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Juwelier Tiffany : Glänzt durch Anwesenheit

  • -Aktualisiert am

Egal, wie kurz ein Treffen ist mit dieser Frau: Sie wird im Handumdrehen den Sinn eines Armreifs erklären und sich für eine Halskette nicht um Kopf und Kragen reden. Bild: Helmut Fricke

Schon zum Frühstück ist sie Tiffany: Francesca Amfitheatrof, die erste Kreativchefin in der Geschichte des Juweliers, macht Schmuck mit Tempo, Stilgefühl und Weltläufigkeit.

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          Es wird ein Gespräch wie im Vorübergehen. Oder wie im Stechschritt. Je nachdem, wie schnell man mitdenkt und mitläuft. Oder ist es gar ein Durchmarsch? Francesca Amfitheatrof hat nicht viel Zeit zu verlieren. Daher ist sie dauernd auf den Beinen, immer unterwegs, nicht zu bremsen. Nur ihr Name dauert lange. Man möchte gern mal dabei sein, wie sie dem Mitarbeiter einer Servicefirma am Telefon „Amfitheatrof“ buchstabiert.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Und weil sie noch ein paar Dinge nebenbei zu erledigen hat, ist ein Stündchen mit ihr im großen Geschäft von Tiffany & Co. an den Champs-Elysées wie ein ganzer Arbeitstag im Leben einer Chefdesignerin.

          Was machst du? Wohin gehst du jetzt? Wie war das? Hallo, wie geht's dir? Könnten Sie mir den Schrank öffnen? Könnten Sie mir die Kette herausholen? Wohin soll ich mich fürs Foto stellen?

          Das sind allein die Fragen, die sie während des Interviews an sechs verschiedene Mitarbeiterinnen stellt, die um sie herum schwirren, weil sie schon wissen, dass jede Sekunde etwas passieren kann bei dieser Frau.

          Es geht „nur“ um Schmuck

          Dabei geht es eigentlich nur um Schmuck. Aber was heißt hier schon wieder „nur“? Francesca Amfitheatrof ist erst richtig in ihrem Element, wenn sie erzählt, wie ein Verschluss geformt sein muss, damit die Ketten eines Armbands schön herunterfallen. „Man muss damit spielen“, sagt sie - und bebildert schon den ersten wichtigen Trend in der Joaillerie, dass sie nämlich nicht steif ist, sondern wackelt, baumelt, ruckelt und fließt. So spürt ihn die Trägerin immer wieder neu. Und so hat der Zuschauer seine Freude an der Bewegung.

          Bewegung - das könnte das Motto sein. Francesca Amfitheatrof ist lebenslang unterwegs gewesen. Ihr Vater, ein „Time“-Korrespondent von russisch-italienischer Herkunft, wechselte alle vier Jahre den Sitz. So wuchs sie unter anderem in Tokio, Rom, Moskau und Manhattan auf. Auch das Stilgefühl wurde ihr schon in der Kindheit mitgegeben, denn die Mutter, eine Italienerin, war PR-Dame für Armani und Valentino. Zuletzt lebte sie in London. Für ihre neue Arbeit zog sie mit Mann und zwei Kindern nach Clinton Hill, in eines der schönen Viertel von Brooklyn mit schnellem Anschluss an Manhattan.

          Ihre ersten Erfindungen für die Marke: Die Linie „T“ lässt sich von der Architektur New Yorker Hochhäuser anregen. Bilderstrecke

          Es konnte also gar kein Wunder mehr sein, als sie vor zwei Jahren als erste Frau in der Geschichte des amerikanischen Juweliers zur Kreativchefin berufen wurde. Obwohl die Geschichte der Marke immerhin bis 1837 zurückreicht, obwohl ihre Vorgänger nur Männer waren (der letzte von ihnen 30 Jahre in dieser Position) und obwohl Tiffany & Co. bis dahin nicht als fashion forward galt.

          „Das ganze Leben darauf vorbereitet“

          Das alles hat sich mit ihrer Einstellung vor zwei Jahren schnell geändert. Mit ihrer Erfahrung ist Francesca Amfitheatrof nicht die Frau, die unter der Last der Verantwortung ächzen würde. „Im Grunde habe ich mich mein Leben lang auf diesen Job vorbereitet“, erzählt sie nonchalant. „Ich wuchs international auf, verstehe viele Kulturen und bin sehr neugierig und offen.“

          Im Schmuck-Business verlaufen Revolutionen über Jahre. Bei der Marke, die mit Audrey Hepburn als Holly Golightly in „Frühstück bei Tiffany“ (1961) unsterblich wurde, dauern sie womöglich Jahrzehnte. Das hängt auch mit dem einfachen Umstand zusammen, dass die Produktpalette so groß ist wie die Preisspanne. Vielleicht ist es der einzige Juwelier, bei dem man als Kunde für zehn Millionen Euro etwas findet, aber auch für 100 Euro. Und noch etwas: „Man muss bedenken, dass wir keine Trends schaffen, sondern zeitlose Teile herstellen wollen. Das heißt nicht, dass sie langweilig sein müssen. Man sollte eben nur lange seine Freude daran haben können.“

          Bei dieser Unterhaltung im Geschäft und Showroom in Paris muss man sich eine heisere, raue, tiefe Stimme vorstellen, die im Hintergrund auch noch unterlegt ist von jazziger Trompetenmusik und dem Knarren alten Parketts. Fast könnte ihre Stimme verrucht wirken, wenn es nicht zielgerichtet um offene Armreifen ginge, um silberne Halsketten und eingefasste Diamanten.

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