchi Collection to Create Bursaries for Young Artists“ und war eine Benefiz-Veranstaltung für Künstlerstipendien.

          Der Schock-Effekt

          Betrachtet man heute, nach gut zwei Jahrzehnten, den „Sensation“-Katalog, fällt eines jedenfalls auf: Unter den insgesamt 42 Teilnehmern der Schau waren immerhin zehn Künstlerinnen, deren bis heute dauernde Karrieren damit ansprangen – unter ihnen Mona Hatoum, Fiona Rae oder Rachel Whiteread.

          Tracey Emins Werk „My Bed“ von 1988 wurde 2014 in einer Londoner Auktion für 2,2 Millionen Pfund versteigert.

          Zu den Frauen bei „Sensation“ gehörte auch Tracey Emin, geboren 1963. Sie hatte in der Schau ein kleines blaues Zelt aufgestellt, dessen Innenwände sie bestickt hatte mit Namen: „Everyone I Have Ever Slept With 1963 bis 1995“ war der Titel. Diese Erinnerung an alle, mit denen sie das Lager geteilt hatte (und zugleich daran, wie das Leben und die Kunst zusammengehen, auch als handwerkliche Tätigkeit), gibt es nicht mehr.

          Das Zelt fiel 2004 dem Brand in einem Kunstlager zum Opfer. Doch Tracey Emin ist geblieben. Sie verknüpft weiter ihre von Verletzungen durchzogene Vita – 2009 in ihrer anrührenden Autobiographie „Strangeland“ beschrieben – mit ihrer rückhaltlos authentischen Kunst, deren Intensität kaum auszuweichen ist, egal ob auf Papier, in Installationen oder Neonschriften. 2007 gestaltete sie als erst zweite Künstlerin überhaupt (nach Rachel Whiteread) den britischen Pavillon der Venedig-Biennale; 2011 wurde sie Professorin für Zeichnung an der Royal Academy (neben Fiona Rae). Auch der Kunstmarkt kennt sie: Ihr – ungemachtes – Bett mit den Spuren einer Liebesnacht („My Bed“ von 1988), kam 2014 in einer Auktion auf 2,2 Millionen Pfund.

          Selbst für „Sensation“-Verhältnisse ziemlich weit trieb es Sarah Lucas, geboren 1962 in London. Sie stellte eine fiese beigefarbene Doppelmatratze am Kopfteil auf, an dem auf der rechten Seite zwei Melonen hingen. Den unteren Rest bestückten ein leerer Wassereimer und eine zwischen zwei Orangen aufgerichtete Gurke. War das Kunst? Oh ja, Konzeptkunst, mit dem Titel „Au Naturel“. Die schamlos witzige Ur-Matte ist nie im Auktionsmarkt aufgetaucht, andere Werke von Sarah Lucas schon, für teils sechsstellige Preise. Sie spielt weiter aggressiv und ironisch mit Geschlechter-Stereotypen, wie bei den schlaffen „Bunny“-Stoffpuppen, Unterleibern ohne Kopf mit überlangen Ohren und Strümpfen an den dünnen Beinen. Ihre Installationen und Objekte treiben die Schock-Effekte des Punk mit den Mitteln der Kunst weiter.

          Sarah Lucas macht schamlos-witzige Konzeptkunst und spielt dabei mit Geschlechter-Stereotypen.

          Eine bittere Hommage

          Jenny Saville, Jahrgang 1970, war schon begehrt, als „Sensation“ startete. Bereits ihre erste Ausstellung in der Saatchi Gallery in London machte Furore. Vielleicht, weil Saville so ungeheuer malerisch ist, wenn sie ihre massigen Frauenleiber auf enorme Leinwände haut. Mit so viel ungeschütztem Fleisch schließt sie an die Tradition britischer Großkünstler wie Francis Bacon oder Lucian Freud an, und zugleich konterkariert sie die herrschenden Schönheitsnormen für den weiblichen Körper.

          Eines ihrer bei „Sensation“ gezeigten Bilder, das 3,3 mal 3,3 Meter messende „Shift“, auf dem fünf Leiber wie Sardinen in einer Büchse gedrängt lagern, erzielte im Juni 2016 in einer Londoner Auktion 5,95 Millionen Pfund; geschätzt war es auf höchstens zwei Millionen. Mit „Propped“, schon 1992 gemalt und ebenfalls aus „Sensation“, gelang ihr im Oktober 2018 dann ein echter Rekord: Auf dem gut zwei mal 1,80 Meter großen Bild sitzt eine übergewichtige junge Frau nackt, wie aufgebockt, auf einen Bettpfosten, nur bekleidet mit zu engen weißen Hochzeitsschuhen. Das umwerfend radikale Bild machte Jenny Saville mit dem Zuschlag von 8,25 Millionen Pfund zur in einer Auktion höchstbezahlten lebenden Künstlerin.

          Fast alle Young British Artists wirken nach – und erfolgreich weiter. Ob die gärende Gegenwart Großbritanniens noch einmal eine solche Wucht und Leidenschaft hervorbringen kann, ist fraglich. Künstler und Künstlerinnen müssen sich an der Wirklichkeit reiben. Die YBAs konnten sich zudem auf den Punk stützen, der in England von den Siebzigern an beträchtliche Dynamik entfaltete, bis hin zur Mode etwa der Designerin Vivienne Westwood.

          Eng verbunden war der Punk mit der Musik, exponiert in der Band Sex Pistols. Bei „Sensation“ zeigte Gavin Turk sein Werk „Pop“ als eine bittere Hommage: In einer Glasvitrine steht die lebensgroße Fiberglasskulptur des Bassisten Sid Vicious in der Haltung von Andy Warhols „Elvis“ – Ikone; er war 1979 im Alter von 21 Jahren nach dem Verdacht, seine Freundin ermordet zu haben, an einer Überdosis Heroin gestorben. Der Einfluss der YBAs und ihrer Methoden auf die zeitgenössische Kunst ist kaum zu überschätzen. Ein vergleichbarer Aufbruch steht aus.

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