https://www.faz.net/-hrx-972v8

Die Mode der Achtundsechziger : Ein Look wie ein Zähneknirschen

Offene Hemden, durchsichtige Blusen und lange Kleider - die Mode der Sechziger Jahre spiegelte Protest wider. Bild: Picture-Alliance

Viele Achtundsechziger kleiden sich schlecht. Dabei war ihr Look damals gar nicht so unwichtig. Heute ist daraus ein einziger Kompromiss geworden.

          4 Min.

          Auch wer mit einem Achtundsechziger in der Fußgängerzone unterwegs ist, muss öfter vor den Schaufenstern stehenbleiben. Aber natürlich nur, damit der Achtundsechziger, zum Beispiel vor dem Herrenausstatter, lachen kann. Der Achtundsechziger lacht über die Sakkos aus schweren Stoffen, die weichen Kaschmirpullover, die Hosen mit Bügelfalten. Über Mode, die in seinen Augen aussieht, als hätte sich jemand nicht nur angezogen, sondern auch angepasst. Er lacht deshalb dann nicht mehr, wenn er selbst in der ersten Etage so eines Ladens steht und dort nur Anzüge sieht, vor ihm zwei junge Herren in Anzug und Krawatte, die ihm einen Anzug verkaufen wollen. Der Achtundsechziger würde lieber in seiner abgewetzten Lederjacke bleiben und in seinen zu großen oder zu kleinen Hosen. Wenn er denn könnte.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Look der Achtundsechziger ist nicht gut gealtert. Wie sollte er auch, so typisch jugendlich und lustbetont, wie er damals war. Für die Frauen: Miniröcke und transparente Blusen ohne BHs darunter, für die Männer: offene Hemden, breite Gürtel. Im Winter Parka. Was hat eine zeitgemäße Mode damit noch zu tun, also eine Mode, die jetzt sogar gelegentlich als modest beschrieben wird, als wäre sie für strengreligiöse Christen, Juden, Muslime gemacht? Dabei tragen die Sommerkleider, die aussehen wie Gewänder, auch junge Frauen, die von ihren Achtundsechziger-Eltern glaubensfern erzogen wurden.

          Auch diese Mode ist in den Augen der Achtundsechziger mindestens Establishment: Hemden zu jeder Gelegenheit, auch am Wochenende, Manschettenknöpfe, Wollmäntel, ein guter Haarschnitt. Oder T-Shirts mit weit ausgeschnittenen Kragen, die unter Slim-Fit-Hemden verschwinden - würden Achtundsechziger eher nicht tragen, sie wollen ja signalisieren, dass sie unter dem Hemd auf jeden Fall ein T-Shirt tragen. „Die Achtundsechziger sind damals lockerer geworden“, sagt Gabriele Rohmann vom Archiv der Jugendkulturen in Berlin. „Auch Rudi Dutschke trug in früheren Zeiten noch gesetztere Kleidung als später.“ Dieses Später spielt bis heute eine Rolle, es sieht jetzt immer ein bisschen schlampig und schludrig aus. Passt gut, da Mode in den Augen der Achtundsechziger ohnehin eher Nebensache ist, wenn überhaupt.

          Die Achtundsechziger prägten den Begriff von Mode doppelt

          Dabei war so ein Look damals, in Zeiten der Sit-ins und Straßenkämpfe, gar nicht so unwichtig. Sagt auch der Achtundsechziger selbst, der sich übers Shopping in der Fußgängerzone vor allem gerne lustig macht. Mode ist ein schönes Mittel, um sich abzugrenzen. Darum ging es damals, also brauchte es Teile, die das Establishment nicht trug. Mode war ein Zeichen des Protests, aus der Protestmode wurde der Look. „Man wusste einfach, dass man recht hatte, auch im Outfit. Wenn mir jemand auf der Straße begegnete, konnte ich anhand des Outfits sehen, welche Musik er hört.“ Die Freiheit des Denkens zeigte sich auch in der Freiheit des Kleidens. „Die Abgrenzung von der älteren Generation, das Sprengen von Konventionen, zog sich damit bis in die Kleidung“, sagt auch der Soziologe Klaus Hurrelmann, Ko-Autor der vergangenen vier Shell-Jugendstudien, die seit 1953 alle vier Jahre einen Eindruck vom Lebensgefühl junger Menschen geben.

          Keine Geschichte verpassen: F.A.Z. Stil bei Facebook und Instagram

          Dieser Bruch, diese Coolness, die sich schon ein Jahrzehnt vorher mit dem Look der Halbstarken andeutete und von den Achtundsechzigern weitergedreht wurde, ist bis heute ironischerweise der Antrieb der Mode. Die Achtundsechziger haben den Begriff von Mode also gleich doppelt geprägt. Bewusst als etwas Frivoles, Überflüssiges, unbewusst als etwas Freiheitliches, Selbstbestimmtes. „Ohne die Achtundsechziger hätten wir nicht diese Bereitschaft, sich Neuem zu öffnen“, sagt Klaus Hurrelmann. „Schaut man dann ein zweites Mal hin, ist die Mode damals aber genauso konformistisch wie das, was vorher war. Wer nonkonformistisch gegenüber diesem Nonkonformismus der Achtundsechziger war, wurde sofort ausgegrenzt.“

          Es war also nicht so egal, was man trug, selbst wenn es so propagiert wurde. Das konsequent Antiautoritäre gingen die Achtundsechziger geradezu autoritär an. „Wenn etwas mit der Kleidung nicht stimmte“, sagt Hurrelmann, „war das genauso schlimm, wie wenn etwas nicht mit der ideologischen Akzentsetzung stimmte.“

          Im Netz kursierte dazu im vergangenen Sommer ein netter Bildvergleich zwischen Jeremy Corbyn (Jahrgang 1949) und David Cameron (Jahrgang 1966). Das war in der Zeit, als Cameron, der Sohn des Establishments, sich mit dem von ihm angezettelten Referendum verspekuliert hatte, und Jeremy Corbyn, eindeutig Achtundsechziger, gerade auf einem guten Weg war, also auf dem Weg vom unbeliebten (und am schlechtesten angezogenen) Politiker zur Ikone. Nicht zuletzt zur Stilikone junger Menschen, also all der Corbynistas, die ihn beim Glastonbury Festival in einem Sprechgesang feierten, und all der Eltern, die ihren Neugeborenen den Vornamen Corbyn gaben.

