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Dirndl-Trend : Dahoam is Dahoam

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Die meisten Frauen tragen auf dem Oktoberfest selbstverständlich Dirndl. Bild: AP

Was ziehe ich an? Unter Frauen auf dem Oktoberfest ist die Frage heute überflüssig. Das Dirndl ist längst wieder da.

          Statt zur Begrüßung die Hand zu reichen, greift Marianne Kranz ihren Kundinnen um die Taille. Die erste an diesem Tag ist gerade zur Tür hereingekommen, und schon prüft Kranz mit ge­übtem Griff, welche Größe der jungen Frau passen könnte. Oder sagen wir besser: passen wird. „Der Kunde hat bei mir nichts zu sagen“, stellt Marianne Kranz klar. Die junge Frau hat hier schon vergangenes Jahr ein Dirndl gekauft, jetzt muss ein neues her, schließlich ist bald Oktoberfest. In diesem Geschäft ist sie schon deshalb richtig, weil Marianne Kranz ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht hat. Die Münchnerin, die seit 2007 ihren Laden für Trachtenmoden in der Maxvorstadt betreibt, ist selbst die beste Werbefigur für ihre Boutique: Sie trägt jeden Tag Dirndl, heute ein blau-weißes, dazu eine akkurate Pony­frisur und halbhohe Wildlederpumps mit Schnalle an der Spitze – den passenden Dirndl-Schuh.

          Die Fingernägel rot lackiert, greift sie nach einem ihrer handgemachten Modelle: „Rot passt nicht zu Ihrem Teint“, sagt sie mit perlweißem Lächeln. „Wollen Sie das Dirndl für einen besonderen Anlass oder mehrmals bei der Wiesn tragen und waschen können?“

          Wie es vor der Verbreitung industrialisierter Massen­mode üblich war, ist das Kleid hier speziell für den Anlass auf die Bedürfnisse der Kundin abgestimmt. Widerspruch ist nicht erlaubt – und auch selten nötig. Am Ende wird sie eine neue Kre­a­tion in Milchkaffeefarben mit weißen Punkten maß­anfertigen lassen: „Größe 36 plus vier Zentimeter“, sagt sie. „In acht Tagen können Sie es abholen. Wenn es Ihnen nicht gefällt, müssen Sie es nicht nehmen. Pfiat di!“ Also bis nächste Woche.

          Auf der Wiesn trägt fast jede Frau Dirndl

          Wenn es wieder heißt „O’zapft is“ (für Preißn: „Es ist angezapft“) und auf der 42 Hektar großen Theresienwiese vom kommenden Wochenende bis zum 4. Oktober das 182. Oktoberfest stattfindet, wird die Frage „Was ziehe ich an?“ überflüssig. Zwischen Kettenkarussell und Festzelt trägt fast jede Frau Dirndl. Trachtenliebhaberin Marianne Kranz hat für die Begeisterung eine einfache Erklärung: „Ein Dirndl steht jeder Frau, da setzen auch Größen keine Grenzen. Eine meiner Kundinnen sagt, sie sei darin ein anderer Mensch.“ Unbestritten: Das Dirndl ist feminin und figurschmeichelnd. Es zaubert androgynen Typen eine kurvige Silhouette und umschmeichelt bei fülligen Frauen die Kurven. In Mundart ausgedrückt: Das „Holz vor der Hüttn“ wird durch den engen Schnitt des hoch angesetzten Mieders mit dem meist viereckigen Ausschnitt optimal betont, der Gang wird aufrechter. Im Gegenzug verhüllt die A-Linie des Rockteils Problemzonen.

          Dirndl gibt es längst auch zum Schnäppchenpreis für jedermann.

          Noch vor etwas mehr als zehn Jahren trugen die meisten Besucher einfache Freizeitbekleidung zum Schunkeln im Bierzelt. „Der aktuelle Höhenflug begann etwa um das Jahr 2000“, sagt Simone Egger vom Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie an der Universität Innsbruck, die seit mehr als 15 Jahren Trachten wissenschaftlich untersucht. Wie bei allen Massentrends gibt es auch beim Dirndl-Boom eine soziologische Dimension: Der Weltbürger sehnt sich nach Beständigkeit. In der Modewelt, die sich immer schneller dreht, liegt es da nahe, sich auf traditionelle Kleidung zu besinnen. Oder, wie es Egger ausdrückt: „Das Dirndl ist das ideale Heimat­kostüm, auf das man alle Sehnsüchte projizieren kann.“ Dabei gab es zur Ur-Wiesn, im Oktober 1810, als man die königliche Hochzeitsfeier von Kronprinz Ludwig – dem späteren König Ludwig I. – und Prinzessin Therese von Sachsen-­Hildburghausen feierte, das Dirndl, wie wir es heute kennen, noch gar nicht.

