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Young British Artists : Wo der Punk der Siebziger noch nachwirkt

Selbst für „Sensation“-Verhältnisse ziemlich weit trieb es Sarah Lucas, geboren 1962 in London. Sie stellte eine fiese beigefarbene Doppelmatratze am Kopfteil auf, an dem auf der rechten Seite zwei Melonen hingen. Den unteren Rest bestückten ein leerer Wassereimer und eine zwischen zwei Orangen aufgerichtete Gurke. War das Kunst? Oh ja, Konzeptkunst, mit dem Titel „Au Naturel“. Die schamlos witzige Ur-Matte ist nie im Auktionsmarkt aufgetaucht, andere Werke von Sarah Lucas schon, für teils sechsstellige Preise. Sie spielt weiter aggressiv und ironisch mit Geschlechter-Stereotypen, wie bei den schlaffen „Bunny“-Stoffpuppen, Unterleibern ohne Kopf mit überlangen Ohren und Strümpfen an den dünnen Beinen. Ihre Installationen und Objekte treiben die Schock-Effekte des Punk mit den Mitteln der Kunst weiter.

Sarah Lucas macht schamlos-witzige Konzeptkunst und spielt dabei mit Geschlechter-Stereotypen.

Eine bittere Hommage

Jenny Saville, Jahrgang 1970, war schon begehrt, als „Sensation“ startete. Bereits ihre erste Ausstellung in der Saatchi Gallery in London machte Furore. Vielleicht, weil Saville so ungeheuer malerisch ist, wenn sie ihre massigen Frauenleiber auf enorme Leinwände haut. Mit so viel ungeschütztem Fleisch schließt sie an die Tradition britischer Großkünstler wie Francis Bacon oder Lucian Freud an, und zugleich konterkariert sie die herrschenden Schönheitsnormen für den weiblichen Körper.

Eines ihrer bei „Sensation“ gezeigten Bilder, das 3,3 mal 3,3 Meter messende „Shift“, auf dem fünf Leiber wie Sardinen in einer Büchse gedrängt lagern, erzielte im Juni 2016 in einer Londoner Auktion 5,95 Millionen Pfund; geschätzt war es auf höchstens zwei Millionen. Mit „Propped“, schon 1992 gemalt und ebenfalls aus „Sensation“, gelang ihr im Oktober 2018 dann ein echter Rekord: Auf dem gut zwei mal 1,80 Meter großen Bild sitzt eine übergewichtige junge Frau nackt, wie aufgebockt, auf einen Bettpfosten, nur bekleidet mit zu engen weißen Hochzeitsschuhen. Das umwerfend radikale Bild machte Jenny Saville mit dem Zuschlag von 8,25 Millionen Pfund zur in einer Auktion höchstbezahlten lebenden Künstlerin.

Fast alle Young British Artists wirken nach – und erfolgreich weiter. Ob die gärende Gegenwart Großbritanniens noch einmal eine solche Wucht und Leidenschaft hervorbringen kann, ist fraglich. Künstler und Künstlerinnen müssen sich an der Wirklichkeit reiben. Die YBAs konnten sich zudem auf den Punk stützen, der in England von den Siebzigern an beträchtliche Dynamik entfaltete, bis hin zur Mode etwa der Designerin Vivienne Westwood.

Eng verbunden war der Punk mit der Musik, exponiert in der Band Sex Pistols. Bei „Sensation“ zeigte Gavin Turk sein Werk „Pop“ als eine bittere Hommage: In einer Glasvitrine steht die lebensgroße Fiberglasskulptur des Bassisten Sid Vicious in der Haltung von Andy Warhols „Elvis“ – Ikone; er war 1979 im Alter von 21 Jahren nach dem Verdacht, seine Freundin ermordet zu haben, an einer Überdosis Heroin gestorben. Der Einfluss der YBAs und ihrer Methoden auf die zeitgenössische Kunst ist kaum zu überschätzen. Ein vergleichbarer Aufbruch steht aus.

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