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Die Mode der Achtundsechziger : Ein Look wie ein Zähneknirschen

Offene Hemden, durchsichtige Blusen und lange Kleider - die Mode der Sechziger Jahre spiegelte Protest wider. Bild: Picture-Alliance

Viele Achtundsechziger kleiden sich schlecht. Dabei war ihr Look damals gar nicht so unwichtig. Heute ist daraus ein einziger Kompromiss geworden.

          Auch wer mit einem Achtundsechziger in der Fußgängerzone unterwegs ist, muss öfter vor den Schaufenstern stehenbleiben. Aber natürlich nur, damit der Achtundsechziger, zum Beispiel vor dem Herrenausstatter, lachen kann. Der Achtundsechziger lacht über die Sakkos aus schweren Stoffen, die weichen Kaschmirpullover, die Hosen mit Bügelfalten. Über Mode, die in seinen Augen aussieht, als hätte sich jemand nicht nur angezogen, sondern auch angepasst. Er lacht deshalb dann nicht mehr, wenn er selbst in der ersten Etage so eines Ladens steht und dort nur Anzüge sieht, vor ihm zwei junge Herren in Anzug und Krawatte, die ihm einen Anzug verkaufen wollen. Der Achtundsechziger würde lieber in seiner abgewetzten Lederjacke bleiben und in seinen zu großen oder zu kleinen Hosen. Wenn er denn könnte.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Look der Achtundsechziger ist nicht gut gealtert. Wie sollte er auch, so typisch jugendlich und lustbetont, wie er damals war. Für die Frauen: Miniröcke und transparente Blusen ohne BHs darunter, für die Männer: offene Hemden, breite Gürtel. Im Winter Parka. Was hat eine zeitgemäße Mode damit noch zu tun, also eine Mode, die jetzt sogar gelegentlich als modest beschrieben wird, als wäre sie für strengreligiöse Christen, Juden, Muslime gemacht? Dabei tragen die Sommerkleider, die aussehen wie Gewänder, auch junge Frauen, die von ihren Achtundsechziger-Eltern glaubensfern erzogen wurden.

          Auch diese Mode ist in den Augen der Achtundsechziger mindestens Establishment: Hemden zu jeder Gelegenheit, auch am Wochenende, Manschettenknöpfe, Wollmäntel, ein guter Haarschnitt. Oder T-Shirts mit weit ausgeschnittenen Kragen, die unter Slim-Fit-Hemden verschwinden - würden Achtundsechziger eher nicht tragen, sie wollen ja signalisieren, dass sie unter dem Hemd auf jeden Fall ein T-Shirt tragen. „Die Achtundsechziger sind damals lockerer geworden“, sagt Gabriele Rohmann vom Archiv der Jugendkulturen in Berlin. „Auch Rudi Dutschke trug in früheren Zeiten noch gesetztere Kleidung als später.“ Dieses Später spielt bis heute eine Rolle, es sieht jetzt immer ein bisschen schlampig und schludrig aus. Passt gut, da Mode in den Augen der Achtundsechziger ohnehin eher Nebensache ist, wenn überhaupt.

          Die Achtundsechziger prägten den Begriff von Mode doppelt

          Dabei war so ein Look damals, in Zeiten der Sit-ins und Straßenkämpfe, gar nicht so unwichtig. Sagt auch der Achtundsechziger selbst, der sich übers Shopping in der Fußgängerzone vor allem gerne lustig macht. Mode ist ein schönes Mittel, um sich abzugrenzen. Darum ging es damals, also brauchte es Teile, die das Establishment nicht trug. Mode war ein Zeichen des Protests, aus der Protestmode wurde der Look. „Man wusste einfach, dass man recht hatte, auch im Outfit. Wenn mir jemand auf der Straße begegnete, konnte ich anhand des Outfits sehen, welche Musik er hört.“ Die Freiheit des Denkens zeigte sich auch in der Freiheit des Kleidens. „Die Abgrenzung von der älteren Generation, das Sprengen von Konventionen, zog sich damit bis in die Kleidung“, sagt auch der Soziologe Klaus Hurrelmann, Ko-Autor der vergangenen vier Shell-Jugendstudien, die seit 1953 alle vier Jahre einen Eindruck vom Lebensgefühl junger Menschen geben.

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          Dieser Bruch, diese Coolness, die sich schon ein Jahrzehnt vorher mit dem Look der Halbstarken andeutete und von den Achtundsechzigern weitergedreht wurde, ist bis heute ironischerweise der Antrieb der Mode. Die Achtundsechziger haben den Begriff von Mode also gleich doppelt geprägt. Bewusst als etwas Frivoles, Überflüssiges, unbewusst als etwas Freiheitliches, Selbstbestimmtes. „Ohne die Achtundsechziger hätten wir nicht diese Bereitschaft, sich Neuem zu öffnen“, sagt Klaus Hurrelmann. „Schaut man dann ein zweites Mal hin, ist die Mode damals aber genauso konformistisch wie das, was vorher war. Wer nonkonformistisch gegenüber diesem Nonkonformismus der Achtundsechziger war, wurde sofort ausgegrenzt.“

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