          Wer genau das Dirndl erfunden hat und wo, das weiß niemand so genau. Es entstand um das Jahr 1870 als modische Adaption bäuerlicher Unterkleidung. Nach der Aufklärung blühte Ende des 19. Jahrhunderts die Reiselust auf. Künstler wie Kandinsky waren begeistert von ländlicher Folklore, auf der ganzen Welt entdeckten Städter die Alpen als Urlaubsziel, gewissermaßen als natur­nahes Lifestylekonzept. Man fuhr Ski, ging wandern und kehrte in zünftigen Wirtschaften ein. Da lag es nahe, die ländliche Kleidung der Einheimischen für die „Sommerfrische“ zu übernehmen und in bunten Farben und mit Streublumen aufzuhübschen.

          Mit dem Ersten Weltkrieg endeten die Ausflüge, und das Dirndl wurde eingemottet – zumindest außerhalb Deutschlands und Österreichs. Schließlich wollte man als Engländerin nicht wie die Gattin eines preußischen Offiziers aussehen. In den zwanziger und dreißiger Jahren wurde das Dirndl dann aber wieder schnell populär. Zu verdanken ist das unter anderen den zwei jüdischen Wallach-Brüdern aus Westfalen. Wo heute an der Ecke Residenzstraße und Hofgraben das Geschäft der Jeansmarke Diesel liegt, betrieben sie ein beliebtes Mode­geschäft und verkauften als begeisterte Trachten-Fans Lederhosen, Janker und Dirndl. Sie statteten auch die in aller Welt erfolgreiche Operette „Im weißen Rössl“ mit Trachten aus, die 1930 in Berlin und wenig später sogar in London (1932) und New York (1936) unter dem Titel „White Horse Inn“ aufgeführt wurde. Auch in der Stadt konnte man sich im Dirndl wieder blicken lassen.

          Stardesigner entdeckten das Dirndl für sich

          Doch mit der Machtergreifung Adolf Hitlers 1933 änderte sich alles. Jüdische Gäste auf Sommerfrische erhielten ein Trachtenverbot. Trachtenelemente wurden für Uniformen abgewandelt. Sogar eine einheitliche Volkstracht war geplant.

          Nach 1945 erholte sich das Image dann aber doch überraschend schnell: „Tracht wird als sehr unschuldig wahrgenommen, weil sie jeder nach Belieben mit Sehnsüchten aufladen kann“, so Kulturwissenschaftlerin Simone Egger. Sogar die amerikanischen Soldaten waren so begeis­tert von der krachledernen Alm-Seligkeit und der Architektur Salzburgs, dass die politische Dimension in den Hintergrund rückte. Der Alpenschick war wieder Mode. Die klassischen Formen passten zur Sanduhr-Silhouette des damals tonangebenden „New Look“ von Modeschöpfer Christian Dior. Sogar Coco Chanel machte in Salzburg Mitte der fünfziger Jahre Urlaub, und der Trachtenjanker eines Lift-Boys in ihrem Hotel soll sie damals zu der klassischen Chanel-Jacke inspiriert haben. Diese Legende nahm Karl Lagerfeld vergangenen Dezember zum Anlass seiner Métiers-d’Art-Kollektion, die seit diesem Sommer in den Chanel-Boutiquen hängt. Inspiriert von Tiroler Trachtenmode, zeigte er Dirndl-Variationen, Janker sowie Edelweiß-Applikationen. Auf Schloss Leopoldskron in Salzburg inszenierte er das Model Cara Delevingne als Sisi und den Hip-Hop-Star Pharrell Williams als Kaiser Franz. Darauf ein Prosit!

          Auch die Prominenz, hier Boris und Lily Becker, hält sich auf der Wiesn an den Dresscode.

          Der traditionsbesessene Adel hält dem Dirndl natürlich unabhängig von jedem Modetrend die Treue. Aus einer zufälligen Liebesgeschichte wurde Anfang der sieb­ziger Jahre eine schöne Werbung für die Weltstadt mit Herz, als die München bekannt ist. Die Geschichte brachte das Dirndl auch wieder auf die internationale Bühne. Sie geht so: Als München sich um die Olympischen Spiele 1972 bewarb, spielte man mit dem Lokalkolorit. Die Hostessen wurden also mit modernen Dirndlkleidern in Hellblau zu hellen Blusen ausgestattet – den Farben des Himmels über Bayern, wenn sogenanntes Kaiserwetter herrscht. In genau diesem Look eroberte die Hostess Silvia Renate Sommerlath, heute besser bekannt als Königin Silvia von Schweden, den schwedischen Kronprinzen Carl Gustaf. Die Bilder gingen damals um die Welt.

          Die Liebe zur Tracht verlief anschließend in Wellen. Heute tragen immer mehr Frauen in Bayern und Österreich das Dirndl, nicht nur zur Wiesn, sondern zu fest­lichen Anlässen wie Hochzeiten, Taufen oder zu den Konzerten des Alpen-Rock’n’Rollers Andreas Gabalier, der mit Hits wie „I sing a Liad für di“ Charts und Herzen generationenübergreifend im Sturm erobert. Im Trend sind traditionelle Dirndl, besonders bei jungen Leuten.