          Vielleicht geht es einfach nicht anders

          Sein Auftritt erinnert an das Bild von Mode, mit dem die Leute von Vetements und Off-White das System in den letzten Jahren erst ein bisschen aufgemischt haben, bevor sie ganz schnell vom System aufgesaugt wurden. Demna Gvasalia arbeitet ja jetzt für Balenciaga und Virgil Abloh wird sicher der nächste Designer sein, der bei einer LVMH- oder Kering-Marke anfängt. Der Kommentar zu den beiden Bildern der so gegensätzlichen britischen Politiker lautete: „Was Corbyn und Cameron in den Achtzigern so gemacht haben“. Cameron in Frack, Weste und Fliege mit seinesgleichen in Cambridge, Corbyn mit Bart, längeren Haaren und einem Schild vor der Brust, auf dem er gegen die Apartheid votiert. Er wird in der Szene gerade von zwei Polizeibeamten abgeführt.

          Vielleicht geht es also nicht anders. Vielleicht kann jemand, der in seinen Zwanzigern und Dreißigern Protest auch mit langen Haaren und Anti-Establishment-Kleidung gelebt hat, nicht auf einmal Anzug tragen, Hemden, die vernünftig sitzen, und Hosen, die weder zu weit sind noch zu eng. Schon gar nicht, wenn er seitdem in dem Glauben lebt, einer Generation anzugehören, die es besser weiß, die in jedem Fall Recht hat. Nur: Breite Gürtel, offene Hemden, Schlaghosen, transparente Blusen oder Miniröcke sind heute keine Option mehr.

          Aus dem Look der Achtundsechziger ist ein großer Kompromiss geworden, der das Bild der Mode in Deutschland bis heute prägt. Was die Jugend damals trug, mag rückblickend sogar cool sein. Heute ist es ein Look wie ein Zähneknirschen. Denn so jugendlich, so lustbetont geht es eben nicht mehr. Die Achtundsechziger sind heute ja an die siebzig. Also Konsenskleidung? „Man hat sich dem Mainstream angepasst“, sagt der Achtundsechziger, der bei dem Wort Herrenausstatter Würgereize bekommt und lieber zum Flohmarkt geht. „Wo noch Leben ist.“ Wo er sich an eine Zeit erinnert, als Gefühle eine größere Rolle gespielt haben. „Ein Achtundsechziger von heute ist ganz selten so gekleidet wie Angehörige der Generation davor“, sagt Klaus Hurrelmann. „Die Botschaft, dass sie nicht den vorgegebenen fremdbestimmten Konventionen folgen wollen, ist geblieben.“

          Nur haben wir es heute mit einer besonders schlauen Modeindustrie zu tun. Auch deren Ziel sind Kleider für ein selbstbestimmtes Leben, für Freiheit. „Sie verkauft ihren Stil als individuell, ist aber doch von der Industrie gesteuert. Das ist in den Augen der Achtundsechziger unerträglich“, sagt Hurrelmann. Und der Achtundsechziger, der es eben deshalb vorzieht, vor dem Herrenausstatter zu stehen und zu lachen, als sich darin wie selbstverständlich einzukleiden wie Männer seiner Generation, zählt auf: Manschettenknöpfe, Hosen mit Bundfalten, Sakkos, besitzt er natürlich längst alles selbst. Er zieht es auch an, weil es halt nicht anders geht. „Aber ich sage es ganz ehrlich: Ich mache das für die Menschen um mich herum, nicht für mich selbst.“

          Weitere Themen

          Die Macht der Delegierten

          FAZ Plus Artikel: CDU vor der Wahl : Die Macht der Delegierten

          Otto Wulff ist der älteste Delegierte auf dem digitalen CDU-Parteitag, Lilli Fischer die jüngste. Mehr als sechzig Jahre Parteigeschichte liegen zwischen ihnen. Jetzt wählt die Partei eine neue Spitze und sie schreiben das nächste Kapitel.

          Topmeldungen

          Laschets Gratwanderung : Der Kampf um den Kurs geht weiter

          Die CDU glaubt nicht ohne Grund, dass Armin Laschet besser als Friedrich Merz die innerparteiliche Spaltung überwinden kann. Dazu muss aber auch der neue Vorsitzende über sich hinauswachsen.

          Pläne der Bahn : Zugfahren nur noch mit FFP2-Maske?

          Die Deutsche Bahn denkt über eine FFP2-Maskenpflicht in sämtlichen Regional- und Fernzügen nach. Das würde einen Bedarf von Millionen Masken täglich bedeuten. Und es gibt noch weitere Probleme.
          Bleibt schlank und pflegt dabei ihre Zähne: Gitta Saxx

          Herzblatt-Geschichten : Mach es wie der Honigdachs

          Warum Wladimir Klitschko ein seltsames Tier verehrt, was Dana Schweiger von Tils Neuer hält und wie Bohlen von den Malediven grüßt: Die Herzblatt-Geschichten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.