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© Helmut Fricke

Mann im Anzug

Von ALFONS KAISER, Fotos HELMUT FRICKE

20.10.2016 · Wo ziehen sich die Männer am besten an? Bei den Modemessen in Florenz und Mailand. Wir haben uns von den Männern, die dort aus der Menge herausstechen, in die Geheimnisse ihres Stils einweihen lassen. Und viele Bilder gemacht.

Julian Exposito-Bader Was es alles für Berufe gibt! Julian Exposito-Bader ist Chefeinkäufer für Amazon Europa – und zwar für Schmuck. Der Neununddreißigjährige, der in Ecuador Kommunikation studiert und in London seinen MBA gemacht hat, hat deutsche, arabische und spanische Wurzeln. Man trifft Julian, der in London arbeitet, vielleicht nicht ganz aus Zufall im schattigen Innenhof eines Gebäudes der Pitti-Messe. Denn die Dries-van-Noten-Hose und die Jacke von Omar Kashoura wirken nicht so, als hielte man es darin auch bei 37 Grad gut aus. Julian, der außerdem Eytys-Schuhe trägt, eine Loup-Noir-Tasche und eine Armani-Uhr, widerspricht aber: „Ist alles ganz leicht.“ Das entspricht auch seinem grundsätzlichen Motto: „Meine Mode muss einfach sein."

© Helmut Fricke Julian Exposito-Bader, Heco Dai

Heco Dai Aus den Tausenden Messebesuchern, die am Morgen durch den Giardino di Valfonda zur Modemesse von Florenz gehen, sticht er durch seinen konservativ fortschrittlichen Stil heraus. Heco Dai, erst 26 Jahre alt, ist Gründer des Herrenmodegeschäfts Noos („Never out of stock“) in Schanghai. Er führt dort rund 40 Marken, hauptsächlich aus Italien und Großbritannien. Die Jacke von Boglioli, die Krawatte von Luigi Borrelli, die Wildlederschuhe von Carmina aus Mallorca, die Tasche von Marinella aus Neapel, der Hut von James Lock & Co., dem britischen Hutmacher, die Brille von der amerikanischen Marke Dita - das alles ist wunderbar abgestimmt und sinnvoll aufeinander bezogen. Der Designer, der in Central Saint Martins in London studierte, zählt sich zu einer neuen Generation in China. Fast zehn Jahre lang hat er in England gelebt. It shows!

© Helmut Fricke Alberto Scaccioni

Alberto Scaccioni Dieser Mann tritt in Berufskleidung auf. Alberto Scaccioni ist CEO von „Ente Moda Italia“ und Geschäftsführer der Holding „Centro di Firenze per la Moda Italiana“, zu der auch die Herrenmodemesse Pitti Uomo gehört. In diesem Fall macht Scaccioni jedoch nicht einmal Werbung für italienische Produkte, für die er eigentlich zuständig ist. Anzug und Krawatte sind von der japanischen Marke Camoshita, das Hemd ist von Kenneth Field. Aber er wechselt ohnehin dauernd. Und er liebt eben „American Trad“, wie man den traditionellen Stil der Ivy-League-Universitäten aus den fünfziger und sechziger Jahren nennt. Da wird kein Italiener etwas dagegen haben.

Jörg Broska Das soll bunt sein? Jörg Broska könnte noch ganz anders. Denn der Designer aus Frankfurt, der auch in Florenz seine Herrenaccessoires an den Mann bringen möchte, entwirft Tücher, Krawatten und nun auch Brillen in den wildesten Mustern, die aber, und das ist der Witz, trotzdem passen. Seine Krawatte und sein Hemd, beide selbst entworfen und in Italien hergestellt, geben einen Begriff von den Mustermöglichkeiten. Die Hochwasserhose und die Sandalen schreiben wir mal der Hitze im Süden zu. Mit den kraftvollen Farben zieht er die Blicke auf sich, mit Krempel- und Knitterdetails zeigt er entschiedene Nonchalance. Man muss aber schon sagen: Wenn er im Alnatura an der Eschersheimer Landstraße einkauft, ist er meist einfacher gekleidet.

