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Digitale Optiker : Keine Zukunft ohne klaren Durchblick

  • -Aktualisiert am

Auch diesen Laden in Amsterdam kann es übermorgen noch geben – sofern er seine Nische bedient. Ansonsten übernehmen das künftig zu Beispiel die Onlineshops. Bild: Picture-Alliance

Alle vier Jahre kaufen sich Deutsche im Durchschnitt eine neue Brille. Das könnte sich bald ändern. Neue Brillen-Konzepte machen dem traditionellen Optikergeschäft zunehmend das Leben schwer.

          In den vergangenen Wochen beklagt meine 16 Jahre alte Tochter immer wieder, dass sie die Einträge an der Schultafel nicht mehr richtig lesen könne. Die Diagnose beim Augenarzt: Kurzsichtigkeit auf beiden Augen. Eine Brille muss her.

          Auf der Suche nach einem modischen Gestell bekommen wir den Favoriten unserer Tochter präsentiert: ein Designergestell für 290 Euro, macht mit Gläsern rund 500 Euro. Als wir darüber diskutieren, ob wir bereit sind, diese stolze Summe auszugeben, angesichts ihrer Ankündigung, die Brille ohnehin nur in der Schule zu tragen, und der recht hohen Wahrscheinlichkeit, dass die geschmackliche Präferenz unserer Tochter in einem halben Jahr schon wieder anders aussehen kann, ganz zu schweigen von der Gefahr, dass eine Brille auch schnell mal verlorengeht in dem Alter – da gibt uns eine Freundin den Tipp: „Geht doch mal zu Ace & Tate, da habe ich meine Brille gekauft.“

          Nur ein Rezept vom Augenarzt hochladen

          Das Geschäft des niederländischen Filialisten liegt im Glockenbachviertel, Münchens angesagtem Ausgehviertel, und ist offensichtlich ein Treffpunkt für junge, stilbewusste Menschen, die zwischen Kakteen, grauem Gussbeton und hellem Holz Brillen aus Messing oder transparentem Kunststoff anprobieren. Das Ambiente ist cool und pur, die Verkäufer sind jung und trendbewusst – und man muss schon genau hingucken, um zu erkennen, wer Kunde und wer Mitarbeiter ist.

          Dasselbe Szenario zwei Straßen weiter beim Schweizer Start-up-Unternehmen Viu: In einem cleanen Umfeld von weißen Wänden und hellem Holz sind topmodische Brillengestelle nach Kategorien wie „The Diva“, „The Explorer“ oder „The Smart“ aufgehängt. Man sieht auf den ersten Blick, welches Modell einem zusagt, und wüsste man es nicht besser, man wähnte sich beim Designer-Optiker.

          Umso größer ist meine Freude, als mir die junge Verkäuferin – mit mega-stylisher Brille mit runden Gläsern – erklärt, dass der Brillenfavorit meiner Tochter 165 Euro kostet, inklusive Gläsern. Wie alle Brillen bei Viu. Als es darum geht, ob es jetzt die hellere oder dunklere Fassung sein soll, und wir unschlüssig sind, schlägt sie vor, dass wir beide auf dem Online-Portal ein Modell der Marke nach Hause bestellen und dann in Ruhe überlegen, welches es werden soll. Bis zu vier Brillengestelle kann man kostenlos zur Auswahl nach Hause geschickt bekommen und sich vier Tage lang mit der Entscheidung Zeit lassen. Selbst die Stärke der Gläser lässt sich übers Internet bestimmen, dafür muss man nur ein Rezept vom Augenarzt hochladen; alternativ besteht die Möglichkeit eines Sehtests in einer der Filialen, gegen Aufpreis. Die Lieferung erfolgt innerhalb von sieben bis zehn Tagen.

          Ende des klassischen Optikergeschäfts

          Im Unterschied zum klassischen Optiker, der Brillen für unterschiedliche Zielgruppen bietet, liegt der Fokus auf modischen Brillen zu attraktiven Preisen. Wer eine feuerrote oder grasgrün-zitronengelb gesprenkelte Brille sucht, wird vermutlich nicht fündig werden. Das kompakte Angebot und der Einsatz von Standardgläsern machen die verhältnismäßig günstigen Preise möglich. „Wir sind angetreten mit dem Ziel, die Brille als Fashion-Accessoire erlebbar zu machen“, sagt auch Tammo Bruns, Geschäftsführer von Eyes + More, einem Unternehmen, das 2005 in den Niederlanden gegründet wurde, ein Jahr später nach Deutschland kam und im Februar seine hundertste Filiale eröffnet hat; in den vergangenen dreieinhalb Jahren hat Eyes + More den Umsatz verdoppelt.

          Das Ziel ist klar definiert: Der Brillen-Neukauf-Zyklus von aktuell vier Jahren soll mittelfristig auf eineinhalb Jahre verkürzt werden. „Statt nur eine Brille sollen die Kunden mehrere Modelle haben, um zu jedem Outfit das passende zu tragen. Der Brillenkauf wird zum Fashionkauf. Dafür müssen wir uns dem Rhythmus der Modebranche anpassen“, sagt Bruns. Dafür hat der Geschäftsführer einen Fachmann als Chefdesigner engagiert. Volker Kächele war 17 Jahre lang als Kreativ-Chef bei Hugo Boss für die jüngere Zweitmarke Hugo verantwortlich, bevor er 2015 zum Brillenexperten kam.

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