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Mode und Jugendkult : Turnschuhe für alle

  • -Aktualisiert am

Bekleidung soll heute primär einen Zweck erfüllen: Das eigene Individuum in den Mittelpunkt rücken. Dabei ist es Jugendlichen heute kaum noch möglich, sich modisch von ihren Eltern abzugrenzen.

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          Auf den ersten Blick könnten sie Freundinnen sein. Beide tragen Röhrenjeans, dazu Trenchcoat und Turnschuhe. Arm in Arm schlendern sie durch Münchens Innenstadt. Es sind Mutter und Tochter beim gemeinsamen Einkaufsbummel. Einträchtig, harmonisch, gleich. Die Zeiten sind vorbei, als Mutter und Tochter ihre verschiedenen Rollen über die Bekleidung kommunizierten. Das gilt für Frauen und Männer gleichermaßen. Heute wundert sich keiner mehr, wenn der 50-Jährige in der Biker-Jacke in seine Familienkutsche steigt, Mittvierziger unter riesigen Wollmützen ihre Geheimratsecken verstecken, Großmütter Liebeskummer haben und Rentner mit dem Mountainbike durch die Stadtparks cruisen.

          Die Autorität der Alten ist zugunsten einer Berufsjugendlichkeit gewichen. In einer Gesellschaft, in der die Erwachsenen der ewigen Jugend hinterherlaufen, bleibt für junge Menschen nicht viel Raum, sich stilistisch neu zu definieren. Nicht nur in der Mode, auch in anderen Lebensbereichen gibt es kaum noch etwas, womit Jugendliche sich abgrenzen können. Es existieren so gut wie keine Tabus mehr. „Die Jugendlichen von heute sind in einer Zeit groß geworden, in der alles permanent im Wandel ist und jeder nach seiner Fasson glücklich werden kann“, sagt Thomas Huber von der Hamburger Forschungsagentur Sturm und Drang. „Wir haben eine Individualisierungsrate erreicht, die nicht mehr zu toppen ist. Man kann alles aus dem Ich heraus definieren.“

          Anders als noch in den sechziger oder siebziger Jahren spiele die klassische Abgrenzung bei Jugendlichen von ihren Eltern deshalb keine Rolle mehr. Damals litten die Werte der Eltern noch unter den Nachwehen des Zweiten Weltkriegs und ihrer morschen Moral. Der Jugend blieb gar nichts anderes übrig, als sich davon zu distanzieren und anders zu definieren. Das hat auch die Mode geprägt. Dasselbe anziehen wie Mutter und Vater? Undenkbar. Man grenzte sich nicht nur von anderen Generationen, sondern auch noch von Gleichaltrigen ab. Von denen, die andere Musik hörten, in anderen Stadtvierteln wohnten oder lieber auf dem Bolzplatz hingen als auf dem Tennisplatz.

          Für all diese Splittergruppen übernahm Bekleidung die Funktion eines Codes, um der Außenwelt zu zeigen, ob man Punk, Raver, Rapper, Surfer oder Popper war. Das erforderte die richtige Jacke, die richtige Frisur und eben auch die richtige Marke.

          Fragmentierung der Jugend

          In den neunziger Jahren schien die Fragmentierung der Jugend und ihrer Bekleidungsstile ihren Höhepunkt erreicht zu haben. Musik und Sport wurden Identifikationsfaktoren einer ganzen Generation. Die Alten fuhren Ski, die Jungen Snowboard. Der Vater radelte am Wochenende, der Sohn ging zum „Biken“. In der Musik ließen Techno und Hip-Hop eine völlig neue Bekleidungskultur entstehen. Techno-Fans, die sogenannten Raver, trugen auf der „Love Parade“ gummierte Hosen, knallbunte T-Shirts und Kopftücher mit Smiley-Gesichtern. Die Anhänger von Hip-Hop-Musik, deren Ursprünge aus der New Yorker Bronx kommen, bevorzugten übergroße Hosen, Kapuzen-Sweatshirts, dicke Daunenjacken und Turnschuhe. Dass sich die beiden Musikströmungen so durchsetzen konnten, ist auch dem Musiksender MTV zu verdanken, der sich Anfang der neunziger Jahre in rasendem Tempo auf allen fünf Kontinenten verbreitete und damit Jugendlichen von Schanghai bis Gütersloh Trends aus Musik und Mode global zugänglich machte.

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          Bis heute hat sich daran nichts geändert. Nur ist das Wir-Gefühl der jeweiligen Gruppe einem großen Ich gewichen. Bekleidung erfüllt vor allem einen Zweck: das eigene Individuum in den Mittelpunkt zu rücken. Die Selbstinszenierung ist dabei das Maß aller Dinge. Wer mit dem Smartphone ein Selfie von sich aufnimmt und online zeigt, bekommt per Click postwendend die Reaktion darauf. Mode ist kein Trend-Diktat, sondern man bedient sich der Mode, um am eigenen Ich zu basteln.

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