© Helmut Fricke Jörg Broska, Jonathan Lee

Jonathan Lee Er wirkt unangestrengt wie ein Schüler. Aber Jonathan Lee, Einkäufer für den Modeladen „Shine“ in Hongkong, ist so markenbewusst wie seine Kunden. Hemd und Schuhe sind von Prada, der Pullover ist von Gucci, die Tasche von Loewe, die Shorts von der japanischen Marke John Lawrence Sullivan – das Multibrand-Konzept von „Shine“ wendet der „Senior Buyer“ also auch auf sich selbst an. Jonathan, der schon auf die 40 zugeht, hat in Vancouver Wirtschaft studiert und in Tokio, Nottingham und an der University of Arts in London Modedesign. Was man nicht lernen kann, sondern können muss: Shorts zu lieben. Zu Florenz passt im Sommer kein Kleidungsstück besser.

Alessio Gigliani Aus Liebe zur Mode hat er das natürlich alles gemacht. Alessio Gigliani hat aber wirklich bewiesen, dass die Leidenschaft tief ist und lang dauert: Im Mai feierte er den zwanzigsten Jahrestag der Gründung seines Geschäfts „Dandy‛s“ in Rom. Alessio ist der beste Werbeträger für seinen Laden an der Via Galvani. Er trägt ein Gilet von L.B.M. 1911, eine Hose von Berwich, Socken von Gallo und ein Hemd aus eigener Produktion, also von „Dandy‛s“. Wichtig ist ihm: „Tutto e fatto in Italia.“ Alles soll, bitte schön, in Italien hergestellt worden sein. Als ob er diese Haltung auch persönlich vermitteln wollte, spricht Alessio keine lebende Fremdsprache. Er teilt sich halt durch Chiara mit, seine Begleiterin. Und natürlich durch seinen so aufgeräumten wie hemdsärmeligen Stil.

© Helmut Fricke Alessio Gigliani, Sylvain Justum

Sylvain Justum Vor der Ferragamo-Herrenschau an der Piazza degli Affari in Mailand warten Dutzende toll gekleideter Männer. Aber Sylvain Justum ragt heraus, obwohl er gar nicht groß ist, sondern eher zierlich. Stimmt alles: von den Sneakern, die Osklen aus der Schuppenhaut des brasilianischen Pirarucu-Fischs gefertigt hat, über die Hose von Ralph Lauren und den Blazer von Margiela bis zu den graumelierten Haaren. Als Modechef der brasilianischen „GQ“ weiß er eben, wie man's macht. Sein Rezept: „Individualität ist wichtiger, als trendy zu sein.“ Nur eine Regel des Arbeitslebensstils hat der Dreiundvierzigjährige nicht beachtet: Er ist besser gekleidet als sein Chefredakteur, der es aber mit Würde erträgt, dass er nicht fotografiert wird.

Kampol Likitkanjanakul Diese Moderedakteure! Wissen einfach immer, was man tragen muss. Das Hemd ist von Thomas Pink in London, der Anzug von der thailändischen Marke 1978 studio, die Schuhe von Fratelli Rossetti, die Tasche von Hugo Boss, die Sonnenbrille von Ray Ban. Kampol Likitkanjanakul aus Bangkok, der sich auch kurz Pop Kampol nennt, ist Stylist und Redakteur der thailändischen „GQ“; vorher war er bei „L‛Officiel“. Der Siebenunddreißigjährige, der einst das London College of Fashion besuchte, liebt formelle Kleidung. Auf Instagram (#popkampol) beweist er es. Höchstens am Wochenende, im Park, sagt der Stylist, der gerade auf dem Weg zur Prada-Schau in Mailand ist, trage er vielleicht mal eine weiße Hose oder einen leichten Leinenanzug. "Aber immer schick und höflich und wohlerzogen.“ Und wer kann das schon von sich behaupten?