          „Viel Chi-Chi, billige Spitze und Stoffe, das ist jetzt Gott sei Dank vorbei“, sagt Gabriele Hammerschick, seit 1997 Trachteneinkäuferin bei Lodenfrey in München. „Einer Siebzehnjährigen dürfen Sie nicht mit einem
          Rüschenteil kommen. Der Trend geht zum klassischen Dirndl aus Baumwolle oder Leinen in gedeckten Nicht­farben wie Taupe, Grau und Marine. Dazu trägt man eine schlichte Bluse mit schmalen Dreiviertelärmeln.“ Im Münchner Traditionshaus gibt es vom Einsteiger-Dirndl für 300 Euro über Designer-Kollektionen von Odeeh bis zum aufwendigen Modell mit bunten Paspe­lierungen mit Handdrucken für 2000 Euro Dirndl für jeden Geschmack. Aber nicht in jeder Länge: 90, 85 oder 70 Zentimeter, also knieumspielend – kürzer darf das Dirndl nicht sein, sonst enttarnt man sich sofort als Nicht-Eingeweihter. Überhaupt kann man beim Dirndl-Kauf viel falsch machen. Gabriele Hammerschick kennt alle Regeln: „Was absolut nicht geht: keine Bluse unterm Dirndl zu tragen, ein Unterrock, der herausschaut, und ein Dirndl, das nicht perfekt sitzt. Wenn Sie denken, Sie bekämen keine Luft, dann ist es richtig.“ Dazu trägt man Ballerinas, halbhohe Pumps, oder, als Stilbruch, Schnürstiefel.

          Saison ist das ganze Jahr über

          Heute ist das ganze Jahr über Saison. Die Hochphase ist natürlich immer noch kurz vor der Wiesn, also im August, September und Oktober. „Da kommen viele Spontankäufe von Touristen hinzu“, erzählt Gabriele Hammerschick. Für die ist das Dirndl oft auch ein Freibrief zum Exzess. Ähnlich wie an Fasching schlüpfen Oktoberfest-Besucher in eine Art Tarnkappe, in der alles erlaubt ist. Besonders die internationalen Touristen und zuagroasten Münchner greifen dann zum Mini-Dirndl aus glänzenden Stoffen mit allerlei Verzierungen oder gar zur Wegwerf-Lederhose aus Plastik. Sogar Discounter wie Lidl oder Kik bieten Billigvarianten für 40 oder 50 Euro an, oft mit einfachem Reißverschluss statt Schnürung oder Häkchen.

          Früher trugen viele Besucher Freizeitkleidung, seit dem Jahr 2000 besinnen sie sich auf das traditionelle Heimatkostüm der Bayern zurück.

          Als Cora Schumacher, die ehemalige Frau des Rennfahrers Ralf Schumacher, im Dirndl mit Strassverzierungen in Totenkopf-Form auf der Wiesn auftauchte, rümpften die Einheimischen natürlich die Nase über die verkitschte Massenvariante des Originals. Aber welches Original ist damit nun eigentlich gemeint?

          Simone Egger hält die ewige Diskussion um das richtige Dirndl für „elitäres Gerede“ und „Halbwissen“: „Wenn jemand von einem authentischen Dirndl oder Original-Tracht spricht, kriege ich die Krise. Das ist eine unnötige Ethnisierung von Kleidung. Der Begriff Tracht bezeichnet zunächst einmal alle vorindustriellen Gewänder insgesamt.“ Ebenso sei die weitverbreitete Regel, wo man die Schleife der obligatorischen Dirndl-Schürze zu binden hat (rechts verheiratet, links ledig), eine reine Erfindung: „Das ist ein urbaner Mythos, der sich so hartnäckig verbreitet hat, dass er wirkungsmächtig wurde.“

          Zu jeder Trendwelle gehört auch eine Gegenbewegung. So wollen manche schon einen Rückgang des Dirndl-Booms entdeckt haben, der Zenit sei überschritten. Richtig ist: Immer mehr Frauen tragen Trachten-Janker zu Jeans oder auch Lederhosen statt eines offenherzigen Dirndls. International ist der Dirndl-Trend jedoch ungebrochen. Die Münchner Designerin Carolin Kopp verkauft handgemachte Modelle in ihrer Wahlheimat Dubai: „Es gibt inzwischen zig Oktoberfeste in Dubai, und die Damen wollen natürlich passend gekleidet sein. Im Ausland identifiziert man sich plötzlich viel mehr mit seinem Heimatland, da wird der Hamburger zum Bayer und das Dirndl zum Identifikationssymbol.“ Doch neben den Auswanderern zählt sie auch viele Araberinnen zu ihren Kundinnen, die bei privaten Festen die verhüllende Burka ablegen und es auf­wendig mögen: „Ich verwende für meine Dirndl indische Seiden-Saris, orientalische Brokatstoffe und reich bestickte Spitze“, sagt die Designerin. „Viel Glitzer und Bling-Bling. Nur die Schnitte sind bei mir ganz klassisch. Es ist und bleibt ein Stück Tradi­tion und soll auch keine Verkleidung sein.“ Dahoam ist eben Dahoam. Dank Dirndl gilt das überall auf der Welt.

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