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Dirndl-Trends : Die Vergangenheit steht ihr gut

  • -Aktualisiert am

Oktoberfest 1961: Dirndl, wie sie auf diesem Bild zu sehen sind, kommen wieder groß in Mode. Manche Festbesucherin gibt heute gern 1000 Euro aus für ein Gewand aus alter Zeit Bild: Friedrich Ebert-Stiftung

Wenn das Dirndl von gestern ist – sind dann alte Dirndl von vorgestern? Der Trend zu Vintage-Trachten beweist das Gegenteil.

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          „Da passt du nicht rein“, sagt Julia Müller, presst ihre rot geschminkten Lippen zusammen und schüttelt langsam den Kopf. Diese Antwort wollte die junge Frau, die gerade mit einem Dirndl auf die Umkleidekabine zuging, wohl eigentlich nicht hören. Julia Müller sagt geradeheraus, was sie denkt. Das ist ihre Art, und zur Zeit hat sie gar keine andere Wahl. Während sie kassiert, holt sie Schürzen aus dem Nebenzimmer, bindet Schleifen, nestelt an Ausschnitten herum oder näht einen Knopf an, den eine Frau, die nicht ins Dirndl passte, abgerissen hat. Das alles kostet Zeit.

          Julia Müller ist 25 Jahre alt und eigentlich Grafikdesignerin. Seit März verkauft die Landshuterin unter dem Namen Fuchsdeifeswuid Dirndl aus den vierziger bis achtziger Jahren, die sie auf Floh- und Antikmärkten findet und manchmal aus Wohnungsauflösungen bekommt. Bis vor vier Wochen hat Julia Müller die Kleider in ihrer privaten Wohnung verkauft: Auf dem Dachboden lagerte sie die Kleider, im Wohnzimmer wurde anprobiert. Irgendwann konnte ihr Freund kein Zimmer mehr betreten, ohne vorher anzuklopfen. Im August ist sie mit den Dirndl in die Marktgemeinde Altdorf bei Landshut gezogen, wo sie eine Zwei-Zimmer-Wohnung als Laden nutzt.

          „Bitte klingelt nicht täglich die ganze Straße raus“

          Noch bevor sie die geblümten Vorhänge für Fenster und Umkleide fertig genäht hatte, kamen die ersten Kundinnen. Sie kündigt auf Facebook Anprobetermine an einem oder zwei Tagen in der Woche an. Mindestens eineinhalb Stunden Zeit wollte sie sich eigentlich für jede Kundin nehmen, im Moment ist das gar nicht möglich. Zu den Öffnungszeiten kommen manchmal 30 Frauen auf einmal, in den zwei Zimmern wird es dann eng. Weil es nur eine Umkleidekabine gibt, ziehen sich die Frauen dann mitten im Raum um.

          Viele kommen ohne Termin, klingeln an jeder Haustür in der Straße und trampeln in den Vorgärten herum. Ein paar Nachbarn und Julia Müllers Vermieter haben sich schon beschwert. „Bitte klingelt nicht täglich die ganze Straße raus“, schrieb sie deshalb auf Facebook. „Jetzt in der Zeit vor dem Oktoberfest bräuchte ich doppelt so viele Dirndl, ich kann aber nicht einfach nachbestellen.“

          Ähnliche Erfahrungen macht die Münchnerin Jessica Fuhrmann, die seit 2011 unter dem Namen „Dirndl Me“ Vintage-Dirndl und -Accessoires in ihrem DaWanda-Shop und seit diesem Jahr im Atelierladen siebenmachen in München verkauft: „Es wird immer schwieriger, schöne Vintage-Dirndl zu finden.“ Dabei kommen jedes Jahr mehr Flohmärkte und Second-Hand-Läden für Trachten dazu.

          Original-Kleidung aus der Vergangenheit schon lange Trend

          Die Kapazitäten an Vintage-Dirndl sind begrenzt. Julia Müller und Jessica Fuhrmann können gar nicht so viele alte Kleider auftreiben, wie sie verkaufen könnten. Und das, obwohl die meisten umgenäht werden müssen und die Passform oft nicht ganz stimmt. Woher der plötzliche Hang zu jahrzehntealten hochgeknöpften Kleidern mit Streublumen-Muster und Blaudruck?

          In der Mode ist Original-Kleidung aus vergangenen Jahrzehnten schon lange Trend. 1997 eröffnete Cameron Silver seine berühmte Second-Hand-Boutique Decades in Los Angeles und führte Vintage in Hollywood ein. Eine der ersten, die auf dem Roten Teppich in einem Vintage-Kleid erschien, war Julia Roberts, die bei der Oscar-Verleihung 2001 ein Valentino-Kleid aus dem Jahr 1982 trug.

          Bei den Dirndl war Vintage schon immer da. Die meisten haben das nur vergessen. Ursprünglich ein Arbeitskleid, wurde das Dirndl über Generationen hinweg weitervererbt. Wenn eines neu genäht wurde, dann aus alten Stoffen, Vorhängen, Bettwäsche oder Tischdecken. Auch der neue Trachtentrend begann mit Vintage.

          Verlangen nach Einzigartigkeit

          „Ums Jahr 2000 fingen die ersten an, Sechziger- und Siebziger-Jahre-Dirndl und -Lederhosen aus Second-Hand-Läden oder von ihren Großeltern zu tragen“, sagt Simone Egger, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Volkskunde/Europäische Ethnologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, die ihre Magisterarbeit über das „Phänomen Wiesntracht“ geschrieben hat. Immer mehr Trachtenmode-Labels und immer mehr Varianten des Dirndl-Grundmodells kamen hinzu. „Dass der Modetrend Vintage auf Dirndl und Lederhose übergeht, zeigt, dass sie inzwischen Bestandteil der Mode sind“, meint Egger. Vintage ist eine schöne Möglichkeit, sich von der Masse abzugrenzen, Individualität auszudrücken, anders zu sein – das eigene Kleid an einer anderen zu entdecken ist eine Katastrophe auf dem Roten Teppich und im Bierzelt.

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