© Helmut Fricke Kampol Likitkanjanakul, Filippo Sorrentino

Filippo Sorrentino Die selbstbewusste Haltung hat er seiner Jugend entliehen. Filippo Sorrentino ist nämlich gerade einmal 21 Jahre alt und studiert Design an der Nuova Accademia di Belle Arti in Mailand. Zur Mode ist er mit seiner Freundin gekommen – die beiden verlassen gerade die ArmaniSchau. Zu den NMD-Sneakern von Adidas trägt er daher Hose und Jacke von Armani, außerdem eine Brille von Swatch, einen Armreif von Cartier und eine Uhr von Hublot. Sein Motto: „sportivo e elegante insieme“, gleichzeitig sportlich und elegant. Er findet es lustig, dass Armani nun mit den weiten Hosen wieder in Mode ist. Das ist er, Filippo, somit nun natürlich auch.

Laviniu Flonta „Man muss anders sein.“ Das hat Laviniu Flonta schon mal geschafft, mit einem selbstgeschneiderten Anzug, mit farbenfrohen Nike-Sneakern, der Krawatte von Gutteridge und der Ray-Ban-Sonnenbrille. Und natürlich mit seinem Bart, den er seit dreieinhalb Jahren nicht rasiert hat. Laviniu stammt, wie sein Vorname verrät, aus Rumänien. In seiner Heimatstadt Oradea an der Grenze zu Ungarn betreibt der Fünfundzwanzigjährige den Barbershop und Männermodeladen „Sprezza By Laviniu Flonta“. Und weil man anders sein muss, ist er auch Blogger und auf Instagram leicht unter #beardalicious zu verfolgen. „Es kommt auf den spannenden Mix an.“ Wir haben verstanden. Und ahnen, dass sich das Motto auch auf das ganze Leben bezieht.

© Helmut Fricke Laviniu Flonta

Robert Dodd Es gibt solche und solche Dandys. Die meisten sind solche. Robert Dodd nicht. Er ist nicht einmal ein Dandy. Und er ist gewiss nicht dabei, wenn sich die „Pitti Peacocks" aufplustern, also die Pfauen der Männermode. Robert, der in seinem Showroom in Paris große internationale Marken vertritt und vertreibt, ist eines der sehr seltenen Stilvorbilder, die entspannt geblieben sind. Schlichter und besser kann man sich kaum kleiden: Die Hose ist von Christophe Lemaire, das Hemd von Jil Sander aus den Neunzigern, die Sneaker sind von Superga. Und weil man als Zweiundfünfzigjähriger auch nicht auf falsche Marken hereinfällt, schwört er auf T-Shirts von Mey, also dem guten alten deutschen Wäschehersteller von der Schwäbischen Alb. Beschte Ware.

© Helmut Fricke Robert Dodd, Fabrizio Politi

Fabrizio Politi Spürt man es wegen der zielgerichtet lockeren Pose? Oder weil das alles nur allzu gut zusammenpasst? Fabrizio Politi gehört jedenfalls zu denen, die aus dem guten Look ein gutes Geschäft gemacht haben. Er trägt Levi‛s 501 und an den Füßen das Modell Iron Ranger von Red Wing. Der Art Director und Instagrammer (#misteruniquelife), laut Selbstauskunft ein „Tattoo and Bulldog Lover“, mag Vintage-Klamotten. Und die Storys stimmen auch: Seine Mutter, erzählt er, wollte das Jeanshemd nicht zurechtschneiden und Taschen annähen – also hat er es kurzerhand selbst gemacht. Fabrizio macht übrigens auch Werbung für die Veranstaltung „Denim Boulevard“. Welche Pose und welche Hose hier Reklame sind oder nur Werbung für ihn selbst – wer weiß das schon!

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 20.10.2016 10:49 Uhr